Nach der Abstimmung ist vor der Abstimmung. Keine 24 Stunden, nachdem das Stimmvolk die Energievorlage angenommen hatte, kam schon die Forderung: Jetzt müssen wir über neue AKWs reden. Vorne dabei unter anderem der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse.

Man kann nun darüber räsonieren, ob das der richtige Moment war oder eher ein Misstrauensvotum gegenüber der gerade bestätigten Politik des Bundesrats. Aber das ist weniger wichtig als die inhaltliche Debatte. Es geht um nichts weniger als DIE Glaubensfrage: Sag, wie hältst du’s mit dem Atomstrom?

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Ich bin kein «Atomi», ich bin aufgewachsen mit einer gesunden Skepsis gegenüber dieser Technologie. Aber ich habe im Rahmen meiner Arbeit auch hinter die Kulissen mehrerer AKWs geblickt, hab mir das Zwischenlager in Würenlingen angeschaut, mit Ingenieuren gesprochen und mich durch Geschäftsberichte gekämpft. Atomkraftwerke sind faszinierende Fabriken. Ich verstehe den Zauber, der ihnen innewohnt. Aber ich kenne auch die Nachteile, die sie mit sich bringen.

Bekannt sind die Risiken: In Tschernobyl und Fukushima kam es zum GAU mit verheerenden Folgen für Menschen und Umwelt, im ukrainischen Saporischschja muss man sich mit Blick auf den Krieg zumindest grosse Sorgen machen. Hinzu kommen die Probleme um die Entsorgung: Jahrtausendelang vor sich hin strahlender Abfall kann keinen kühl lassen. Nachhaltigkeit sieht anders aus.

Doch auch finanziell sind AKWs keine No-Brainer. Wer die letzten Entwicklungen der Neubauprojekte Flamanville (F) und Hinkley Point (GB) kennt, weiss: Der Strom aus diesen Kraftwerken ist teuer und ohne massive Subventionen nicht marktfähig. Unsere Schweizer AKWs mögen günstigen Strom produzieren. Aber nur, weil die Milliarden für Bau und Entsorgung inzwischen abbezahlt sind.

Will man Kraftwerke, die Schwankungen aus der volatilen Solar- und Windstrom-Produktion ausgleichen können, sind AKWs denkbar ungeeignet. 

Der grösste Vorteil von AKWs ist, dass sie saisonunabhängig produzieren und somit auch im Winter viel Energie liefern. Doch der Vorteil – die immer gleiche Menge an Bandstrom – ist auch ihr grösster Nachteil. AKWs sind nicht flexibel. Will man Kraftwerke, die Schwankungen aus der volatilen Solar- und Windstrom-Produktion ausgleichen können, sind sie denkbar ungeeignet. 

Eine vernünftige Energiepolitik setzt auf Argumente: Wie viel kostet der Strom? Fliesst er im richtigen Moment? Ist die Technologie nachhaltig? Und vor allem: Gibt es Investoren, die das Risiko eingehen wollen? Einige Gründe mögen für AKWs sprechen, andere tun es nicht.

Es ist durchaus legitim, am Ende auch auf sein Bauchgefühl – oder auf seine Parteifreunde – zu hören. Aber nur aus ideologischen Gründen für oder gegen AKWs zu sein, ist keine Lösung.

Michael Heim Handelszeitung
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