Wer trägt die Last einer Steuer? Auch wenn Unternehmen gesetzlich verpflichtet sind, eine Steuer zu bezahlen, bedeutet dies nicht, dass sie wirtschaftlich die Steuerlast selbst tragen. Sie können diese ganz oder teilweise auf andere überwälzen, etwa über höhere Preise auf die Konsumenten – oder auf ihre Mitarbeiter, indem sie niedrigere Löhne zahlen. Gerade bei der Besteuerung von Unternehmen gehen die Ansichten dazu auseinander:

  • Umfragen ergeben typischerweise, dass die meisten Menschen glauben, eine höhere Gewinnsteuer treffe vor allem die Unternehmen.
  • Die Unternehmensvertreter argumentieren hingegen gerne, dass eine Steuererhöhung die Investitionen senke und dadurch zu Lohneinbussen führe. Dann ginge die Steuer zulasten der Arbeitnehmer.
  • Die meisten Ökonomen sind sich einig, dass eine zusätzliche Steuerbelastung tatsächlich zwischen Unternehmern und Arbeitnehmern aufgeteilt wird.

Eine kürzlich erschienene Studie von Clemens Fuest, Andreas Peichl und Sebastian Siegloch geht der Frage nach, wie die Last von Unternehmenssteuern zwischen den Unternehmen (also seinen Eigentümern und Kapitalgebern) und den Arbeitnehmern aufgeteilt wird – und ob letztere sinkende Löhne in Kauf nehmen müssen. Dazu betrachten die Forscher die Gewerbesteuer in Deutschland. Diese wird von Unternehmen direkt an die Gemeinde bezahlt und soll einen Beitrag zur Finanzierung der lokalen Infrastruktur darstellen. Jede Gemeinde entscheidet selbst über den Steuersatz, genauer gesagt, über den sogenannten Hebelsatz, welcher mit der vom Bund festgelegten Steuermesszahl multipliziert wird. 
 

Das Projekt Next Generation

Das Projekt Next Generation informiert über aktuelle Forschungsergebnisse zu wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen und über die Arbeit der Studierenden in den volkswirtschaftlichen Lehrprogrammen der Universität St. Gallen.

Hier: Korbinian Wester über: Clemens Fuest, Andreas Peichl, Sebastian Siegloch: «Do Higher Corporate Taxes Reduce Wages? Micro Evidence from Germany», ifo Working Paper No. 241, September 2017.

Herausgeber Next Generation: Prof. Christian Keuschnigg.
 

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Die Forscher betonen zunächst, dass die Aufteilung der zusätzlichen Steuerlast von vielen Faktoren abhängt, etwa von unternehmensspezifischen Eigenschaften wie Grösse, Intensität der Gehaltsverhandlungen, Profitabilität; davon, ob das Unternehmen in ausländischem Besitz ist oder ob es in verschiedenen Gemeinden tätig ist.

Zum anderen hängt die Aufteilung auch von den Arbeitnehmerm ab  – etwa Fähigkeiten, Geschlecht und Alter. Solche Eigenschaften können die Auswirkungen der Gewerbesteuer auf die Löhne verstärken oder verringern und damit Einfluss haben, welchen Anteil der Steuerlast die Arbeitenden tragen müssen.

Je Verschieben, desto Verhandlungsmacht

Für die unternehmensspezifischen Eigenschaften gilt grundsätzlich: Je stärker ein Unternehmen Gewinne an andere Orte verschieben und dadurch Gewerbesteuer sparen kann, und je grösser die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmerseite ist, desto schwächer wirkt sich eine höhere Gewerbesteuer auf die Löhne aus.

Bei den Eigenschaften der Arbeitnehmer stellt man fest, dass vor allem jene mit niedrigeren Einkommen Lohneinbussen in Kauf nehmen müssen. Dies steht im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung, dass Unternehmenssteuern progressiv wirken und somit vor allem höhere Einkommen mit einem hohen Anteil von Kapitaleinkommen treffen. Die Überwälzung auf die Arbeitnehmer schwächt die progressive Wirkung des Unternehmenssteuersystems signifikant ab.

100 Euro mehr Steuern, 51 Euro weniger Lohnausgaben

Um festzustellen, wie Veränderungen des Gewerbesteuersatzes die Löhne beeinflussen, verwendeten die Wissenschaftler Daten von 1993 bis 2012 aus insgesamt 3’522 Gemeinden, für welche Lohndaten verfügbar waren. Sie untersuchten rund 6’800 Änderungen des Gewerbesteuersatzes. Der durchschnittliche Gewerbesteuersatz betrug 18,7 Prozent. Eine typische Erhöhung machte rund 0,9 Prozentpunkte aus, lediglich ein Viertel war grösser als 1,1 Prozentpunkte.

