Das Alter nagt an der körperlichen Substanz, und die obligatorische Midlife-Krise wirft grundlegende Fragen auf: Tue ich eigentlich das Richtige, tagsüber, zumindest an Werktagen? Sollte ich vielleicht ganz woanders sein? Wo ist das unbekümmerte Zukunftsvertrauen geblieben, mit dem wir nach der Schule ins Leben gestürmt sind? Oder erst mal nach Rimini, um den Schulabschluss adäquat mit ein, zwei Glas Amaretto di Saronno und neuen Bekanntschaften zu veredeln? Tja, alles verdammt lang her …

Und dann steht er da, der VW Bus. Candyweiss und kirschrot, wie jener alte Bully, mit dem wir das erste Mal die Adria eroberten, hätte sein sollen – der war aber nicht so Bully-ikonisch lackiert, sondern mattgrau. Die Idee, muss ich zugeben, hatte dann Kollege Wernie Baumeler, künstlerischer Direktor unserer Postille: Fahren wir noch mal runter nach Rimini, suchen Inspiration, die Sorglosigkeit von damals, holen uns den jugendlichen Spass zurück! Diesmal sogar in historisch korrekter Lackierung.

Gymnastik-Festival in Riccione

Hinfahrt am Donnerstag, um 10.24 Uhr erster Espresso im «Autogrill», um 14.20 Uhr das erste Bier, schön kalt, auf der Piazza Cavour in Rimini. Dass wir den zweiten Apéro-Teller mit Chips und Oliven nicht mögen, versteht die Kellnerin («But it’s free») nicht. Seliges Italien. Die Schweiz ist weit weg.

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Sobald das Auto beim Hotel parkiert, eine erste Inspektion von Riccione. In der Emilia-Romagna sitzen viele Modehäuser, etwa Prada – entsprechend zurechtgemacht ist hier das Publikum. Hier laufen Modetrends von übermorgen spazieren. Vor allem aber laufen hier ganze Mädchenhorden in derart knappen Shorts vorbei, dass unsere Mütter, so angezogen, aus der Dorfgemeinschaft verstossen worden wären. Diese hier müssen zum Gymnastik-Festival gehören. Zwei blonde Mädchen, irgendwas zwischen 12 und 17, gehen händchenhaltend. Offenbar sind wir mittlerweile so alt, dass wir das Alter von Schülern nicht mal mehr annähernd einordnen können.

Grausam durchgeschwitzte Hemden

Dann Urlaubsstimmung: Pasta-Teller, Strandliege, Gemischtwaren-Kramläden mit Güterzügen voll Handtüchern, Flipflops, Hüten und Sonnencrème. Viele Touristen mit grausam durchgeschwitzten Hemden – wir schwitzen zwar auch, aber zumindest vermeiden wir Shirts in Hellblau, Hellgrau oder Rosa. Baumeler trägt eh immer Kreativenschwarz.

In der Strandbar gehört man mittlerweile zu jener Gruppe, denen die Flyer der Discos nicht mehr aufgedrängt werden: Der auch nicht mehr taufrischen Flyer-Verteilerin sind wir wohl zu alt – hat was Tragisches, finde ich. Egal, wild und erlebnishungrig, wie wir sind, suchen wir am Abend trotzdem nach dem Zauber von damals. Gegen 22 Uhr also in die Strandbars. Doch im «Hakuna Matata» herrscht leichenschmausartige Stimmung zum Dinner, obwohl ein Schnulzensänger performt. Und im «Paradise Beach» habe es nur Russen, lästert ein schwarzer Security-Mann mit der Statur eines Kirchturms.

Zu jung oder mit Silikon verfeinert

Im «Opera» wird es, nach zwei Weinen Wartezeit, allmählich voll. Mit sehr jungen Leuten; die Mädchen meist sexy aufgerüstet, die Jungs mehrheitlich in Shorts und weissem T-Shirt, dafür gut geföhnten Frisuren. Sie kommen rein, bleiben stehen, tanzen los. Zum Glück finden wir später das «Beach Café». Überdacht, mit Vorhängen intimisiert, Leute ab 35. Gute Stimmung, viele Paare in Feierlaune, einige Skandinavier und Holländerinnen. Aber, ehrlich gesagt: In jedem Opernfoyer wird mehr geflirtet. Eine Italienerin verrät uns, im «Il Casale» tanzten die Jungen von früher noch immer auf den Tischen, nur eben geliftet und/oder mit Silikon verfeinert. Es sei aber heute (unser letzter Abend) schon zu spät dafür.

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Wir haben zwar einiges mitgebracht (neue Hemden, Sonnenbrand), erleuchtet uns die Erkenntnis auf dem Rückweg am Sonntag – die Jugend oder den Weg aus der Sinnkrise jedoch nicht. Und der Bully fand mehr weiblichen Zuspruch als wir. Also wars nicht mehr als ein Kurzurlaub alternder Männer. Immerhin war die Fahrt bestens klimatisiert.