Eine Studie der Vereinten Nationen ist zu dem Schluss gekommen, dass in Indien mehr Menschen ein Mobiltelefon haben als Zugang zu Toiletten. Da Untersuchung stammt aus dem Jahr 2010 – und bis heute hat sich die Situation nicht verändert. Und dass, obwohl sich der neue Präsident Narendra Modi der Situation persönlich angenommen hat. Ganze 5,3 Millionen neue WC's sollten in den ersten 100 Tagen seiner Amtszeit gebaut werden.

Umgesetzt wurde aber nur ein kleiner Teil davon. Und die mangelhafte Infrastruktur ist nicht das einzige Problem. Die Landbevölkerung verrichtet weiterhin die Notdurft auf den Feldern, selbst wenn Toiletten vorhanden sind – aus kulturellen Gründen und wegen der wenig erfolgreichen Aufklärungsarbeit.

Durchfall als Todesursache

Die Hygiene ist eines der grössten Probleme, die Indien lösen muss. Jährlich sterben 600'000 Inder an Durchfall und anderen Krankheiten. Die fehlenden sanitären Einrichtungen führen auch dazu, dass die Lebensmittel in den Plantagen verunreinigt werden.

Die Unicef hat die Ausscheidungen untersucht und kommt zu dem Schluss, dass ein Gramm etwa zehn Millionen Viren, eine Million Bakterien und 1'000 Parasiten beinhaltet. Ein Drittel der indischen Frauen laufen Gefahr, bei den Toilettengängen im Freien Opfer von sexuellen Übergriffen zu werden.

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Mangel an Toiletten ist nur die Hälfte des Problems

«Nur weil Toiletten gebaut wurden, bedeutet es nicht, dass die Bevölkerung diese auch benutzen wird. Zudem scheint es eine Vielzahl von kulturellen und sozialen Hindernissen zu geben. Die Bevölkerung muss über den Wert der Hygiene unterrichtet werden», sagt Yamini Aiyar von der Forschungsgruppe «Accountability Initiative» in Neu-Delhi gegenüber der Nachrichtenagentur «Bloomberg».

Diese hat sich im Norden Indiens auf die Suche nach den Gründen begeben. In einem Dorf namens Mukimpur äussert sich die 26-jährige Sunita, Mutter von vier Kindern, zu der neuen Toilette im Dorf. Ihrer Meinung nach sollte nur die unterste Hindu-Kaste, die sogenannte Dalits mit Ausscheidungen in Berührung kommen. «Die Fäkalien gehören nicht unter dasselbe Dach, unter dem wir auch essen und trinken.»

«Unberührbare» als Kotentsorger

Aufgrund des Wassermangels hat die Regierung Latrinen in einer kleinen Kabine über einer Jauchegrube angebracht. Sunita findet sie eklig. «Sie sperren uns mit unserem Dreck in diese kleinen Häuschen – wie kann so etwas sauber sein?» Mit einem Fingerzeig weist sie in die Felder. Die Notdurft dort draussen in den Feldern zu verrichten, ist für sie normal.

Etwa 800'000 Inder arbeiteten im Jahr 2008 als Kotentsorger. Daran hat sich bis heute nur wenig geändert. Sie sammeln die Ausscheidungen in grossen Körben und tragen sie auf ihren Köpfen. Die Kotentsorger stehen auf der untersten Stufe der Gesellschaft. Wie andere «Unberührbare» erleben sie von Kasten-Indern häufig massive Diskriminierung, teilweise auch Verfolgung und Gewalt.

Aufklärung soll Nutzung und Nachfrage antreiben

«Das Problem hat sich noch verschlimmert, seit die Regierung von einem Angebotsproblem ausgegangen ist», sagt Archana Patkar, der Programmmanager der Wasserversorgung und Abwassersysteme in Genf. «Das Problem ist, dass Bakterien fürs menschliche Augen unsichtbar sind. Deswegen zeigen sich viele Dorfbewohner nicht einsichtig.»

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Der indische Gesundheitsminister Harsh Vardhan drängt deshalb auf mehr staatliche und private Aufklärungsarbeit. Das Problem zu lösen, reiche weit über die rein hygienische Frage hinaus, sagt auch Barbara Frost vom britischen Hilfswerk Water Aid. Von einem Wandel der Toilettengewohnheiten erhofft sie sich einen Rückgang der Gewalt gegen Frauen. Mit Toiletten könnten Mädchen ihre Notdurft an einem gesicherten Ort verrichten. Darüber hinaus habe sich gezeigt, dass sie weniger oft die Schule abbrechen, wenn sie Zugang zu Toiletten haben.