Warum verübt der IS Anschläge in Paris? Wo liegt die Rationalität dieser Taten?
François Heisbourg*: Es geht um Ideologie und um Politik. «Daesh» (so nennt Frankreich den «Islamischen Staat» [IS], die Red.) greift multikulturelle Orte an, die den westlichen Lebensstil verkörpern, und versucht Frankreichs Aussenpolitik zu beeinflussen.

Was bezwecken die Anschläge konkret?
Vermutlich will «Daesh» die Franzosen tiefer in den Konflikt ziehen. Darauf deutet auch der Anschlag auf das russische Passagierflugzeug hin, für den «Daesh» die Verantwortung übernommen hat. Wladimir Putin wird sein Engagement in Syrien eher ausbauen als zurückfahren.

Schadet sich der IS damit nicht selbst?
Man würde ja erwarten, dass eine Kriegspartei grundsätzlich kein Interesse daran hat, die Anzahl der Feinde auf dem Feld zu erhöhen. Wichtiger für «Daesh» ist aber die Wahrnehmung. Die Organisation will als mächtigste Jihad-Operation auf dem Planeten gelten – mächtig genug, um es mit Grossstaaten wie den USA oder Frankreich aufnehmen zu können. Der Nimbus dient der Motivation bisheriger und der Rekrutierung neuer Kämpfer. Für «Daesh» ist die Expansion ihrer Operationen in Ländern wie Nigeria oder Jemen mindestens so wichtig wie der Kampf in Syrien und im Irak.

Der IS ist aus dem Chaos der Kriege in Irak und Syrien entstanden. Profitiert die Organisation, wenn als Folge von Militäroperationen nun noch mehr Chaos entsteht?
Ja. Die Ausweitung des Krieges dürfte ein wichtiger Teil der Überlegungen sein. Ein zentrales Ziel von «Daesh» ist die Destabilisierung des Regimes in Saudi-Arabien.

Teilen die Saudis nicht die IS-Ideologie?
«Daesh» besetzt mit dem konservativen, puritanischen Islam zwar dieselbe ideologische Nische wie Saudi-Arabien. Doch die Organisation rivalisiert auch mit den Saudis. Sie kontrollieren die heiligen Städte von Mekka und Medina sowie grosse Mengen von Öl. Darum geht es. «Daesh» will das Königreich Saudi-Arabien ablösen.

Verändern sich nun die Allianzen?
Der Mittlere Osten befindet sich in einem Dreissigjährigen Krieg. Ähnlich wie im Europa des 17. Jahrhunderts werden mehrere Konflikte zugleich ausgefochten: Reli­giöse Konflikte zwischen Schiiten, moderaten und radikalen Sunniten, territoriale Konflikte um die Nationalstaatenordnung von Sykes-Picot, die im Ersten Weltkrieg entstand, dynastische Konflikte wie innerhalb der Herrscherfamilie in Saudi-Ara­bien. Instabile und wechselnde Allianzen sind in dieser Konstellation der Normalfall. Momentan sind alle gegen «Daesh», aber aus verschiedenen Gründen. Russland wegen Bashar al-Assad in Syrien. Iran wegen der schiitischen Hisbollah.

Welche Bedeutung hat Samuel Huntingtons Konzept vom «Kampf der Kulturen» zwischen Christentum und Islam?
Im Mittleren Osten findet derzeit primär ein Kampf innerhalb einer Kultur statt. Ziel von «Daesh» ist, diesen Konflikt au­zuweiten und in einen «Kampf der Kul­turen» zu transformieren. Die Chancen dazu wurden «Daesh» geboten, weil sich der Westen vor Jahren dazu entschlossen hat, im Mittleren Osten eine Rolle zu spielen.

Welche Folgerungen drängen sich auf?
Die Analogie des Dreissigjährigen Krieges geht sehr weit. Sie zeigt dem Westen auf, wie wichtig es sein kann, sich strategisch zurückzuhalten. «Daesh» zu bombardieren mag zwar befriedigend sein. Doch der Konflikt könnte trotzdem noch Jahre andauern. Seit dem Krieg zwischen Iran und Irak sind bereits dreissig Jahre vergangen. Es könnten locker dreissig weitere Jahre hinzukommen. Soll der Westen für die Aufrechterhaltung von Sykes-Picot kämpfen? Ich weiss es nicht. Niemand weiss es.

Können wir den Terrorismus unterbinden?
Den Konflikt vor Ort lösen, das kann der Westen nicht. Zu mächtige Kräfte sind am Werk. Was man bis jetzt auch immer versucht hat, mündete in der Katastrophe. Die vollständige Invasion im Irak? Eine Katastrophe. Die blosse Militärhilfe zum Sturz von Oberst Ghadhafi in Libyen? Eine Katastrophe. Nette Worte und leichte Waffenlieferungen an Syriens Rebellen? Eine Katastrophe. Das Ignorieren des Konflikts im Jemen? Eine Katastrophe.

