Es könnte das Foto des Jahres werden: das Bild von Andrew Mountbatten-Windsor, wie er sich nach seiner Entlassung aus dem vorübergehenden Polizeigewahrsam auf dem Rücksitz eines Wagens tief in die Polster drückt. Der ehemalige Prinz, Bruder von König Charles III., zeigt ein entgleistes, panisches Gesicht – ein Ausdruck, der so gar nicht zu den sonst kontrollierten, neutralen Mienen der Royals passt. Andrew sieht sich mit dem Vorwurf der Weiterleitung vertraulicher Informationen an den verstorbenen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein konfrontiert. Der einstige Liebling der Queen wirkt auf dem Schnappschuss wie ein Mann, der zum ersten Mal begreift, dass sein statusbedingter Schutz endgültig weg ist.

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Dieser ertappte Blick steht sinnbildlich für viele Reiche und Mächtige aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die mit Epstein offenbar Kontakt hatten – obwohl bekannt war, dass dieser bereits wegen Anwerbens von Minderjährigen zur Prostitution verurteilt worden war. Dem schwerreichen Investmentbanker wird vorgeworfen, über Jahre hinweg mutmasslich systematisch junge, teils minderjährige Frauen missbraucht und ausgenutzt zu haben. Die Dimension des Falls ist erschreckend. Und sie zeichnet das Bild einer Elite, die sich an eigene, biegsame Moralmassstäbe gewöhnt hat.

Die Gastautorin

Karin Kofler ist regelmässige Gastkolumnistin und selbstständige Publizistin.

Erschreckend ist nicht nur die schiere Zahl einflussreicher Persönlichkeiten, die es trotz Gerüchten, Signalen und gesellschaftlichem Halbwissen in Epsteins Nähe zog – von Donald Trump, Bill Clinton und dem britischen Ex-Botschafter Peter Mandelson bis zum WEF-CEO Børge Brende und zu Blaublütern wie Ex-Prinz Andrew oder der norwegischen Kronprinzessin Mette-Marit. Irritierend ist auch das offenkundige stillschweigende Hinwegsehen – mitunter auch über banale Warnzeichen; Epsteins ostentativ zur Schau gestellte Nähe zu Macht und Status etwa, dokumentiert in Form zahlloser Fotos von Prominenten in seinen Häusern.

Warum, so fragt man sich, gehen Menschen, die Status und Prestige zu verlieren haben, derartige Risiken ein, indem sie einen charismatischen verurteilten Sexualstraftäter hofieren? Die Antwort ist ernüchternd einfach: Weil sie glauben, es sich leisten zu können. Studien zeigen, dass Personen mit hohem sozioökonomischem Status eher dazu neigen, unethisches Verhalten zu stützen, wenn es dem eigenen Vorteil dient, als solche mit tieferem Status. Macht, Geld und Ansehen verändern das Selbstbild. Privilegierte fühlen sich häufiger berechtigt, Regeln zu dehnen.

In der Wirtschaft finden sich dafür zahlreiche Beispiele. Zuletzt etwa ein Nestlé-CEO, der davon ausging, dass eine Affäre innerhalb des Unternehmens folgenlos bleibt – trotz klaren Verstössen gegen den Code of Conduct. Wer wie Ex-Prinz Andrew in eine einflussreiche, vermögende Familie hineingeboren wird, wächst mit der stillen Gewissheit auf, dass allfälliges Fehlverhalten selten existenzielle Konsequenzen hat. Anwaltskosten, Verfahren, Reputationsschäden: All das lässt sich mit genügend Ressourcen kompensieren. Diese Sicherheit prägt das Risikoverhalten.

Hinzu kommt ein weiterer Mechanismus: Die Oberschicht funktioniert nach dem Prinzip der statusbasierten sozialen Validierung. Wer von Hochrangigen akzeptiert wird, gilt automatisch als vertrauenswürdig. Epsteins Netzwerk aus Politikern, Wirtschaftsführern und Adeligen wurde so zum Selbstläufer. Jede prominente Bekanntschaft legitimierte die nächste.

Am Ende bleibt das Bild der drei Affen. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen – und vor allem: nichts wissen wollen. Genau so funktionierte der Umgang der Elite mit Epstein über Jahre. Wenn Kronprinzessin Mette-Marit rückblickend erklärt, sie habe schlicht ein «schlechtes Urteilsvermögen» gehabt, klingt das weniger nach Einsicht als nach einer weiteren Variante dieses Rituals – nicht Verantwortung, nicht bewusster Entscheid, sondern einfach ein sorgloser Fehler.