Manchmal trägt ein Buch dazu bei, dass man die Welt ein klein bisschen anders sieht als zuvor. ­Eines dieser Werke war für mich «Die Torheit der Regierenden», verfasst von Barbara Tuchman, ­erschienen 1984. Die amerikanische Historikerin ging darin der Frage nach, weshalb Regierungen ihre Völker immer wieder in grauenvolle Schlamassel ­führen, obwohl doch sonnenklar wäre – und zwar auch für die Zeitgenossen –, dass sie auf der schiefen Bahn sind. Ein Parade­beispiel in Tuchmans Werk war der Vietnamkrieg: Schritt für Schritt brachten drei Präsidenten ihre Supermacht in eine Lage, aus der diese am Ende fliehen musste wie ein gehetztes Sumpfhuhn.

Es sind nicht nur verbohrte Ideologien oder Eigeninteressen, nicht nur Kurzsichtigkeit, Korruption oder ein Verbrechergeist à la Hitler und Stalin, die Staaten verderben: Das war eine Kerneinsicht der «Torheit der Regierenden». Vielmehr führen meist banale Unzulänglichkeiten in den Abgrund – Dilettantismus, Un­wissen, Selbstüberschätzung oder die menschliche Neigung, dass man begangene Fehler ungern zugibt und folglich viel zu lange auf dem Holzweg bleibt.

Nebenwirkungs-Fiaskos

Grosse Krisen entstehen aus einer An­einanderreihung von kleinen Irrtümern: Man starrt stur auf ein Ziel und ist blind für die Nebenwirkungen, die man dabei auslöst. Ein weiterer Musterfall dafür wäre der Erste Weltkrieg: Keiner der Verantwortlichen wünschte ihn, jeder wollte ihn vermeiden – und noch wenige ­Monate vor seinem Ausbruch hätte sich keiner träumen lassen, dass Europa bald so tief sinken würde. Aber be­kanntlich ist auch die Industrie- und Konzerngeschichte voller Neben­wirkungsfiaskos.

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«Während alle anderen Wissenschaften vorangeschritten sind, tritt die Regierungskunst auf der Stelle.»

John Adams (1735–1826), zweiter Präsident der USA.

Weshalb einem das Buch jetzt wieder einfällt, liegt auf der Hand: Die Covid-19-­Entscheide des Frühjahrs 2020 werden eine Kaskade von Konsequenzen aus­lösen, die momentan kein Mensch erahnen kann. Kaum denkbar jedenfalls, dass man einem Grossteil der Bevölkerung in Europa und den USA so rigoros den wirtschaftlichen Boden unter den Füssen wegziehen kann, ohne dass dies später noch Schockwellen auslösen wird. Schon die Finanz- und Euro-Krise von 2008 und 2009 trug stark dazu bei, dass der sogenannte Populismus die betroffenen ­Staaten zu verändern begann. Und leicht liessen sich auch frühere Beispiele dramatischer politischer «Fallouts» ­finden, die einer Rezession oder einer Finanzkrise entsprangen.

Jetzt, in dieser Phase, schwemmt der Zeitgeist die neodirigistische Idee nach oben, dass der Staat (also Politiker und Beamte) die besten Antworten auf die grossen und kleinen Fragen der Wirtschaft und Gesellschaft bieten kann. Auch dazu liefert «Die Torheit der Regierenden» eine ernste Warnung; sie besagt: Wenn es ums Regieren geht, wird der Mensch kaum schlauer. Oder wie es John Adams, der zweite Präsident der Vereinigten Staaten, im Jahr 1813 formuliert hat: «Während alle anderen Wissenschaften vorangeschritten sind, tritt die Regierungskunst auf der Stelle. Sie wird heute kaum besser geübt als vor drei- oder viertausend Jahren.»

Zu Zeiten des 45. Präsidenten der USA wird man das kaum bestreiten können.

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