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Aufstieg
Mehr Macht für Schweizer Ausmister im Vatikan

Papst Franziskus, René Brülhart: beide haben im Vatikan viel aufzuräumen.   Keystone

Seit bald drei Jahren arbeitet der Freiburger René Brülhart daran, den Ruf des Vatikans in der Finanzwelt zu verbessern. Nun bekommt er noch mehr Macht.

Von Jean-François Tanda
am 19.11.2014

Als Student der Rechtswissenschaften, damals im schweizerischen Freiburg, hätte er sich nicht erträumt, bald in einer noch katholischeren Stadt zu arbeiten. An der Uni gehörte René Brülhart in den 1990er-Jahren zum letzten Studentenjahrgang, der das Fach Kirchenrecht für den Hochschulabschluss zwingend belegen musste.

Heute, 21 Jahre nach Erhalt seines Lizenziats an der Freiburger Rechtsfakultät, ist Brülhart täglich mit Kirchenrecht konfrontiert. Seit September 2012 ist der Experte zur Bekämpfung von Geldwäscherei im Namen Seiner Heiligkeit unterwegs. Er berät und vertritt den Vatikan für ein grosses Ziel: Wegzukommen von der Liste obskurer Finanzplätze. Und einen Platz zu gewinnen in der Liste jener Staaten, die Geldwäscherei und Terrorfinanzierung ernsthaft bekämpfen und dazu internationale Standards einhalten.

Der Vatikan hat die Schweiz überholt

Anspruch und Wirklichkeit klaffen im Vatikan eklatant auseinander. Wiederholt geriet der Kirchenstaat in die Schlagzeilen. Geldwäscherei, Mafiakontakte, Mord - der Heilige Stuhl war in manchem Skandal mittendrin. Doch statt dies einfach hinzunehmen, beginnt der Kleinstaat in Rom Konsequenzen zu ziehen.

Ende Juni rollten in der Vatikanbank, dem einzigen Finanzinstitut des Kirchenstaates, zwei hochkarätige Köpfe. Generaldirektor Paolo Cipriani und sein Stellvertreter Massimo Tulli mussten beide ihre Posten räumen. Grund ist eine bevorstehende Anklage der italienischen Justiz gegen die beiden Spitzenmanager wegen des Vorwurfs der Geldwäscherei.

Ein Bischof wurde verhaftet

Nur eine Woche zuvor hatten die italienischen Behörden Nunzio Scarano verhaftet, einen Bischof. Er ist ein suspendierter leitender Angestellter der vatikanischen Vermögensverwaltung APSA. Scarano soll Kunden seine Konti bei der Vatikanbank zur Verfügung gestellt haben, um Geld zu waschen. Auch wenn derzeit keine rechtskräftigen Urteile gegen die drei Verdächtigen vorliegen, ihre Suspendierungen sind erste Ergebnisse von Brülharts Arbeit in Rom.

Als Direktor dervatikanischen Autorità di Informazione Finanziaria (AIF) - Finanzaufsicht und Meldestelle für Geldwäscherei in einem - hat er im letzten Jahr mehrmals Alarm geschlagen. Während der Vatikan 2011 nur eine einzige Meldung wegen einer verdächtigen Transaktion erstattet hatte, waren es im letzten Jahr bereits deren sechs. Fünf davon betrafen Kontobewegungen in der Vatikanbank. Zwei Fälle liegen nun für weitere Ermittlungen beim vatikanischen Staatsanwalt. «Das Meldesystem beginnt zu funktionieren», sagt Brülhart. Im ersten Quartal 2013 ist die Anzahl Meldungen nochmals gestiegen.

Der Vatikan hat die Schweiz überholt

Das sorgt international für Anerkennung. Anfang Juli wurde Brülharts Vatikanbehörde in die Egmont-Gruppe aufgenommen, die weltweit 139 Meldestellen für Geldwäscherei vereint. Mit Brülhart hat der Vatikan in kurzer Zeit sogar die Schweiz überholt, die historisch gesehen Pionierin im Kampf gegen Geldwäsche ist. Denn während die hiesige Meldestelle für Geldwäscherei (MROS) keine Finanzinformationen mit anderen Ländern austauschen darf, macht dies der Vatikan.

Die Tage in Rom sind lang, Brülhart arbeitet 14 bis 16 Stunden pro Tag, von sieben Uhr morgens bis zehn oder elf Uhr abends. «Ein Espresso zum Tagesbeginn, dann folgen Sitzungen, Sitzungen, Sitzungen», beschreibt er seinen Alltag. Immerhin - er hat keinen langen Arbeitsweg, wenn er im Vatikan ist. Untergebracht ist er im Gästehaus Sanctae Marthae im Süden der Kirchenmonarchie. Nur während des Konklaves bis zur Wahl Papst Franziskus war er ausquartiert, weil die wahlberechtigten Kardinäle das Gästehaus bewohnten.

