Können wir der Konzernverantwortungs­initia­tive (KVI) guten Gewissens zustimmen? Gerade die Ärmsten im Süden könnten der Schweiz Scheinheiligkeit vorwerfen. Denn der Hauptgrund für den mangelnden Zugang zu essenziellen Menschenrechten ist dort die Armut, nicht die Präsenz von Schweizer Multis.

Armut ist die Abwesenheit von Prosperität. Also könnten Schweizer Multis, die im Süden investieren, nicht nur Teil des Problems, sondern auch Teil der ­Lösung sein. Insbesondere, wenn sie sich entscheiden, langfristig in die lokale Wirtschaft zu investieren. Sie tragen zur lokalen Prosperität bei, indem sie beispielsweise lokale Firmen in ihre globale Wertschöpfungsketten (GWK) integrieren. Sie tun dies jedoch primär im langfristigen Eigeninteresse, denn ärmere Länder, die pro­sperieren, werden später zu interessanten Absatzmärkten.

Eine Integration in die GWK erfordert von den ­lokalen Firmen, dass sie die strikten formalen Standards in der GWK erfüllen können. Der Aufwand lohnt sich ­jedoch, denn danach profitieren sie in vielerlei Hinsicht von ihren neuen kaufkräftigen Grosskunden. Durch das Umsatzwachstum schaffen sie neue lokale Jobs und ­können Aufträge an weitere lokale Firmen vergeben. ­Dadurch entsteht ein lokales Ökosystem, das die lokale Wirtschaft an die globale Prosperität koppelt.

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Philipp Aerni ist Direktor am Center for Corporate Responsibility and Sustainability an der Universität Zürich.

Doch für Multis ist die lokale wirtschaftliche Ein­bettung auch mit Kosten und Risiken verbunden, denn vieles läuft in diesen Ländern auf informeller Basis, was das Korruptionsrisiko erhöht. Lokale Zulieferer haben ausserdem oftmals nicht genügend Ressourcen, um die geltenden Sorgfaltspflichten in der betreffenden GWK zu erfüllen. Deshalb werden lokale Zulieferer häufig durch ausländische Contractors ersetzt, die mit den Sorgfaltspflichten bestens vertraut sind. Die Annahme der KVI würde diesen Trend zusätzlich verstärken.

Der beste Weg aus dem Elend

Dadurch wird das Risiko der Kinderarbeit in den GWK minimiert, doch leider auf Kosten des inklusiven Wachstums, denn die lokale Wirtschaft verliert so den Anschluss an die globale Prosperität. Ausserdem nimmt die Kinderarbeit keineswegs ab, denn sie ist primär ein Problem im informellen Wirtschaftssektor. Die Kleinstbetriebe in diesem Sektor sind auf die Mitarbeit ihrer Kinder angewiesen – und die Kinder, die später ausserhalb des Betriebs als Tagelöhner arbeiten müssen, können sich auf keine formalen Verträge berufen, die ihre Grundrechte schützen.

Der beste Weg aus dem Elend ist daher, eine formale Anstellung zu erlangen, sei es bei einer ausländischen Hilfsorganisation oder bei einem Multi. Dann ist der Sozialschutz gewährleistet und der Lohn reicht sogar oft aus, um den erweiterten Familienkreis zu unterstützen. Die Anstellung bei einem Multi hat den Vorteil, dass sie mit einer formalen Ausbildung einhergeht, die später genutzt werden kann, um selber ein Geschäft aufzubauen.

Der effektivste Weg, um die Menschenrechtssitua­tion im Süden zur verbessern, wäre demnach, wenn Entwicklungsorganisationen Schweizer Multis aktiv in der Bewältigung der Risiken unterstützen würden, die mit der Integration von lokalen Firmen in die GWK verbunden sind. Doch gerade da hilft die KVI nicht. Sie schafft eine unnötige Polarisierung, die eine solche Zusammenarbeit erschwert, und fördert keineswegs die lokale Einbettung von langfristigen Auslanddirektinvestitionen.

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