Heute Freitag geht das Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos wieder zu Ende. Beim Fazit stechen fünf Punkte heraus:

 

1. Mehr Leute, weniger Bedeutung

Gemessen an den geladenen Gästen war das WEF ein Riesenerfolg. Laut der Organisation unter der Leitung von Gründer Klaus Schwab pilgerten mit 2700 «Leader» – so viele wie noch nie – ins Bündner Bergdorf. Selbst Staatsoberhäupter sollen es mehr als 50 gewesen sein und 370 weitere Vertreterinnen und Vertreter von Regierungen und internationalen Organisationen.

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Aber Quantität macht nicht automatisch Qualität. Im Fall von Davos steht der Besucherrekord im Gegensatz zum fortgeschrittenen Bedeutungsverlust der Veranstaltung. Trotz der eindrücklichen Anzahl an anwesenden Regierungsvertretern fehlten im Gegensatz zu früheren Treffen gerade jene, auf die es ankommen würde. Von den G7-Ländern reiste einzig der deutsche Kanzler Olaf Scholz an. 

Aus der «Kooperation in einer fragmentierten Welt», wie das Motto des diesjährigen WEF-Treffens lautete, wurde daher nichts. Überraschend ist das allerdings nicht. Doch in früheren Jahren konnte das WEF hier durchaus ein paar Erfolge ausweisen. So wurden zum Beispiel 1998 in Davos die Grundlagen für die G20 gelegt, in der die führenden Industrie- und Schwellenländer vereinigt sind.

2. Die Welt passt nicht mehr zum WEF

Seine beste Zeit hatte das WEF in den Glanzjahren der Globalisierung ab den 1990er Jahren bis zur Finanzkrise 2008. Die Welt erschien flach, der Kalte Krieg und die ideologischen Gräben als Relikt der Vergangenheit, vom Ende der (konfliktreichen) Geschichte war die Rede. Die Vorstellung, dass sich die Eliten der gesamten Welt auf Grundlage gemeinsamer Interessen – vor allem Business-Interessen – treffen und untereinander die Probleme der Welt regeln, erschien damals plausibel. 

«Die Schweiz hat für sich nichts erreicht»

Fragmentierung zwischen den USA, der EU und China – und Kopfschütteln über Bern. Chefredaktor Markus Diem Meier zieht auch im letzten Teil der WEF-Videoserie «Davos Briefing» Bilanz zur diesjährigen Austragung. Das Video finden Sie hier.

Der Realität entsprochen hat es schon damals nicht. Doch seither hat sich die ökonomische, die politische und die ideelle Entwicklung immer weiter von den Idealen des WEF entfernt – davon, wofür das Forum steht. Statt dass es zu einer Kooperation in der fragmentierten Welt gekommen ist, hat das WEF 2023 vor allem die Fragmentierungen verdeutlicht. 

Da ist nicht nur der Krieg in der Ukraine nach dem brutalen Überfall durch Russland, der alleine gegen alles steht, was man für eine zivilisierte, auf Kooperation beruhende Weltordnung halten konnte. Die Weltmacht USA unter Präsident Joe Biden hält ihrerseits am Kurs «America first» fest, den sein Vorgänger Donald Trump zur Maxime erklärt hat und der damit der Idee einer globalen Weltordnung den Stinkefinger gezeigt hat. Die Folge sind nicht nur Spannungen zwischen den USA und China, sondern zunehmend auch mit den Europäern. 

3. Bedeutungsverlust der Schweiz

Für die Schweiz als kleine und besonders offene Volkswirtschaft war das Ideal der Globalisierung ein besonderer Segen – und damit auch das Ideal einer Weltordnung, die auf gemeinsamen Regeln basiert, die für alle gelten, ob gross oder klein. Dieses Ideal war immer ein Wunschbild, es kam den Realitäten aber deutlich näher als die aktuelle Weltlage, wo nationale Egoismen die Maxime sind.

Weil das Elitetreffen in der Schweiz stattfindet, müsste das der Schweizer Politik besondere Möglichkeiten des Einflusses verschaffen – so könnte man zumindest meinen. Doch dem ist nicht so, wie die aktuelle Veranstaltung gezeigt hat. 

