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Einkaufstourismus
Marinaden-Krieg an der Schweizer Grenze

Es tobt der Marinaden-Krieg
Fleischauslage bei einem deutschen Metzger: Marinieren wird zum Absatzschlager. (Bild: Keystone)

Der Trick eines findigen Metzgers aus dem deutschen Laufenburg erlaubt es, bis zu acht Mal mehr Frischfleisch legal über die Grenze zu nehmen. Schweizer Metzger und die Politik sind empört.

Von Tobias Keller
2013-07-09

Welch ein Schlaufuchs, wer die Importbestimmung für die Schweiz so genau studiert wie Metzger Rainer Stepanek aus Laufenburg-Luttingen am Rhein. Einkaufstouristen aus der Schweiz gehören seit jeher zu seinen Stammkunden. Dass Schweizer zum Fleischkauf nun zwischen Bodensee und Basel mit der Hausmarinade im Topf über die Grenze zum Metzger ihres Vertrauen fahren, ist sein Verdienst.

Wer Gesetzestexte über den Import von Fleischwaren in die Schweiz liest, wird mit Verständnisschwierigkeiten zu kämpfen haben. Es kann aber auch passieren, dass daraus eine bundesrätliche «Bü-Bü-Bündnerfleisch»-Einlage wird. So ist sich denn auch niemand so ganz sicher, wie lange die Bestimmung, die Metzger Stepanek seit knapp einem Jahr interpretiert wie kein anderer, in Kraft ist.

Gesalzen, konservierend

Wer aus der EU in die Schweiz importieren will, darf 500 Gramm Frischfleisch und 3,5 Kilo gesalzenes, geräuchertes oder getrocknetes Fleisch zollfrei mitführen. Geregelt ist dies alles in einem Abschnitt des Schweizer Zolltarifsystems Tares. Metzger Stepanek behält wohl als einziger den Durchblick: So hat er angefangen den Schweizer Kunden leicht gesalzenes Fleisch zu verkaufen – und ihnen zu sagen, dass damit die 500 Gramm Grenze gefallen sei.

Anfängliche Probleme mit dem Schweizer Zoll sind Vergangenheit: Weil Salz nicht immer von Auge sichtbar war, wird jetzt gewürzt. «Es reicht Streuwürze», sagt Stepanek schelmisch am Telefon.

Der Trick ist mittlerweile weitherum bekannt. Ein Metzger aus Jestetten erklärt auf Anfrage von handelszeitung.ch, dass er seinen Kunden bei einer grossen Bestellung schon am Telefon alles erklärt und ihnen empfiehlt, die Haus-Marinade gleich selbst mitzubringen.

Die Auswirkungen auf den Freibetrag sind gravierend: Mit dem «Würz- und Marinadentrick» kann ein mit vier Personen besetztes Auto 16 Kilo Fleisch in die Schweiz einführen – zollfrei.

Rote Kleber von Stepanek

Die Metzgerei Stepanek hat die Nische schnell ausgebaut. Noch vor dem Ende des letzten Jahres wurde ein Aufkleber für die Fleischpackungen entwickelt auf dem steht «Mariniert Tarifgruppe 2 laut Tares D6 2010». Die Zöllner zwischen Basel und Waldshut kennen die roten Stepanek-Kleber mittlerweile.

Mit einer Flugblattaktion hatte er vor Weihnachten 2012 für rund 4000 Franken den ganzen Aargau bis nach Luzern beworben. Vorerst ohne den ganz grossen Erfolg. «Am Anfang glaubten mir die Kunden nichts», blickt Stepanek zurück.

Doch jetzt zur Grillsaison hat sich die Praxis herumgesprochen – und eine Sprecherin des Grenzwachtkommandos in Schaffhausen bestätigt: «Dem subjektiven Empfinden nach wird heute mehr mariniertes Fleisch eingekauft. Aber eine Statistik dazu haben wir nicht.» Stepanek beschreibt sein Vorgehen als «fair, aber ganz schön clever».

Dementsprechend sind die Aargauer Metzger auf den Kollegen ennet dem Rhein zu sprechen: Dem deutschen Berufskollegen wird offen Betrug vorgeworfen, wie sich gleich drei namentlich nicht genannt sein wollende Metzger gegenüber handelszeitung.ch echauffieren. Stepanek verkaufe beispielsweise Kalbssteaks, die nach Schweizerart unter dieser Bezeichnung gar nicht verkauft werden dürften. Es tobt der Marinaden-Krieg!

«Beihilfe zur Umgehung von Gesetzen»

Der Schaffhauser SVP-Ständerat Hannes Germann hält nichts vom Einkaufstourismus. Auf seiner Anfrage an den Bundesrat gründet die legendäre «Bü-Bü-Bünderfleisch»-Einlage von Alt-Bundesrat Hans-Rudolf Merz (Video siehe unten). Die Marinaden-Praxis der deutschen Metzger ist dem Mitglied der ständerätlichen Wirtschaftskommission sehr wohl bekannt: «Das ist Beihilfe zur Umgehung von Gesetzen», wettert er. «Das ist eigentlich eine Anleitung zum Betrug.»

Metzger Stepanek nimmt die Vorwürfe gelassen. Bis jetzt habe sich die Praxis vor allem bei den Qualitäts-Metzgern dem Rhein entlang verbreitet. Diese ziehen nicht den billigen Einkaufstourismus an. «Aber wenn das so weiter geht und die grossen Discounter wie Edeka, Lidl und Aldi aufspringen, wird das Gesetz in der Schweiz wohl schnell geändert», ist sich Stepanek sicher.

In seiner Metzgerei habe der Gewürz- und Marinadentrick zu einem Mehrumsatz von 15 Prozent geführt.

 

Legendärer Lachanfall des damaligen Bundesrats Hans-Rudolf Merz:

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