Der Druck wächst, Wirtschaftsvertreter warnen vor einem einsei­tigen Fokus auf die Gesundheit und drängen – die Milliarden vor Augen, welche das behördlich verordnete künstliche Koma bereits jetzt gekostet hat – auf ein baldiges Ende des Lockdowns.

Der Wissenschaft kommt dabei die Rolle zu, die Grundlagen für die Politik zu liefern. Die Schwierigkeit: Das Wissen um das neue Coronavirus nimmt zwar rasant zu. Aber es warten noch wichtige Fragen auf Antworten.

Knackpunkt Immunisierung

Zum Beispiel die zentrale Frage danach, wie viele Menschen in der Schweiz sich bereits mit dem neuen Coronavirus Sars-CoV-2 infiziert haben. Das ist deshalb wichtig, weil die fragile Bevölkerung – also die Älteren und diejenigen, die an Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Krebs, Diabetes oder chronischen Lungenerkrankungen leiden – nur geschützt werden kann, wenn ein gewisser Teil der Bevölkerung infiziert ist und das Virus deshalb nicht mehr zirkulieren kann.

«Wir sind nicht zu 100 Prozent sicher, aber in Analogie zu anderen viral bedingten Lungenerkrankungen gehen wir davon aus, dass wir bei einem Anteil von 70 Prozent zu einem normalen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben zurückkehren könnten, inklusive Fussballspiele», sagt Didier Trono, Professor für Virologie an der ETH Lausanne und Mitglied der vom Bundesrat vor Ostern eingesetzten wissenschaft­lichen Covid-19-Taskforce.

► Nur ein Teil der Wahrheit

Die Daten zeigen einen exponentiellen Verlauf der Epidemie in der Schweiz ab Mitte März. Nur: Die Angaben erfassen nur die getesteten Fälle – und die dürften lediglich einen Bruchteil der Infizierten erfassen. Denn die nationale Teststrategie beschränkt sich darauf, Patienten mit schweren Symptomen zu testen; solche mit milden Symptomen werden nicht erfasst, ebenso wenig wie diejenigen, bei denen die Infektion keine Beschwerden verursacht und deshalb unbeachtet bleibt.

Eine Möglichkeit, die tatsächliche Zahl der Infizierten zu eruieren, erfolgt über die Anzahl Todesfälle. Daten aus China, Korea und Singapur legen eine Mortalität von 1 Prozent nahe. Die Zahl der Todesfälle an einem bestimmten Tag lässt also den Schluss zu, dass die Zahl der Infizierten hundertmal höher lag, allerdings bezogen auf die Zeit zwei Wochen davor, also die Zeit vom Auftreten der ersten Symptome bis zur Genesung oder zum Tod.

Nur: Von solchen Werten ist die Schweiz mit Sicherheit noch meilenweit entfernt. Gewiss, es gibt eine Dunkelziffer; Richard Neher, Epidemiologe am Basler Biozentrum, schätzte, dass die Zahl der tatsächlichen Fälle fünfmal höher liegt als die der gemeldeten. Aber von einer ausreichenden Immunisierung kann in der Schweiz noch nicht die Rede sein.

Das zeigt auch diese Überschlagsrechnung: Liegt die Mortalität tatsächlich zwischen 0,5 und 1 Prozent, wie bis jetzt angenommen, so wären in der Schweiz erst 230 000 oder gar erst 115 000 Menschen immunisiert (200- oder 100-mal die Zahl der an Covid-19 Verstorbenen von 1155, Stand 14. April, laut John Hopkins University), was einer Immunisierung von knapp 3,0 Prozent beziehungsweise von knapp 1,5 Prozent entsprechen würde.

Corona-Test-Batterie

Klarheit werden hier erst serologische Tests geben, bei denen nicht mehr wie bei den akut Erkrankten auf das Virus getestet wird, sondern auf die Antikörper im Blut, welche das Immunsystem bildet, um das Virus abzuwehren.

Die ersten serologischen Tests mit einigen wenigen tausend Probanden laufen in diesen Tagen in Genf, in der Waadt und weiteren Kantonen an. «Das heisst, in zwei oder drei Wochen sollten wir ein besseres Bild dazu haben, wie gut die Immunisierung tatsächlich ist», sagt Didier Trono, der die Gruppe Testing und Diagnostik der bundesrätlichen Taskforce leitet.

«Wie stark die Bevölkerung immunisiert ist, ist entscheidend.»

Didier Trono, Virologe

Schon weiter ist man im deutschen Heinsberg. Der Kreis in Nordrhein-Westfalen wurde besonders stark von Sars-CoV-2 heimgesucht und gilt seither als Corona-Test-Batterie.

Nun zeigen erste serologische Daten des deutschen Viro­logen Hendrik Streeck für die Gemeinde Gangelt, dass wahrscheinlich bereits 15 Prozent der Bevölkerung eine Infektion durchgemacht haben. Nur: Diese Daten dürften sich nur beschränkt auf Deutschland oder gar auf die Schweiz übertragen lassen, denn der Ort dürfte aufgrund des starken epidemiologischen Geschehens nach einer verhängnisvollen Karnevalssitzung im Februar nicht repräsentativ sein.

«Die Qua­lität der Tests ist entscheidend»

Zudem verweist das Beispiel Heinsberg auf ein weiteres Problem: das der Zuverlässigkeit der Antikörpertests. Anders als bei den Virus­tests gibt es bis jetzt kaum zugelassene Antikörpertests.

Der Test, der in Heinsberg verwendet wurde, soll, so berichten deutsche Medien, auf mehrere Coronaviren reagiert haben – was bedeutet, dass es in Gangelt womöglich fälsch­licherweise zu positiven Resultaten kam; dass also Infizierte in der Statistik figurieren, die Antikörper zu einem anderen Coronavirus im Blut hatten.

«Die Qua­lität der Tests ist entscheidend», sagt ETH-Professor Didier Trono. Wichtig sei ausserdem, dass es sich um eine repräsentative Stichprobe handle, die alle Altersgruppen – mit Ausnahme womöglich von kleinen Kindern, bei denen eine Blutprobe schwierig durchzuführen sei – und beide Geschlechter umfasse.

«Die Immunisierung der Bevölkerung ist eine entscheidende Zahl», sagt Didier Trono. «Zudem sollten wir zum Zeitpunkt des Endes des Lockdowns über eine Tracing-Logistik verfügen, die es uns möglich macht, bei jedem Infektionsfall die Kontaktpersonen zu identifizieren, die sich möglicherweise infiziert haben» – so, wie das Singapur erfolgreich mache.

Es ist besser, jetzt vorsichtig zu sein

«Das Problem war ja, dass wir zu Beginn der Epi­demie zu viele grosse Feuer hatten, deshalb der grosse Anstieg.» Der ETH-Professor sagt: Es sei besser, jetzt vorsichtig zu sein, denn: «Wenn wir in ein paar Monaten nochmals eine grosse Welle von Infektionen haben, dann wird es ganz ­dra­matisch.»

Zudem warnt Trono vor Illusionen: Der Preis dafür, eine Immunisierung der Bevölkerung zu erreichen, werde gleich bleiben, unabhängig ­davon, wie schnell die Immunisierung der Be­völkerung erfolge.

Konkret: Sollten sich bis jetzt 3 Prozent der Bevölkerung infiziert haben, so würde die Zahl von heute 1155 Todesopfer auf mehr als 25 000 steigen. Es sei denn, es gibt einen Impfstoff oder die Behandlungsmöglichkeiten für Covid-19 verbessern sich deutlich.