Die Auflösung des französischen Parlaments durch Präsident Emmanuel Macron nach der Europawahlschlappe hat ein kleines Beben an den Finanzmärkten ausgelöst. Am Wochenende findet die erste Runde der Neuwahlen statt. Die Aussicht auf eine Niederlage Macrons zugunsten des Linksbündnisses oder des rechtsnationalen Rassemblement national (RN) und auf eine blockierte Regierung macht die Investoren und Investorinnen nervös. Sie verkaufen französische Staatsanleihen. Dadurch steigen die Renditen bis Verfall, vor allem im Vergleich zu sicheren deutschen Papieren. 

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Der Verlauf dieses Renditeaufschlags, auch «Spread» genannt, ist in der Grafik abgebildet. Er misst das spezifische Risiko von französischen Anleihen und ist eine Art Angstbarometer oder Krisenseismograf. Der Spread ist in den letzten Wochen von 0,4 auf 0,8 Prozentpunkte hochgeschossen, den höchsten Stand seit 2012.

Solche Bewegungen kommen nicht oft vor. Der letzte ähnlich starke Anstieg datiert auf den Beginn der Coronakrise im Jahr 2020. In Paris und Brüssel läuten deshalb die Alarmglocken. 

Doch wer den Fokus etwas öffnet, kann aufatmen. Denn die vierzig Basispunkte sind nichts im Vergleich zu den Ausschlägen, die in anderen Euro-Ländern in anderen Phasen registriert wurden. Fügt man der Grafik die Spreads von Italien hinzu und zoomt dabei etwas darüber hinaus, dann sieht die aktuelle «Krise» eher wie ein leichtes Zucken aus.

Viel bedrohlicher war der Anstieg der italienischen Risikoprämien in Italien vor zwei Jahren. Er hatte nichts mit der römischen Politik zu tun, sondern mit dem allgemeinen Zinsanstieg und dem Ende des Krisenanleihenkaufprogramms Pepp der EZB.

Heftig waren die Ausschläge auch 2018. Damals war die Politik schuld. Denn die euroskeptischen Partei 5 Stelle und die Lega bildeten zusammen eine Regierung.

Noch kleiner wird der französische Zinsschub, wenn man noch einen Schritt zurücksteht und die ganzen letzten vierzehn Jahre überblickt.

Während der Euro-Schuldenkrise im Jahr 2011 – noch unter Premier Silvio Berlusconi – kletterten die italienischen Spreads auf über 5 Prozent. Zuvor hatten schon Griechenland, Portugal und Irland gerettet werden müssen. Erst die klare Ansage des damaligen EZB-Chefs Mario Draghi, mit Anleihenkäufen alles Nötige zum Erhalt der Währungsunion zu tun, brachte die Beruhigung.

Für Frankreich, das zum Kern der Euro-Zone zählt, ist eine Spread von 0,8 Prozentpunkten zwar historisch hoch, er ist jedoch kein Grund zur Panik. Sorgen machen muss man sich aber schon. Denn wer weiss, was da alles noch auf Frankreich mit seiner bereits hohen Verschuldung zukommt? Im besten Fall wirken die höheren Finanzierungskosten disziplinierend auf die Haushaltspolitik, egal, wer das Sagen hat.

 

rop
Peter Rohnerist Chefökonom der Handelszeitung.Mehr erfahren