Srebrenica wurde zum Vietnam der Niederlande. Die niederländische UNO-Einheit Dutchbat hatte den Völkermord nicht verhindern können. «Feiglinge», wurden die Soldaten beschimpft. Sie fühlen sich im Stich gelassen. Einer von ihnen ist A. Z. (Name der Redaktion bekannt).

Als A. Z. in den Krieg zog, war er 19 Jahre alt. «Eigentlich noch ein Kind», sagt er heute und lacht bitter. Im Januar 1995 kam der junge Niederländer als UNO-Blauhelmsoldat nach Jugoslawien - nach Srebrenica. Er blieb sechs Monate, sie sollten sein Leben verändern.

«Srebrenica hat mein Leben kaputt gemacht»

Jetzt - 20 Jahre später - ist A. Z. Frührentner: Posttraumatische Belastungsstörung. «Srebrenica hat mein Leben kaputt gemacht», sagt er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. A. Z. war einer vor rund 400 niederländischen Soldaten, die 1995 im Auftrag der UNO in das damalige Bürgerkriegsland geschickt worden waren. Die Blauhelm-Einheit Dutchbat sollte die tausenden muslimischen Flüchtlinge in Srebrenica schützen.

Der Einsatz sollte dramatisch scheitern. Am 11. Juli überrannten serbische Einheiten unter dem Kommando von General Ratko Mladic die Enklave und ermordeten später etwa 8000 muslimische Männer und Jungen.

Als «Feiglinge» beschimpft

Srebrenica war der erste Völkermord auf europäischem Boden nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Es wurde auch zum Synonym für das Versagen der internationalen Gemeinschaft. Für viele bekam das Versagen ein Gesicht: Dutchbat.

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Die Niederländer hatten sich kampflos den Serben ergeben und wurden dafür als «Feiglinge» beschimpft. Sie hätten dem Massenmord tatenlos zugesehen, lautet der Vorwurf. Das Bild wurde inzwischen zwar korrigiert. Doch der Makel blieb.

Sie hätten gar nichts tun können, sagt A. Z. , der auch Vorsitzender des Vereins «Dutchbat 3» ist. «Jeder von uns hatte nur zehn Kugeln Munition.» Die versprochene Luft-Unterstützung französischer UNO-Truppen blieb aus. «Wir wurden im Stich gelassen», sagt er. «Von den UNO und unserer eigenen Regierung.»

Mehrere Ex-Soldaten nahmen sich das Leben

A. Z. sitzt am Tisch in seinem hellen modernen Haus bei Utrecht, ein kräftiger freundlicher Mann in Jeans und T-Shirt. Jahre von Therapien hat er hinter sich, erzählt er freimütig. Noch immer schluckt er Medikamente gegen die Depressionen.

30 Prozent der ehemaligen Dutchbatter geht es wie ihm. Sie wurden krank, arbeitsunfähig, alkohol- oder drogenabhängig. Ehen gingen in die Brüche, mehrere Ex-Soldaten nahmen sich das Leben.

Die Erinnerungen lassen keinen los, sagt A. Z. Das Elend der Flüchtlinge, die Todesangst und die ständige Bedrohung. «Das Schlimmste war damals die Ohnmacht, das man als Soldat nichts tun konnte.»

Statt Hilfe gab es Bier

Psychische Hilfe gab es für die niederländischen Blauhelme nicht. Das ist nach Ansicht von Experten auch der Hauptgrund für die verhältnismässig vielen Fälle von posttraumatischen Störungen bei dieser Einheit.

Statt Hilfe gab es damals Bier. Als die traumatisierten Soldaten aus Srebrenica in Zagreb ankamen, lud das Verteidigungsministerium zur Grill-Party: Hauptgast war Kronprinz Willem-Alexander, der heutige König. Zur selben Zeit herrschte weltweit Entsetzen über den Massenmord.

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Armee von Veteranen verklagt

Kurz nach seiner Heimkehr zeigten sich bei Z. die ersten Symptome. «Ich war hyperaktiv, schreckhaft, aggressiv, depressiv, trank zu viel Alkohol.» Er wurde für arbeitsunfähig erklärt.

Er und rund 200 seiner ehemaligen Kameraden verklagten ihren früheren Arbeitgeber. 2013 hatte das höchste niederländische Gericht das Ministerium in einem Fall zur Zahlung von Schadenersatz verurteilt. Es war seiner Fürsorgepflicht nicht nachgekommen.

Dennoch weise das Ministerium alle Verantwortung zurück und ziehe alle weiteren Verfahren gnadenlos durch, klagt Z.'s Anwalt Geert-Jan Knoops. «Diese Haltung aber macht die Probleme der Veteranen noch schlimmer.»

«Wir wollen endlich die Wahrheit wissen»

Schadenersatz allein werde nicht helfen, meint Z. «Wir wollen endlich die Wahrheit wissen.» Auch 20 Jahre nach dem Drama ist vieles noch ungeklärt. «Warum musste die Enklave fallen? Warum wurden wir im Stich gelassen?»

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Elfmal kehrte Z. inzwischen zurück nach Srebrenica, auch auf der Suche nach Antworten. Er war überwältigt von dem herzlichen Empfang der bosnischen Bevölkerung. «Das Land», sagt er überzeugt, «ist auch ein wenig mein Land geworden.»

(sda/gku)