An seiner Bilanz-Pressekonferenz zu Davos hat Bundespräsident Alain Berset unzählige meist kurze Treffen erwähnt, die er mit Staatschefs anderer Länder geführt hat. Auf die Frage aber, was er für die Schweiz herausgeholt hat, ob irgendein grosses Abkommen geschlossen oder angebahnt wurde, ein Lichtblick in den Beziehungen zur EU sichtbar wurde – es kam nichts. 

Zu seiner Verteidigung und jener der Schweizer Diplomatie machte Berset klar, dass es eben vor allem darum gegangen sei, den Austausch zu pflegen, Goodwill zu schaffen und die Schweizer Haltung zu erklären – etwa zur Neutralität, wenn es um Waffenlieferungen in die Ukraine geht. 

Das macht nur deutlich, wie wenig Einfluss die Schweizer Politik in der aktuell fragmentierten Welt noch hat. Ob das Verständnis etwa für die Neutralität wirklich vorhanden ist, muss angesichts von Äusserungen anderer WEF-Teilnehmenden leider bezweifelt werden.

4. Der Wert des Austauschs – und des Schönredens

Berset hat allerdings einen Punkt: In einer zunehmend gespaltenen Welt sind Orte des Austauschs besonders wichtig, auch wenn das nicht unmittelbar zu Resultaten führt beziehungsweise nicht zu solchen, die die Weltlage ändern. Das zu erwarten, wäre allerdings ohnehin naiv. 

Hat man am diesjährigen WEF die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach ihrer Einschätzung gefragt, haben so gut wie alle das WEF gelobt für die ausgezeichnete Möglichkeit des Austausches. Den «Weltrettungs»-Anspruch der Veranstaltung und ihre Slogans nimmt ohnehin niemand wirklich ernst. In Davos waren allerdings zwei Arten von Austausch zu beobachten: ein pragmatischer, der sich an konkreten Lösungen orientiert, und ein reines Schönreden. 

Ein Beispiel für das Zweite sind die grossen Reden wie jene des chinesischen Vize-Premiers Liu He, der sein kommunistisch regiertes Land als Vorzeigemodell der Offenheit, des Unternehmertums und der Eigentumsrechte pries. 

Realitätsverweigerung zeigte auch die Rede der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die die eigenen wirtschaftlichen Entwicklungen pries und die Amerikaner ermahnte, europäischen Produkten keine Nachteile aufzuerlegen, denn das sei auch in deren Interesse. Angesprochen darauf erntete man auch bei europäischen Unternehmenschefinnen und -chefs ein Kopfschütteln. Investieren wollen sie lieber in den USA. Europa sieht man aktuell auf der Verliererseite.

5. Ein neuer Diskurs zur Nachhaltigkeit und alte Widersprüche

Eines der dominierenden Themen in Davos war, wie schon früher, die Nachhaltigkeit und der Klimawandel. Dieser Diskurs hat sich weiterentwickelt, wie sich in verschiedenen Veranstaltungen und Gesprächen gezeigt hat. 

Noch vor wenigen Jahren war am WEF das Thema Nachhaltigkeit stark ideologisch aufgeladen. Bekenntnisse zum Ziel und die Kritik an der Bereitschaft, wirklich genug zu tun, dominierten die Auseinandersetzungen. Diesmal haben sich die meisten Debatten mit den Details befasst: Was, wie genau und in welchen Bereich getan wird und noch getan werden muss und wie die Transparenz erhöht und wie Greenwashing verhindert werden kann. Und man wollte voneinander lernen. Dieser pragmatische und lösungsorientierte Umgang mit dem Thema ist der wohl grösste Verdienst des diesjährigen WEF. 

Im ärgerlichen Widerspruch dazu standen aber das konkrete Verhalten vieler Teilnehmenden, die sich per Jet oder Helikopter einfliegen liessen, und der Alltag auf den Davoser Strassen. Trotz relativ geringen Distanzen kurvte da eine ganze Armada von Limousinen auf und ab – kaum eine davon elektrisch betrieben. Von erfrischender Bergluft war da wenig zu spüren. Im Gegenteil. Letztlich spiegelt auch die Nachhaltigkeitsdebatte das Grundthema und das Grundproblem des WEF: die fragmentierte Welt.