Was kann der Westen also tun?
Zunächst einmal muss man die Erwartungen drastisch reduzieren. Ob wir nun intervenieren oder nicht: Ein baldiger E­rfolg wird sich nicht einstellen. Da können Politiker noch so «entschlossen» handeln.

Kann man wenigstens einen «Deckel» auf den Konflikt tun – ähnlich wie auf einen kaputten Atomreaktor?
Die Strategie ist einen Versuch wert. Man könnte etwa den Ölfluss aus den IS-Gebieten mit grösserem Nachdruck unterbinden. «Daesh» hat bisher auch Öl an Assad geliefert – als Teil eines Nichtangriffspakts mit dem syrischen Regime. Machen die USA ernst, ist damit wohl bald Schluss.

Würde das den IS markant schwächen?
«Daesh» finanziert sich auch über Mehrwertsteuern und den Zakat, die muslimische Reichtumsabgabe. Die Steuereinnahmen sind nicht unbedeutend: Im IS-Gebiet leben rund zehn Millionen Menschen. Mossul, Rakka oder Palmyra sind nicht gerade Kleinstädte.

Also bräuchte es Wirtschaftssanktionen.
Wollte man die Finanzkraft von «Daesh» wirklich schwächen, so müsste man letztlich die Existenzgrundlage der Bewohner vernichten. Man müsste Elektrizität und Wasser abdrehen, was aus humanitären Gründen sehr problematisch ist. Ich vermute aber, dass genau dies nun vermehrt passieren wird. Bislang flogen die USA nur zwei Angriffe pro Tag. Nach den Anschlägen hat Frankreich die Frequenz bereits erhöht. Man wird die Definition möglicher Ziele ziemlich sicher ausweiten.

Bringen mehr Bomben wirklich etwas?
Klar ist: Die russischen Angriffe im syrischen Rebellengebiet haben «Daesh» gestärkt. Sie lassen die Bevölkerung – jene, die noch nicht geflohen ist – im Glauben zurück, dass nur der IS Schutz vor Bashar al-Assad bietet.

Aber wie steht es mit Angriffen gegen den IS?
Die Ausgangslage ist extrem schwierig. «Daesh» war bei der Invasion nach Mossul willkommen. Inzwischen ist die lokale Verwaltung zwar nicht einheitlich, aber doch funktional. Es gibt eine Justiz, es herrscht eine gewisse Ordnung, es ist möglich, Wirtschaftsaktivitäten nachzugehen. Man könnte Mossul schon befreien, indem man die Stadt bombardiert und schiitische Milizen auf sie loslässt. Doch das Resultat wäre ein Massenexodus, Dutzende von Tausenden von Toten und eine neue Generation von Terroristen. Man muss also einen anderen Weg finden.

Wie wäre es, wenn sich Europa einfach einmal auf die eigenen Probleme konzen­triert? Immerhin stammen einige Atten­täter von Paris aus Frankreich.
Die Aufklärungsarbeiten düften zeigen, dass die Anschläge tatsächlich zum Grossteil in Europa geplant und auch von hier aus ausgeführt wurden. Künftig wird man die internen Nachrichten- und Sicherheitsdienste also ausbauen müssen. Die französische Regierung hat diesen Prozess vor zwei Jahren initiiiert, doch er braucht seine Zeit. Man kann das Budget aufstocken, doch die Absorption der Mittel und das Training dauern mehrere Jahre.

Was ist mit den Banlieues – dem sozialen Nährboden des Terrorismus?
In Quartieren wie Saint-Denis in Paris wurde zuletzt einiges gemacht. Firmen ­erhalten neuerdings auch Steuergutschriften, wenn sie in die Banlieues gehen. ­Weitere Verbesserungen wären hoch willkommen. Grundsätzlich sollte man So­zialpolitik aber betreiben, um Dinge wie Diskriminierung und Arbeitslosigkeit zu reduzieren – nicht aber als counterterroris­tische Massnahme.

Warum nicht?
Im Terrorismus gilt das Gesetz der kleinen Zahlen. Jeder Lebenslauf ist anders. Einer der Attentäter von Paris lebte ja in einem hübschen Einfamilienhausquartier. Ihn kriegt man mit der soziologischen Kategorie «Terrorist» nicht zu fassen.

 

* François Heisbourg präsidiert das ­Geneva Center for Security Policy und das Londoner International Institute for Strategic Studies. Er war Berater der französischen Regierung und beteiligt an ­Strategiepapieren zur nationalen Sicherheit.

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