«Man wollte mich 2006 einschüchtern und mundtot machen.» Irwin Cotler, der Ex-Justizminister Kanadas, steht seit gestern auf der Sanktionsliste der russischen Regierung und darf darum nicht mehr ins Land einreisen. Das ist für ihn eigentlich nichts wirklich Neues: Diese Erfahrung machte er bereits in den Zeiten des Kalten Krieges (siehe weiter unten).

Doch nun erzählt der Politiker und Staatsrechtler der kanadischen Zeitung «La Presse» eine schier unglaubliche Geschichte, die frappant jener ähnelt, die der Schweizer Völkerrechtsprofessor und ehemals oberster europäischer Richter Luzius Wildhaber in jenem schicksalshaften Jahr 2006 ebenfalls erlebte.

2006 also weilte Cotler mit einer parlamentarischen Delegation seines Landes in Moskau. Nachdem er mit einem Politikerkollegen in einem Restaurant gegessen hatte, wollte er noch Freunde in der Hauptstadt besuchen.

Es blieb beim Vorhaben: Plötzlich fühlte er sich elend schlecht und kehrte schnurstracks ins Hotel zurück. Dann wurde ihm so übel, wie noch nie in seinem Leben. «Ich habe Blut erbrochen und die Hotelverantwortlichen zu Hilfe gerufen. Die waren aber nicht gross an mir interessiert, sondern vor allem daran, die Blutspuren wegzuwischen, wie wenn sie Spuren beseitigen wollten. Ich musste die kanadische Botschaft zu Hilfe rufen, damit ich überhaupt einen Arzt bekam.»

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«Mundtot machen»

Als er in ein Spital eingeliefert wurde, sagten ihm die Ärzte dort, er sei vergiftet worden. Mehr verstand er nicht, sie redeten Russisch. Cotler weiter: «Ich glaube nicht, dass man mich umbringen wollte, ich glaube, man wollte mich einschüchtern und mundtot machen.»

Zur gleichen Zeit berichtete der Schweizer Völkerrechtsprofessor und ehemalige Präsident des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg, Luzius Wildhaber, er sei in Russland vergiftet worden. Gegenüber Radio SRF meinte er: «Ich glaube nicht, dass die, die mich umbringen wollten - was nicht bewiesen ist -, viel erreicht hätten, wenn es gelungen wäre.»

Am Abend Schüttelfrost

Wildhaber war Ende Oktober 2006 auf Dienstreise in Russland. Nach einer Konferenz des Russischen Verfassungsgerichts machte er mit dem Wirtschaftsanwalt und Honorarkonsul Russlands in der Schweiz einen Ausflug in die Stadt Wladimir. Kurz darauf kehrte er in die Schweiz zurück.

In Basel angekommen, befiel ihn am Abend Schüttelfrost. Als ihn seine Tochter später anrief, konnte er nicht mehr zusammenhängende Sätze sprechen. Am nächsten Tag verpasste Wildhaber einen Termin beim Hausarzt - er lag mit 40 Grad im Bett, nahe der Bewusstlosigkeit. Der Arzt schickte die Ambulanz vorbei. Später sagten Wildhaber die Mediziner, er sei in letzter Sekunde gerettet worden, berichtete die «NZZ am Sonntag». Wildhaber hatte eine Blutvergiftung - wie er sie  bekam, ist bis heute ein Rätsel. Alle Untersuchungen blieben ergebnislos oder waren nicht eindeutig.

«Eine üble Erpressung»

Klar ist: Wildhaber war mit seinem Engagement für die Einhaltung der Menschenrechte höchsten Stellen Russlands lange ein Dorn im Auge. Während seiner Zeit als höchster Richter in Strassburg versuchte ihn Putin im Jahr 2002 plump zu erpressen. Als der Europäische Gerichtshof Georgien verbot, 13 Personen, die aus Tschetschenien in die Nachbarrepublik geflohen waren, an Russland auszuliefern, bekam Wildhaber Besuch vom russischen Botschafter.

Wie sehr er der Politikerkaste im Kreml auf die Nerven ging, wusste er spätestens dann. Der russische Botschafter überbrachte ihm eine «Mitteilung» vom Staatspräsidenten - das war damals niemand Geringerer als Wladimir Putin. Innerhalb von 24 Stunden seien die Tschetschenen auszuliefern, beschied ihm der Diplomat. Andernfalls würde man in den russischen Medien schreiben, der Europäische Gerichtshof habe im Voraus von der Geiselnahme in einem Moskauer Theater durch tschetschenische Terroristen gewusst (damit ist die Geiselnahme vom Dubrowka-Theater gemeint). Wilhaber warf den Botschafter sofort hochkant raus.

Gegenüber der Presse nahm Luzius Wildhaber zu diesem Vorfall kein Blatt vor den Mund: Nichts anderes als «eine üble Erpressung» sei das gewesen, meinte der sonst sehr besonnene Schweizer.

Einsatz für Dissidenten

Auch Irwin Cotler blieb der Bericht über Wildhabers Russland-Abenteuer nicht verborgen. Was er las, konnte ihn nicht gleichgültig lassen, studierte er doch gemeinsam mit dem Schweizer 1966 an der Universität Yale Rechtswissenschaften. Bisher hatte Cotler zum Vorfall im Jahr 2006 geschwiegen.

Der kanadische Politiker und Rechtsexperte Irwin Cotler sorgt im Kreml schon lange für rote Köpfe - seine Aktvitäten bringen die Putin-Freunde zur Weissglut. In den 1980er-Jahren setzte er sich für Dissidenten ein und wurde mit einem lebenslangen Einreiseverbot belegt. Cotler beschert dem Staat seit Jahren heftige Kopfschmerzen.

Und wieder der Fall Magnitsky

Cotler glaubt nicht, dass die erneute Strafmassnahme durch das Einreiseverbot gegen ihn mit den Wirtschaftssanktionen zusammenhängt, die Kanada gegen Russland zusammen mit der EU und USA ergriff: «Ich glaube, das hängt mit dem Dossier Magnitsky zusammen», sagt Cotler. Magnitsky ist der Rechtsanwalt, der einen 200-Millionen-Betrug Moskauer Steuerbeamten aufdeckte und dafür später im Gefängnis mit dem Tod zahlte - Cotler engagierte sich auch in diesem Fall in Kanada.

Auch im Fall Magnitsky führten Spuren in die Schweiz - zu Bankkonten der Credit Suisse. Bei Luzius Wildhaber entfaltete der Vorfall in Russland offenbar die gewünschte Wirkung: Als ihn der deutsche investigative Journalist und Buchautor Jürgen Roth, der sich intensiv mit Wirtschaftskriminalität befasst, 2012 für ein Buchprojekt zum Rohstoffriesen Gazprom kontaktierte, war Wildhaber nicht einmal mehr bereit für ein Hintergrundgespräch.