Nach der Gründung des Schweizer Bundesstaats 1848 zettelt der König von Preussen im Kanton Neuen­burg einen Aufstand an. Er macht seine Ansprüche auf das Gebiet geltend, das ihm tatsächlich offiziell seit dem Wiener Kongress von 1815 zusteht. Als Neuenburg den Putsch niederschlägt und Hunderte Gefangene nimmt, bereitet Friedrich Wilhelm IV. den Einmarsch in die Schweiz vor. Doch der Thurgauer Johann Konrad Kern reist nach Paris und bittet Napoleon III., zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln.

Die Krise endet 1857 damit, dass Preussen seine Rechte an Neuenburg abtritt und die Schweiz dafür sämtliche Gefangenen freilässt. Der glimpfliche Ausgang der Affäre ist einer der Gründe dafür, dass das Schweizer Parlament in den folgenden Jahrzehnten ständige diplomatische Vertretungen im Ausland aufbaut. Vorgabe ist die strikte Neutralitätspolitik.

1920 bereitet die Schweiz erstmals die Bühne für die Weltpolitik: Der neu gegründete Völkerbund wählt auf Vorschlag des US-Präsidenten Woodrow Wilson Genf als Sitz. Wichtige Wortführer in der Schweiz sind der Tessiner Bundesrat Giuseppe Motta und sein Rechtsberater Max Huber. Dieser sorgt dafür, dass die Schweiz auch als Mitglied des Völkerbundes nicht an militärischen Sanktionen teilnehmen muss.

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Im Zweiten Weltkrieg behält die Schweiz offiziell ihre Neutralität bei. Hinter den Kulissen wirken Diplomaten unterschiedlich. Der Berliner Gesandte Hans Frölicher fordert zu Anfang des Krieges, die Schweiz müsse Deutschland und Italien unterstützen. Später begrüsst er die Einführung des «J»-Stempels in den Pässen von Juden. Umstritten ist, inwieweit dies Frölichers persönliche Haltung war - oder jene der Zentrale. Der Botschafter in Budapest, Carl Lutz, rettet rund 62000 Juden vor der Deportation nach Auschwitz, indem er ihnen Schutzbriefe der Schweizer Botschaft ausstellt, diese gar als «Schweizerpässe» bezeichnet und den Verfolgten zur Flucht nach Palästina verhilft. Israel ehrte Lutz dafür 1964 mit dem Titel «Gerechter unter den Völkern».

Neutralität und Solidarität

Nach dem Zweiten Weltkrieg definiert Bundesrat Max Petitpierre unter dem Titel «Neutralität und Solidarität» die Guten Dienste, also das Vermitteln zwischen zerstrittenen Staaten, als die Stärke der Schweizer Diplomatie. 1954 findet in Genf die Indochina-Konferenz statt, 1955 ein Treffen der Staatschefs der USA, Englands, Frankreichs und der Sowjetunion, 1961 die Algerien-Konferenz. Als 1967 in der nige­rianischen Provinz Biafra der Bürgerkrieg ausbricht, reist Botschafter August Lindt vor Ort.

Als Lindt feststellt, dass nigerianische Truppen die Nahrungsflugzeuge des IKRK mit Kanonen von Oerlikon-Bührle beschiessen, bewirkt er in Bern eine Strafuntersuchung wegen Embargobruchs gegen Unternehmenschef Dieter Bührle. 1986 treffen sich US-Präsident Ronald ­Reagan und der sowjetische Parteichef Michail Gorbatschow in Genf – ein spektakulärer Erfolg für die Schweizer Vermittler und der Anfang vom Ende des Kalten Krieges. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs verliert die Schweiz ihre Rolle als Vermittlerin. Die Genfer Bundesrätin Micheline Calmy-Rey beginnt 2003, sie unter dem Schlagwort «aktive Neutralität» wiederzubeleben. Calmy-Rey setzt die Friedensförderung und den Einsatz für Menschenrechte zuoberst auf die Agenda.

Die Schweiz vermittelte in den Folgejahren zwischen Sri Lanka und den Tamil Tigers, zwischen Russland und Georgien sowie zwischen der Türkei und Armenien. 2010 unterzeichnen der türkische und der armenische Aussenminister in Anwesenheit von US-Aussenministerin Hillary Clinton und dem französischen Aussenminister Bernard Kouchner in Zürich ein Friedensabkommen, dessen Umsetzung jedoch bis heute aussteht.

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Für starke Kritik aus den USA, aus Israel und von bürgerlichen Politikern sorgte Calmy-Rey mit ihrer Nahost-Politik. 2006 bezeichnete sie Angriffe Israels gegen Libanon als «klar unverhältnismässig», wenn es um die Befreiung von Soldaten gehe. Ausserdem kritisierte sie wiederholt die Zustände im Gazastreifen. 2011 antwortete sie auf Kritik, die Schweiz habe als Depositärstaat der Genfer Konventionen eine besondere Verantwortung für die Einhaltung des Völkerrechts. «Wir erheben unsere Stimme, wenn dieses Recht verletzt wird – auch dann, wenn wir unsere Freunde kritisieren müssen.»