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Infrastruktur
Im Schatten des Gotthard-Tunnels

Die Täler am Gotthard-Tunnel sorgen sich: Sie fürchten wirtschaftliche Nachteile, ist die erweiterte Jahrhundertröhre erst einmal eröffnet. Denn die Züge fahren dann glatt unter ihren Gebieten durch.

Veröffentlicht am 25.05.2016

In grossen Teilen der Kantone Uri und Tessin sieht man der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels erwartungsvoll entgegen. In jenen Gebieten aber, die dann meist nur noch unterirdisch durchfahren werden, verbinden die Menschen nicht nur Hoffnungen mit dem Jahrhundertbauwerk.

Rund vier von fünf Urnerinnen und Urner leben im Talboden. Dort, wo sich auch Dienstleistungs-, Industrie- und Gewerbebetriebe konzentrieren. Und dort, wo man sich kaum Sorgen macht um die Zeit nach der Eröffnung des Jahrhundertprojekts Neat. Im Gegenteil.

Sorge um Erreichbarkeit der Region

Noch nicht angelangt ist die Neat-Euphorie in Teilen des Urner Oberlands. Die meisten Züge verschwinden ab dem 11. Dezember nämlich bereits in Erstfeld in die Röhre. Deshalb sorgt man sich um die Erreichbarkeit der Region und die damit verbundenen Folgen. Die Angst vor dem Abstellgleis geistert durch die Schöllenenschlucht. Dies, obschon eine kürzlich veröffentlichte Studie der Credit Suisse zeigte, dass bei Randregionen die Erreichbarkeit nur einer der Standortfaktoren sei. Die Urner Randregionen sind und bleiben mit Abwanderung, Überalterung und Arbeitsplatzschwund konfrontiert.

Christian Raab, Leiter der Abteilung Wirtschaft und Tourismus des Kantons Uri, kennt die Ängste gewisser Oberländer Gemeinden. «Neben der Sorge um die Erreichbarkeit per Bahn befürchten diese auch, dass die Attraktivität der Gemeinden als Lebens-, Wirtschafts- und Tourismusstandort schwindet«, sagt er. Der Kanton wolle aber die Rahmenbedingungen für das Oberland optimal gestalten.

Überlegungen für den Tourismus

Für Raab ist gerade die touristische Inwertsetzung der Bergstrecke eine zentrale Herausforderung für den Kanton. Er sagt: «Eine Schliessung der Bergstrecke wird nicht in Betracht gezogen.« Der Erhalt sei wichtig für die regionale Anbindung des oberen Reusstals per öffentlichen Verkehr, für die Erschliessung des Urserentals, aber auch für die Sicherheit. Und die Bahninfrastruktur und die Siedlungsgebiete des Oberen Reusstals würden so weiterhin von Naturgefahren gesichert.

Denn aus touristischer Sicht setze sich Uri «intensiv damit auseinander«, wie man die durch die Neat verursachten Veränderungen touristisch nutzen könne, sagt Raab. «Wir setzten uns auch für ein möglichst optimales Zufahrtsregime ein«, wie Raab betont.

Luxusressort in Andermatt

Schliesslich sei das Luxusresort des ägyptischen Investors Samih Sawiris in Andermatt der touristische Treiber im Kanton - mit internationaler Ausstrahlung. Der Bahnhof Göschenen habe eine zentrale Knotenfunktion nicht nur für die Erschliessung von Andermatt, sondern des ganzen zentralen Alpenraums über die Matterhorn-Gotthard-Bahn.

Auch auf der Tessiner Seite des Gotthardmassivs blickt man der neuen Tunnelära sorgenvoll entgegen. «Bisher konnten wir in etwas mehr als drei Stunden und mit einem Umstieg von hier aus nach Bern gelangen«, sagt Roland David, Gemeindepräsident von Faido TI. Wenn künftig in Erstfeld der Zug gewechselt werden müsse, werde die Fahrt komplizierter und länger.

Von Abwanderung bedroht

Für die Nordtessiner Regionen der Leventina und des Bleniotals, die schon heute als wirtschaftsschwach gelten und teilweise von Abwanderung betroffen sind, ist der neue Tunnel auch aus touristischer Sicht bedrohlich. Insgesamt sieht David seine Gemeinde doppelt bestraft: Das Verlagerungsziel für den alpenquerenden Verkehr werde auch mit dem Gotthard-Basistunnel nicht erreicht und gleichzeitig sei Faido künftig schlechter mit der Bahn angebunden, sagt der CVP-Politiker.

Die Tessiner Tourismusorganisation sieht dagegen mehr Licht als Schatten: Es biete sich jetzt die Chance, auf der alten Bergstrecke ein neues touristisches Produkt anzubieten. Die spektakuläre Bergstrecke des Gotthards, welche durch die Leventina führe, könne auch in Zukunft viele Besucher anlocken, schreibt Ticino Turismo.

Biasca schaut in die Röhre

Hoffnungen, die derzeit auch die Bewohner von Biasca noch nicht ganz teilen wollen. In der 6200-Einwohner-Gemeinde werden nach der Neat-Eröffnung keine Schnellzüge halten. Da sich der Südausgang des Gotthard-Basistunnels nur unweit der Gemeindegrenze befindet, schaut die Bevölkerung von Biasca im wahrsten Sinne des Wortes in die Röhre.

Ende April hat ein Komitee um den Tessiner CVP-Nationalrat Fabio Regazzi deshalb eine Petition mit beinahe 8000 Unterschriften in Bern eingereicht, damit die Stadt einen Neat-Halt bekommt. Die Region der «Tre Valli» bekomme vor allem die negativen Folgen der Neat zu spüren, schreibt Regazzi.

Mehr Güterzüge

Die Lebensqualität werde eingeschränkt, weil zukünftig mehr Güterzüge auf der Strecke unterwegs seien. Ausserdem hätte die Gemeinde auf Bauflächen verzichten müssen, damit das Jahrhundertprojekt Basistunnel überhaupt erst habe realisiert werden können.

Dennoch ist zum derzeitigen Zeitpunkt unwahrscheinlich, dass die Petition aus Biasca Erfolg haben wird. Dies sagt zumindest Peter Flüglistaler, Direktor des Bundesamts für Verkehr. Biasca bleibe über die Bergstrecke weiterhin an das Bahnnetz angebunden - ausserdem befinde sich die Neat-Haltestelle Bellinzona nur rund 15 Zugminuten entfernt.

(sda/me)

 

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