150 Meter von der Kuppel des Petersdoms entfernt

Brülharts Behörde, die AIF, hat ihre Büros gleich nebenan, im Palazzo San Carlo. 150 Meter davon entfernt ragt die Kuppel des Petersdoms in den Himmel. Die Vatikanbank liegt auf der anderen Seite des Petersplatzes

Das sagenumwobene Institut heisst offiziell Istituto per le Opere di Religione (IOR), Institut für die religiösen Werke. Es ist ein Kleininstitut. Die Vatikanbank verwaltet nur 6,3 Milliarden Euro und hat 104 Mitarbeiter, die 20772 Kunden betreuen. Ende 2011 hatte die Vatikanbank fast 5000 nachrichtenlose Konten, auf denen 30 Millionen Euro lagen. Bankkunden sind offiziell Kleriker, Diözesen, Orden, Stiftungen und andere katholische Einrichtungen. Inoffiziell soll auch die Mafia Konti haben. Im Juni hat Papst Franziskus deshalb eine fünfköpfige Kommission internationaler Experten eingesetzt, welche die Aktivitäten der Vatikanbank untersuchen soll.

Früher brauchte es immer den Segen eines Kardinals

Nicht erst Papst Franziskus, schon sein Vorgänger Benedikt XVI. machte Ernst mit den Reformen. Still und heimlich hatte er die Nummer zwei im Vatikan, Kardinal Tarcisio Bertone, entmachtet. Bis im letzten Dezember führte kein Weg am mächtigen Staatssekretär vorbei. Immer wenn Brülhart für seine Behörde Absichtserklärungen zur Kooperation mit Geldwäschereistellen anderer Länder unterzeichnen wollte, brauchte er dazu den Segen des Kardinals, ein «nihil obstat».

Papst Benedikt XVI. hat dies geändert. Nun kann Brülhart solche Memoranda of Understanding autonom abschliessen. «Die Gesetzesänderung ist ein klares Bekenntnis zur Reform», sagt der AIF-Direktor. Es gehe um die Unabhängigkeit seiner Behörde. Prompt folgte im Mai 2013 das spektakuläre Abkommen mit der amerikanischen Antigeldwäschereibehörde, dem Financial Crimes Enforcement Network. Andere Absichtserklärungen hat der Heilige Stuhl mit Spanien, Belgien, Slowenien und den Niederlanden unterschrieben.

In der Schweiz schaut man bewundernd

Solche Erfolge sind für den heutigen Schweizer Bundesanwalt Michael Lauber keine Überraschung. Lauber war früher ein Förderer Brülharts, heute sagt er: «Ich habe ihn als integer, geradlinig und gleichzeitig sehr diplomatisch kennen und schätzen gelernt.» Er habe massgeblich dazu beigetragen, im Ländle eine nachhaltige Sensibilität für die Geldwäschereiprävention zu verankern.

Liechtenstein hat es geschafft, von schwarzen Listen wegzukommen. Lange Jahre als Piratenhafen und Steuerparadies verschrien, ist das Fürstentum heute anerkannt als Staat, der keine Steuerhinterzieher mehr schützt und international kooperiert. Diese alten Zeiten sind vorbei. Ein Indiz dafür und für internationale Anerkennung war schon damals, dass Brülhart als Leiter der liechtensteinischen Meldestelle für Geldwäscherei auch in internationalen Expertengremien in Führungspositionen gewählt wurde. 2010 wurde er Vizevorsitzender der Egmont-Gruppe.

Dann ein Anruf aus der Heimat

Solche Erfolge und die Nachrichten über den Freiburger im Vatikan sind um die Welt und bis in Brülharts alte Heimat gedrungen. Der verlorene Sohn und Alumnus der lokalen Universität wurde wiederentdeckt. Nach der Berufung aus dem Vatikan erhielt der James Bond der Finanzwelt, wie die Medien Brülhart wiederholt bezeichneten, einen Anruf von zu Hause: Radio Fribourg bat um ein Interview. Zum ersten Mal überhaupt.

Vielleicht wird das künftig noch öfters passieren. Denn Brülhart übernimmt nun auch das Amt des AIF-Präsidenten. Der 42-jährige rückt somit zum ersten theologischen Laien auf, der die AIF-Präsidentschaft innehat. Er übernimmt die Stelle von Bischof Giorgio Corbellini,

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