An einem Novemberabend 1910 stiegen sechs Männer in Hoboken, einem Kleinstädtchen vis-à-vis von Manhattan, in den privaten Eisenbahnwagen von Senator Nelson Aldrich. Sie fuhren 1300 Kilometer nach Süden und setzen dann mit dem Schiff nach Jekyll Island über, einer einsamen Insel vor der Küste Georgias.

Aldrich war Vorsitzender einer Kongress-Kommission zur Reform des amerikanischen Währungssystems. Er hatte seine Gäste angewiesen, einzeln zum Bahnwaggon zu kommen, mit niemandem zu sprechen und vor allem Zeitungsreportern aus dem Weg zu gehen. Denn ausser einem Staatssekretär des Finanzministeriums und seinem Sekretär gehörten seine Gäste zu den bekanntesten Finanzgrössen der Welt und vertraten die mächtigsten Geldhäuser und reichsten Bank-Dynastien Amerikas: Die Warburgs, Rothschilds und Morgans.

Gebraucht wurden nur Vornamen

Neun Tage wohnten und arbeiteten die Herren im leeren Clubhaus des Jekyll Island Clubs, wo sich sonst die reichsten amerikanischen Familien im Winter zur Entenjagd trafen. Aus Geheimhaltungsgründen war das Bedienungs-Personal ausgewechselt worden und die Gäste redeten sich nur mit Vornamen an. Niemand sollte erfahren, wer hier zusammensass und vor allem nicht, mit welchem Ziel: Den Plan für eine Zentralbank der USA zu entwerfen.

Am 5. November 2010 war die amerikanische Zentralbank wieder reif für die Insel. Kurz nachdem Ben Bernanke, der Präsident des Federal Reserve System in Washington, mit einer weiteren Lockerung der Geldpolitik verzweifelt versucht hatte, den Aufschwung herbeizuzwingen (siehe Artikel links und Interview), reiste er nach Jekyll Island. Dort diskutierten aktive und ehemalige Führungsleute, darunter Bernankes Vorgänger Alan Greenspan, über «Ursprung, Geschichte und Zukunft» des Fed.

Mit der Rückkehr nach Jekyll Island feierten sie ihren Ursprung in den historischen Gebäuden, in denen vor 100 Jahren unter strikter Geheimhaltung die Blaupause für eine amerikanische Zentralbank entworfen worden war (siehe Kasten).

«Verschwörung der Hochfinanz»

Der Aldrich-Plan von Jekyll Island mündete nach parlamentarischen Debatten und einigen Änderungen in den Federal Reserve Act von 1913 und die Gründung des Fed. Seither gibt das Geheimtreffen von Jekyll Island den wildesten Verschwörungstheorien Nahrung. Diese stellen es als «Verschwörung der Hochfinanz» und das Fed als Kartell zur Ausbeutung des amerikanischen Volkes dar.

Die Geheimhaltung und die Konstruktion des Systems weckten Argwohn. Das Fed besteht aus zwölf regionalen Federal-Reserve-Banken, bei denen alle national tätigen Geschäftsbanken Mitglied sein müssen (siehe Grafik). Was viele Amerikaner nicht wissen oder nicht verstehen und was Verschwörungstheorien befeuert: Die regionalen Fed-Banken gehören den rund 3000 privaten Mitgliedsbanken, nicht dem Staat. Zum Vergleich: Die Aktien der Schweizerischen Nationalbank sind zu 55 Prozent im Besitz der Kantone und Kantonalbanken, zu 45 Prozent in privatem Besitz, der Bund ist auch hier nicht beteiligt.

Der siebenköpfige Board of Governors, der Verwaltungsrat des Fed, wird vom amerikanischen Präsidenten ernannt und vom Kongress bestätigt. Im wichtigsten geldpolitischen Gremium, dem 12-köpfigen Financial Open Market Committee (FOMC), das den US-Leitzins festlegt und die geld- und währungspolitischen Weichen stellt, haben die staatlich ernannten Mitglieder die Mehrheit.

Diese teils nationale, teils regionale und teils staatliche, teils private Organisation sollte die Zentralisierung und die Macht einzelner Gruppen beschränken. Tatsächlich ist der Einfluss der Banken auf die Geldpolitik gering.

«Die Kreatur von Jekyll Island»

Davon lassen sich Verschwörungstheoretiker jedoch nicht beeindrucken, und es finden sich immer wieder Politiker, die solches Gedankengut an die dafür empfängliche amerikanische Öffentlichkeit tragen. Am Hearing zur Bestätigung von Bernanke als Fed-Präsident beendete Senator Jim Bunning seine Tirade gegen Bernanke mit den Worten: «Ihr Fed ist die Kreatur von Jekyll Island geworden.» Damit hatte er wortwörtlich den Buchtitel des amerikanischen Verschwörungstheoretikers G. Edward Griffin übernommen.

Vor einer Woche wählten die Bürger von Kentucky Rand Paul, einen Favoriten der konservativen Tea-Party-Bewegung, zum Nachfolger von Bunning im Senat. Er möchte das Fed am liebsten abschaffen und erhält wachsenden Zulauf von frustrierten Amerikanern, welche die Notenbank für alle Krisen der letzten 100 Jahre verantwortlich machen. Doch ihre Kritik steht auf wackligen Beinen: Die USA erlebten in den letzten 100 Jahren drei grosse Bankenkrisen - in den 100 Jahren vor der Gründung des Fed waren es zwölf, wie Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff in ihrer Untersuchung der Finanzkrisen feststellten.

Die Wut der Amerikaner über die Wall Street und die hohe Arbeitslosigkeit wird den politischen Druck auf die Notenbank erhöhen, schliesslich hat sie - anders als etwa die Schweizerische Nationalbank - neben Preisstabilität auch für eine hohe Beschäftigung zu sorgen. Mit dem Entscheid für eine zweite Runde der Quantitative Easing genannten Lockerung der Geldpolitik hat das Fed seinen Kritikern Munition geliefert. Rand Paul könnte im Januar zum Vorsitzenden des Subkomitees ernannt werden, das im Kongress die Notenbank überwacht. Er wird Bernanke und der «Kreatur von Jekyll Island» das Leben noch schwerer machen.

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