Wüste Schlägereien auf dem Platz, Spieler, die im Steinhagel in die Kabinen flüchten, Krawalle in europäischen Grossstädten wie Wien – das Länderspiel zwischen Serbien und Albanien in Belgrad wird als Schlacht in Erinnerung bleiben. Der Auslöser: Kurz vor der Halbzeitpause kreiste eine Drohne über dem Spielfeld, die eine seltsame Flagge hinter sich her zog.

Die Aktion, hinter der angeblich der Bruder des albanischen Premierministers stecken soll, entpuppte sich als Funken im Pulverfass. Die Symbolik der Flagge ist nämlich höchst brisant und erinnert daran, dass die Grossmachtsträume der verschiedenen Volksgruppen auf dem Balkan noch längst nicht der Vergangenheit angehören.

Was bedeutet die Flagge?

Die grösste Provokation ist zweifellos der Umriss des Gebietes, das vom albanischen Doppeladler auf rotem Grund beherrscht wird. Neben dem Staatsgebiet von Albanien umfasst das gezeigte Territorium auch weitere Siedlungsgebiete der Albaner in Griechenland, Mazedonien, Serbien und Montenegro, sowie den gesamten Kosovo.

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Auf dem Balkan, wo auch Nationalisten aus Serbien und Kroatien seit dem Zusammenbruch Jugoslawiens von ihrem Grossreich träumen, weckt der Anspruch der Albaner hässliche Erinnerungen an die kriegerischen Zeiten der Neunzigerjahre.

Rückgriff auf das Fürstentum Albanien

Die weiteren Symbole auf der Flagge sollen den Anspruch historisch legitimieren. Da ist einerseits das Datum 28. November 1912 – der Tag an dem die Unabhängigkeit Albaniens vom Osmanischen Reich ausgerufen wurde. Dazu steht unten «autochthonous» – «Autochthon», was hier bedeuten soll, dass die Bevölkerungsgruppe der Albaner auf dem Gebiet ursprünglich einheimisch war.

Die beiden Männer auf der Flagge sind Ismail Qemali und Isa Boletini, zwei Figuren aus der Unabhängigkeitsbewegung des frühen 20. Jahrhunderts. Ismail Qemali war die wichtigste Figur der politischen Unabhängigkeit Albaniens und wurde dessen erster Ministerpräsident. Und der Freischärler Isa Boletini gilt als einer der Nationalhelden des Kosovo, während die Gegner in ihm eher einen Banditen sehen.

Traum von Grossalbanien

Der Traum von Grossalbanien lässt die Gemüter auch deshalb hochkochen, weil serbische Nationalisten bis heute nicht einmal die Loslösung des Kosovo überwunden haben. Die Ereignisse von Belgrad haben einmal mehr bewiesen, dass die alten Wunden auf dem Balkan noch lange nicht verheilt sind.

Sowohl die Albaner wie auch die Serben werden sich indes bald entscheiden müssen, ob sie weiterhin ihren Grossmachtsfantasien nachhängen wollen. Denn die angestrebte Integration in die EU ist mit solchen nationalistischen Träumen garantiert nicht vereinbar.