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Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass bei einer Anhebung der Gewerbesteuer die Arbeitnehmer im Schnitt 51 Prozent der zusätzlichen Steuerlast tragen müssen. Ein Unternehmen, welches 100 Euro mehr Gewerbesteuer zahlen muss, senkt also seine Lohnausgaben um durchschnittlich 51 Euro. Wirtschaftlich gesehen belastet eine Gewerbesteuererhöhung die Arbeitnehmer ähnlich stark wie die Unternehmen und ihre Eigentümer.

Folgen für Kostenstruktur

Die empirische Evidenz weist also auf eine erhebliche Steuerüberwälzung hin. Mitarbeiter von kleinen Unternehmen mit weniger als 10 Beschäftigten müssen Lohneinbussen von 124 Euro in Kauf nehmen, wenn die Gewerbesteuerbelastung um 100 Euro steigt. Der Lohnrückgang übersteigt sogar den zusätzlichen Steuerbetrag. Ganz anders fallen die Ergebnisse für grössere Unternehmen aus. Jene mit 10 bis 99 Mitarbeitern überwälzen nur noch 31 Euro auf die Arbeitnehmer. Bei noch grösseren Unternehmen wirkt sich eine Gewerbesteuererhöhung überhaupt nicht mehr signifikant auf die Löhne aus.

Die Erhöhung der Gewerbesteuer in einer einzelnen Gemeinde beeinflusst die Kostenstruktur eines grossen Unternehmens mit verschiedenen Standorten typischerweise nur wenig. Deshalb reagiert es meist kaum darauf. Investitionen und Löhne bleiben weitgehend unverändert.

Auch die Art und Weise, wie die Tarifverhandlungen organisiert sind, beeinflusst die Überwälzung. Finden sie dezentral in jedem Unternehmen separat statt, so tragen die Arbeitnehmer 73 Prozent der zusätzlichen Steuerlast. Bei Verhandlungen für eine ganze Branche sind es nur noch 42 Prozent. In diesem Fall schwächt sich der Effekt ab, da die Erhöhung in einer Gemeinde nur einzelne Unternehmen der gesamten Branche betrifft, nämlich nur jene mit einem Standort in dieser Gemeinde. Gibt es nur zentrale, gemeinsame Tarifverhandlungen für alle Arbeitnehmer und Branchen zusammen, dann werden nur 29 Prozent der Steuer überwälzt. 

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Frage der Profitabilität

Eine wichtige Rolle spielt auch die Profitabilität des Unternehmens. Während sehr profitable Unternehmen 57 Prozent an die Arbeitnehmer weitergeben, hat eine Steuererhöhung bei kaum profitablen Unternehmen keine Auswirkung auf die Löhne.

Aber auch innerhalb desselben Unternehmens sind die Mitarbeiter in unterschiedlichem Umfang von der Überwälzung betroffen. Grosse Unterschiede stellt man zum Beispiel fest, wenn man die Angestellten nach ihren Qualifikationen unterscheidet. Bei hochqualifizierten Mitarbeitern beeinflusst die Gewerbesteuer den Lohn kaum. Jedoch sinkt der Lohn von geringer qualifizierten Arbeitnehmern um 38 Euro, wenn ein Unternehmen um 100 mehr Steuer bezahlen muss.

Auch zwischen den Geschlechtern gibt es deutliche Unterschiede: Während Frauen auf 53 Euro Gehalt verzichten müssen, sind es bei Männern nur 33 Euro. Ebenfalls entscheidend ist das Alter. Die Lohnzahlungen an junge Angestellte sinken im Schnitt um 51 Euro, während ältere Mitarbeiter lediglich auf 33 Euro verzichten müssen.

Die Studie zeigt, dass bei weitem nicht nur die Unternehmen eine Gewerbesteuererhöhung tragen müssen: Die Steuerlast wird zwischen Unternehmen und Arbeitnehmern aufgeteilt.

 

 

Der Autor

Der Autor: Korbinian Wester absolviert ein Master-Studium in Quantiatitve Economics und Finance an der Universität St. Gallen. Mit der Initiative «Next Generation» ermutigt das Wirtschaftspolitische Zentrum der HSG ihre Nachwuchstalente, die Öffentlichkeit über Erkenntnisse der Wissenschaft zu informieren. Die besten Studierenden fassen wichtige Ergebnisse ausgewählter Publikationen in Fachzeitschriften zusammen.

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