Die letzten Wochen und Monate waren für keinen von uns einfach. Corona hat unser Leben verändert. Ob im sozialen Umgang, in unserer beruflichen Aktivität oder sogar in unserem alltäglichen Leben zu Hause – wir machen viele Dinge anders als noch vor einem Jahr. Wohl seit dem Zweiten Weltkrieg hat dementsprechend kein anderes Thema unseren gesellschaftlichen Diskurs und damit auch die Politik so dominiert. Neben Corona verblassen alle anderen Themen.

Klaus W. Wellershoff ist Ökonom und Verwaltungsratspräsident des Beratungsunternehmens Wellershoff & Partners. Er war zuvor zwölf Jahre Chefökonom des Schweizerischen Bankvereins beziehungsweise der UBS. Er unterrichtet Nationalökonomie an der Universität St. Gallen.

Kurzarbeitergeld und Überbrückungskredite für Unternehmen haben vielen Menschen geholfen, die wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise nicht so stark zu spüren. Das war gut so, denn sonst wäre die Erschütterung der Gesellschaft wohl noch grösser gewesen.

Nach anfänglich grosser Zustimmung beginnt aber allmählich die Unterstützung der Bevölkerung der teilweise dras­tischen Corona-Massnahmen zu bröckeln. Gleichzeitig bleibt die wirtschaftliche Lage trotz Stützungsmassnahmen dramatisch.

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«Wir sind vollgepumpt mit Schmerzmitteln. Kein Wunder, dass wir kein Problembewusstsein entwickeln.»

In meinen Ohren klingt es zynisch, wenn nach dem schockartigen Rückgang des Volkseinkommens im zweiten Quartal meine Kollegen sagen, dass das Schlimmste hinter uns läge. Verschwiegen wird, dass die unbestreitbare Zunahme der Wirtschaftsaktivität uns nur in einen Zustand versetzt hat, der dem zweitschlechtesten Konjunkturzustand entspricht, der in der Schweiz seit 1950 beobachtet wurde. Wir befinden uns trotz historisch einmaliger fiska­lischer und geldpolitischer Wirtschaftspolitik noch in ­einer so tiefen Rezession, wie wir sie nie gekannt haben.

Zur Erinnerung: Das Haushaltdefizit von Bund, Kantonen, Gemeinden und Sozialversicherungen beträgt mehr als 10 Prozent des Volkseinkommens. Die Nationalbank hat im ersten Halbjahr die Basisgeldmenge um 100 Mil­liarden erhöht. Das ist mehr als das Doppelte der Menge, mit der die Schweizer Wirtschaft vor der Finanzkrise ausgekommen ist. Angesichts dieser Dosis Schmerzmittel ist es kein Wunder, dass die meisten Menschen noch immer kein Problembewusstsein haben. Und im Parlament scheint das Motto immer noch zu sein, dass wir uns das ja leisten können.

Wo ist die Strategie?

Verstehen wir uns richtig: Es geht nicht um die Wirtschaft, wie ewig gestrige Ideologen links und rechts jedes Mal ausrufen, wenn man über diese unangenehmen Zahlen referiert. Wirtschaftsinteressen sind bestenfalls zweitrangig in dieser Situation. Es geht darum, wie wir leben wollen. Jeder Franken, den wir für Corona-­Abwehrmassnahmen aufwenden, wird uns fehlen, um Kitas, Schulen, Pflege- und Gesundheitsdienste, Polizei, Militärausgaben und auch Soziales zu finanzieren.

Um es noch deutlicher zu sagen: Es geht nicht um Geld oder Leben. Es geht darum, dass wir leben lernen mit dem Virus.

Dafür braucht es klare politische Führung und gut durchdachte Kommunikation. Im Augenblick beschleicht uns aber alle das Gefühl, dass unserer Regierung und unserer Politik die Strategie abhandengekommen ist. Gute Führung geht respektvoll mit der Vergangenheit um, ist realistisch bezüglich der Gegenwart und optimistisch für die Zukunft.

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Dementsprechend sollten wir zurückhaltend mit unserer Kritik an den Massnahmen sein, die Anfang Jahr unter weitestgehender Unsicherheit bezüglich Ausmass und Schwere des Virus getroffen werden mussten. Wir sollten in der Einschätzung der aktuellen Risiken realistisch sein und nichts dramatisieren oder schönreden.

Vor allen Dingen sollten wir den Optimismus ausstrahlen, dass wir auch mit Corona gut leben können. Auch, wenn vieles anders sein wird als früher.

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