Letzte Woche sind in Deutschland die Würfel gefallen: Das heftig umstrittene Rentenpaket hat es doch noch durch den Bundestag geschafft. Der Gesetzesentwurf stabilisiert das Rentenniveau bis 2031 bei mindestens 48 Prozent eines Durchschnittslohns – eine Haltelinie, die den Wohlstand der heutigen Rentnerinnen und Rentner schützen soll.

Monatelang hatte eine Gruppe Abgeordneter aus der Jungen Union dagegengehalten. Ihr Argument: Das Paket lade der jungen Generation zusätzliche Milliardenkosten auf. «Es geht um Solidarität, um die Frage, ob Anstrengung sich lohnt, um Generationengerechtigkeit», schrieb die «Tageszeitung». Am Ende gelang es, die «Rentenrebellen» mit ein paar Brosamen auf Kurs zu bringen, der siebzigjährige Kanzler Friedrich Merz konnte aufatmen.

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Das leicht verniedlichende Etikett für die Aufwiegler und die Art der Debatte im Vorfeld der Abstimmung zeigen: Es gärt zwischen Jung und Alt. Der Generationenkonflikt spitzt sich zu – doch die (ältere) Mehrheit nimmt ihn noch nicht richtig ernst. Und das nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa wie auch der Schweiz. Über kaum eine Altersgruppe wird so gern gelästert wie über die viel diskutierte Generation Z mit Jahrgang 1997 bis 2012: Verwöhnt, wenig belastbar, Ich-bezogen sei sie, heisst es immer wieder. Das mag teilweise zutreffen. Als Mutter zweier Teenager geniesse ich täglich Anschauungsunterricht.

Die Gastautorin

Karin Kofler ist regelmässige Gastkolumnistin und selbstständige Publizistin.

Doch es ist an der Zeit, die Sorgen der jüngeren Generationen ernster zu nehmen. Denn ihnen wird tatsächlich mehr aufgebürdet als etwa der Nachkriegsgeneration am anderen Ende des Altersspektrums. Am deutlichsten zeigt sich das in der Altersvorsorge. Immer weniger Junge müssen immer mehr Ältere finanzieren. Der Jugendquotient – die Anzahl der unter 19-Jährigen im Verhältnis zur arbeitenden Bevölkerung – ist in der Schweiz seit 1980 von 47 auf 32,8 Prozent gesunken. Gleichzeitig ist der Altersquotient massiv gestiegen. Diese Schere wird sich aufgrund des Geburtenrückgangs weiter öffnen.

Für die junge Erwerbsbevölkerung heisst das: tiefere Renten, längeres Arbeiten. Frühpensionierungen, bei den Boomern noch fast Volkssport, sollen gemäss den Plänen des Bundesrates künftig erschwert werden. Auch der Erwerb von Wohneigentum driftet aufgrund der massiven Preissteigerungen im Immobilienmarkt für viele Junge ins Unreale. Kein Wunder, sind mit dem Status quo vor allem die Rentner zufrieden – laut einer Umfrage von Swiss Life sind acht von zehn über 65-Jährige glücklich mit ihrer finanziellen Lage. Bei den 25- bis 49-Jährigen ist es nur jeder Zweite.

Und es kommt noch mehr: Ab Dezember 2026 fliesst die 13. AHV-Rente. Beschlossen von einer Stimmbevölkerung, in der die über 65-Jährigen mit fast 80 Prozent Ja-Stimmen den Ausschlag gaben. Wenn eine wachsende Zahl von Betagten die Jungen an der Urne in ihrem Sinne überstimmt, ist das demokratiepolitisch – mindestens – unsauber.

Auch die geopolitische Lage spielt den Jungen nicht in die Hände. 79 Prozent der unter 36-Jährigen blicken gemäss Generationenbarometer des Berner Generationenhauses aufgrund der unsicheren Weltlage pessimistisch auf das Jahr 2055. Viele zweifeln daran, politisch oder gesellschaftlich überhaupt noch etwas bewegen zu können. Wer könnte es ihnen verdenken? Klimapolitik im Rückwärtsgang, Kriege und Konflikte überall. Und die mächtigsten politischen Figuren der Welt? Trump, Putin, Xi, Netanjahu – Männer zwischen 72 und 80, die nichts mehr zu verlieren haben, aber die Weichen für die Zukunft der Jungen stellen.

Parallel dazu pflügt neuerdings die künstliche Intelligenz die Arbeitswelt in rasantem Tempo um. Die Entwicklung trifft dieses Mal auch die Digital Natives. Gerade jene attraktiven Einstiegsjobs, die den Start in die berufliche Karriere bedeuten, könnten bald einfach an Maschinen delegiert werden statt an die Jungen.

Natürlich, noch partizipieren alle am Wohlstand der erfolgsverwöhnten Schweiz. Aber es knirscht im Gebälk. Bisher waren die Jungen ja erstaunlich konziliant und brav. Mehr Rebellion wie in Deutschland täte aber Not – im politischen Prozess, in der öffentlichen Debatte, in der Familie.

Ich habe für mich eine persönliche Sofortmassnahme beschlossen: Bei anstehenden Volksabstimmungen konsultiere ich immer meinen 19-jährigen Sohn – und stimme im Zweifel in seinem Sinne oder enthalte mich, wenn wir uns nicht einig sind. Ich bin angesichts des demografischen Wandels auch klar für das Stimmrechtsalter 16. Oder, provokanter: für eine doppelte Stimmkraft der Jüngeren. Denn eine Gerontokratie ist schlecht für die Zukunft dieses Landes. Das Generationenbarometer zeigt: Rund die Hälfte der unter 26-Jährigen meint, dass Jung und Alt in der Schweiz auseinanderdriften. Bei den über 75-Jährigen sehen das nur gerade 15 Prozent so. Mit anderen Worten: Die Älteren wollen den Konflikt nicht wahrhaben. Für sie stimmt es ja.