Die Schweizerinnen und Schweizer sind Meister im Zugfahren. Mit rund 5200 Kilometern haben wir eines der dichtesten Schienennetze Europas. Dabei begann das Eisenbahnzeitalter bei uns relativ spät. Schuld daran waren das anspruchsvolle Gelände, aber auch der Kantönligeist.

Über 25 Jahre Planung brauchte es, bis 1847 die erste ganz auf Schweizer Boden liegende Eisenbahnlinie festlich eröffnet wurde: die Schweizerische Nordbahn Zürich–Baden, die «Spanisch-Brötli-Bahn».

In der Folge schossen private Eisenbahngesellschaften wie Pilze aus dem Boden. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es mindestens ein Dutzend davon. Jede hatte ihren eigenen Fahrplan und ihr eigenes Tarifsystem.

Die Schwächen zeichneten sich schnell ab: Mehrfaches Umsteigen, schlechte Anschlüsse und ein Fahrkartensalat stellten Reisende auf eine harte Geduldsprobe. Obendrein trieben sich die verschiedenen Bahngesellschaften durch einen erbitterten Konkurrenzkampf gegenseitig in den Konkurs. 

Bei der Eisenbahn half der Staat den Privaten auf die Sprünge

Das änderte sich schlagartig, als das Parlament 1897 entschied, die fünf wichtigsten Privatbahnen in eine nationale Eisenbahninfrastruktur zu überführen. Verschiedene andere Privatbahnen wurden später eingegliedert. Mit diesem visionären Beschluss wurde der Grundstein gelegt für das, was die Schweizerischen Bundesbahnen – oder SBB – heute international auszeichnet: höchste Qualität und Effizienz.

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Gegenwärtig erfordert die Reise von Genf nach St. Gallen nicht ein einziges Mal Umsteigen und die entsprechende Fahrkarte lässt sich dank der schweizweit gültigen SBB-App mit ein paar Klicks kaufen.

Über die Autoren

Martin Vetterli ist der Präsident der EPFL. Edouard Bugnion ist Professor an der EPFL und akademischer Co-Direktor des Swiss Data Science Center. 

Für die Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts sind Daten so wertvoll wie das Schienennetz zur Zeit der Industrialisierung: Als Innovationstreiber verhelfen sie zu wirtschaftlichem Aufschwung. Daten sind aber auch eine wichtige Grundlage für das einwandfreie Funktionieren der modernen Volkswirtschaft.

Silodenken gefährdet den Erfolg der Digitalisierung

Obwohl die Schweiz an den technologischen Entwicklungen, welche zur digitalen Revolution führten, massgeblich beteiligt war – der Bauplan für das World Wide Web entstand 1989 am Cern in Genf –, hat sie im Vergleich zu anderen Nationen in der Digitalisierung Aufholbedarf.

Gerade was die Transparenz und Zugänglichkeit von Daten des öffentlichen Sektors betrifft, schneidet die Schweiz ziemlich schlecht ab. Im internationalen Ranking «Global Open Data Index» belegen wir nur den 47. Rang, zusammen mit Albanien.

«Wir brauchen eine nationale Daten-Infrastruktur.»

Wo liegt das Problem? Ähnlich wie in den Anfängen des Eisenbahnbaus, als regionalpolitische Interessen unkoordinierte und ineffiziente Eisenbahnstrukturen vorantrieben, gefährdet heute Silodenken den Erfolg der Digitalisierung. Es wird zwar viel gemacht, aber wenig koordiniert. Die Corona-Pandemie hat die Defizite besonders schonungslos offengelegt. Wollen wir nicht, dass Tech-Firmen mit monetären Interessen in die Bresche springen, gilt es zu handeln: Es ist Zeit für einen digitalen SBB-Moment.

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Um von der digitalen Ökonomie auch in der Schweiz zu profitieren, brauchen wir eine leistungsfähige und vertrauenswürdige nationale Dateninfrastruktur, welche Zusammenarbeit und die einfache Vernetzung von Daten ermöglicht. Der Staat ist gefordert. Die Abstimmung zur E-ID hat es deutlich gezeigt: Das Volk will, dass der Bund die Verantwortung übernimmt, wenn es um Bürgerdaten geht.

Die Schweizer sind Meister im Zug fahren. Höchste Zeit, dass wir auch die Digitalisierung meistern.

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