Der Bundesrat will bis 2050 netto null Treibhausgasemissionen. Gemäss seiner 2021 verabschiedeten «langfristigen Klimastrategie der Schweiz» sind die Kosten kleiner als die Nutzen. Aber leider verdrängt der Strategiebericht das Hauptproblem: Die Kosten fallen garantiert an, die Nutzen nur unter zwei unwahrscheinlichen Bedingungen.

Erstens müssten alle Länder ihre Nachfrage nach fossilen Energieträgern dramatisch senken und zweitens muss das Angebot an fossilen Energieträgern praktisch eliminiert werden. Ansonsten verlagert sich ihre Nutzung einfach in die Länder mit weniger strikter Politik.

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Der Autor

Reiner Eichenberger ist Professor für Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg und Forschungsdirektor von CREMA – Center for Research in Economics, Management and the Arts.

Mittlerweile zeigen zwei Studien vom Paul Scherrer Institut sowie von Forschern der ETH Lausanne und der Empa, dass die Kosten des Dreissig-Jahre-Plans weit höher als vom Bundesrat geschätzt sein dürften. Sie vervielfachen sich, wenn nicht alle Länder die gleiche Strategie verfolgen, weil sie stark von der Marktgrösse für die Emissionsreduktionstechnologie abhängen.

Trotzdem bliebe die Netto-null-Politik für die Schweiz stemmbar. Aber genau das ist der Todesstoss: Was die Schweiz gerade stemmen kann, ist für fast kein anderes Land bezahlbar. Denn die Schweiz ist besonders reich und hat dank ihrer Wasserkraft und Wirtschaftsstruktur besonders gute Startbedingungen für netto null.

Wenn aber viele andere Länder nicht mithalten können, wird netto null für die Schweiz zugleich viel teurer und klimatisch unwirksam.

«Netto null heisst nicht null Emissionen.»

Der Strategiebericht hat noch viele weitere Schwächen. Ein wichtiger Aspekt ist die Rolle des Bevölkerungswachstums. Der Bericht diskutiert sehr viele Massnahmen zur Emissionsreduktion. Aber das Bevölkerungswachstum wird nicht thematisiert. Dabei ist es ein Haupttreiber der Klimapolitik-Kosten.

Der Einwand mancher Bundesexperten, bei netto null Emissionen spiele die Bevölkerungsgrösse keine Rolle, ist falsch.

Netto null heisst nicht null Emissionen, sondern dass die verbleibenden Emissionen (etwa 20 Prozent der heutigen) durch natürliche und technologische Absorption von CO2 in Pflanzen, Böden, Wasser und Endlagern kompensiert werden. Das Bevölkerungswachstum lässt die Nachfrage nach Energie wachsen.

Weil das Angebot an emissionsarmen Energien beschränkt ist, steigen ihre Preise an und es wird zunehmend emissionsintensive Energie verwendet.

Damit aber steigt der Bedarf an Absorption. Da auch ihre Kapazität beschränkt ist, steigen auch da die Kosten überproportional an. Folglich wachsen die Kosten von Netto-Null mit der Bevölkerungsgrösse, und das überproportional. Wer das ignoriert, kann keine vernünftige Klimapolitik und keine vernünftige Europapolitik betreiben.