Russland konnte in der letzten Woche viel weniger Rohöl über den Seeweg exportieren als zuvor – und zwar weniger als die Hälfte. Die transportierte Gesamtmenge sank um 54 Prozent respektive um 1,86 Millionen Barrel pro Tag auf noch 1,6 Millionen Barrel. 

Der Grund für den Rückgang sind neue Sanktionen. Anfang Dezember führten die EU, G7 und Australien eine Preisgrenze auf russisches Erdöl ein. Die Regelung soll Russland dazu zwingen, Erdöl an Abnehmer in anderen Ländern bloss noch für maximal 60 Dollar zu verkaufen. Gleichentags traten noch strengere Sanktionen in der EU in Kraft. Russisches Rohöl darf seit dem 5. Dezember nur noch in Ausnahmefällen in die Europäische Union importiert werden. Bei diesen Sanktionen macht auch die Schweiz mit.

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Der weniger schwankungsanfällige Vier-Wochen-Durchschnitt sank ebenfalls und erreichte einen neuen Jahrestiefstand. Zu den Sanktionen kommen noch Wartungsarbeiten im wichtigen Hafen von Primorsk dazu. Von dort wurden in der vergangenen Woche nur drei Ladungen verschifft, gegenüber einer normalen wöchentlichen Verladezahl von etwa acht. Die Arbeiten am Hafen in der Ostsee sind mittlerweile beendet.

Im Pazifik entwickelte sich die Lage gleich. Vom Hafen in Kozmino liefen letzte Woche bloss zwei mit Rohöl beladenen Tanker aus. In den letzten drei Monaten waren es durchschnittlich acht pro Woche. Mindestens zwei grosse Reedereien haben ihre Schiffe aufgrund der Sanktionen von der Route abgezogen. Allerdings zeichnet sich bereits eine Erholung ab, denn in dieser Woche wurden bereits drei Schiffe beladen. Und zwei weitere liegen zurzeit vor Anker.

Stau am Bosporus

Das EU-Verbot und die damit verbundene Preisobergrenze haben zu Schwierigkeiten für Rohöltransporte vom Schwarzen Meer ins Mittelmeer geführt. Die Türkei verlangte eine spezielle Versicherungsbestätigung, bevor sie Schiffen die Durchfahrt durch den Bosporus und die Dardanellen erlaubt. 

Die Versicherungsunternehmen zögerten aufgrund der Sanktionen zunächst, die von Ankara geforderten Bestätigungen auszustellen. Das führte zu langen Verzögerungen bei der Einfahrt von Schiffen in die türkischen Meerenge. So wurden etwa kasachische Rohöl-Tanker aufgehalten. Der Rückstau an Schiffen begann sich aufzulösen, nachdem die Pattsituation zwischen den Versicherern und den türkischen Behörden beendet worden war.

Sanktionen sorgen für Gerangel um das schwarze Gold

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Zudem gab es auch Komplikationen zwischen dem realen Handel mit russischem Öl und der praktischen Umsetzung der Preisobergrenze. Einige Ölhändler wurden misstrauisch – und sahen ihre Margen davonschwimmen. Die grossen Entfernungen, die mit dem Transport von Öl aus den westlichen Häfen Russlands nach Asien verbunden sind, treiben die Frachtkosten in die Höhe, sodass teilweise zum nach oben fixierten Preis keine Gewinne mehr möglich sind.

Auch die Importe der drei bedeutendsten Abnehmerländer von russischem Rohöl – China, Indien und die Türkei – sanken in der Vorwoche auf noch durchschnittlich 2,53 Millionen Barrel pro Tag. Das ist zwar mehr als das Vierfache der Menge, die in den vier Wochen unmittelbar vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine Ende Februar verschifft wurde. Aber es ist das erste Mal seit fünf Wochen, dass die Menge gesunken ist. Damit sind auch die Zuflüsse in die Kriegskasse des Kremls zurückgegangen.

(Bloomberg/mth)