Vertreter der Schweizer Pharmaindustrie sollen Bern den Tarif durchgegeben haben – mit den Worten: «Wir wollen höhere Pharmapreise als die USA.» So kolportiert es ein Beteiligter im vertraulichen Gespräch. Das Zitat stammt aus der ersten Sitzung der Gruppe «Lifesciences-Standort», die von Bundespräsident und Wirtschaftsminister Guy Parmelin (66) sowie Gesundheitsministerin Elisabeth Baume-Schneider (62) ins Leben gerufen wurde.
Die Arbeitsgruppe hat zum Ziel, die «bestmöglichen Rahmenbedingungen» für Lifesciences und Pharmaindustrie in der Schweiz sicherzustellen. Dass die Politik so intensiv auf die Anliegen einer einzelnen Branche eingeht, ist laut Beobachtern des Vorgangs einmalig.
Bei den Sitzungen kommen Vertreter der federführenden Departemente, der Kantone sowie zwei Teilnehmer aus der Pharmaindustrie zusammen, die wiederum zwei Stellvertreter dabeihaben, wie Quellen berichten. Damit ist gesichert, dass die Pharmariesen Roche und Novartis stets mit je einem Abgesandten präsent sind.
Die Arbeitsgruppe hat bereits zum zweiten Mal getagt – eine Sitzungsfrequenz, die auf die Dringlichkeit des Themas hindeutet. Aus Sicht der Pharmabranche sind die wichtigsten Diskussionspunkte klar: Durchsetzung höherer Medikamentenpreise in der Schweiz, Zugang zu klinischen Studien, tiefere Steuern und Energiepreise, Regulierungs- und Bürokratieabbau, schnellere Zulassungsverfahren, Digitalisierung, Zugang zu Patientendaten, Forschungskooperationen.
Feuer im Dach – wegen Trump
Zwar soll die Arbeitsgruppe gemäss Darstellung des Bundes in einem «umfassenden Ansatz alle Faktoren» untersuchen, die den Pharmastandort beeinflussen. Überragendes Thema jedoch sind die Medikamentenpreise, nachdem Präsident Donald Trump klargemacht hat, dass er die Preise in den USA drücken will.
Pro Kopf zahlen Amerikaner gemäss OECD-Zahlen derzeit 1564 Dollar. Zum Vergleich: In der Schweiz sind es 1074 und in Deutschland 1159 Dollar. Trumps «Most Favored Nation»-Prinzip sieht vor, dass die Preise für Arzneimittel in den USA an die niedrigsten Sätze der wichtigsten Industrienationen plus Schweiz und Dänemark gekoppelt werden.
Seither ist Feuer im Dach. Pharmafirmen wie Roche und Novartis haben ein Interesse daran, dass die Preise in Vergleichsländern erhöht werden, damit der Abschlag in den USA nicht ganz so stark ausfällt. Deshalb machen sie Druck auf die Politik – in der Schweiz auf das Bundesamt für Gesundheit, das die Preise für verschreibungspflichtige Präparate reguliert.
Spurt die Politik nicht, haben die Konzerne ein mächtiges Instrument in der Hand: Sie können neue Medikamente in der Schweiz später oder gar nicht auf den Markt bringen. Der Umsatz, der ihnen dadurch entgeht, ist für sie das kleinere Übel als eine Senkung der US-Preise. Opfer in diesem Powerplay sind die Patienten, die nicht weiterhin von den jeweils neusten Therapien profitieren können.
Novartis-CEO-Lohn «hilft nicht»
Das ist allerdings auch heute schon so: In der reichen Schweiz werden nur noch 47 Prozent der neusten Medikamente von den Kassen bezahlt. In Deutschland, das in dieser Hinsicht flexibler ist, beträgt dieser Anteil mehr als 90 Prozent. Roche-Chef Thomas Schinecker (50) teilte vor kurzem mit, dass ein neues Brustkrebsmedikament für Schweizer Patientinnen möglicherweise nicht eingeführt wird.
Eine Machtdemonstration sind auch die 25 Millionen Franken, die Novartis-CEO Vas Narasimhan (49) im Jahr 2025 kassiert hat. «Das hilft in den Diskussionen nicht», warnt der Chef eines anderen Schweizer Pharmaunternehmens.
Der Druck auf die Branche ist nicht erst seit dem Beginn von Trumps zweiter Amtszeit hoch. Gemäss einer Studie ist die Schweiz im Ranking der wettbewerbsfähigsten Standorte hinter den USA und Irland auf Platz drei mit Dänemark abgerutscht. «Andere Wirtschaftsräume haben aufgeholt und die Schweiz teilweise überholt. Wenn wir weiterhin erfolgreich sein wollen, müssen wir uns wieder vermehrt anstrengen», sagt Stephan Mumenthaler, Direktor des Verbands Scienceindustries. «Daher begrüssen wir es, dass der Bund gemeinsam mit den Kantonen und der Industrie darüber nachdenkt, wie die Rahmenbedingungen für die Schweiz gestärkt werden können.»
Dieser Artikel erschien zuerst bei Blick.

