Anruf aufs Handy: «Hallo??» – «Herr Aeschi am Telefon? Engeler, ‹Handelszeitung›.» – «Ja, Sie, ich habe jetzt nur ganz zufällig abgenommen. Ich bin den ganzen Tag mit der SI («Schweizer Illustrierte», Anm. d. Red.) unterwegs und erhalte 300 bis 400 Anfragen pro Tag. Bitte richten Sie Ihre Fragen schriftlich an meine E-Mail-Adresse!» – «Dennoch: Ihre konkreten Mandate bei der Beratungsfirma PwC Strategy& interessieren mich schon.» – «Mittlere und grössere Unternehmen, ­denen wir Financial Services anbieten.» – «Können Sie konkreter werden?» – «Details gebe ich nach Absprache mit meinem Chef Urs Honegger keine bekannt.» – «Und welche Auf­träge führen Sie mit Ihrer eigenen ­Firma Aeschi & Company GmbH aus?» – «Sehen Sie, da sind wir schon mitten in dieser Fragerei. Ich habe auf alles schriftliche Standardblöcke vorbereitet, die Sie via E-Mail abrufen können.»

Der 36-jährige SVP-Nationalrat Thomas Aeschi aus Allenwinden im zugerischen Baar hat die fixen Antworten parat, bevor die Fragen überhaupt gestellt sind. Das ist weniger die Manier des Musterschülers und Perfektionisten als ein Zeichen von Unsicherheit. Vor dem grössten Karriereschritt verlassen den Mann, der alles unter Kontrolle haben will, offensichtlich die Nerven. Der Ökonom, gut und international geschult, polyglott, die Politleiter so rasch emporgestürmt wie kaum ein Zweiter zuvor, wurde am Freitag von der SVP-Fraktion zum Kandidaten für das Amt eines Bundesrats gekürt. Kompetenz und Fleiss spricht ihm keiner ab, doch die Statur des Anwärters weckt Zweifel.

Übername «Ritalin»

Auf das Abrufen der standardisierten Textbausteine verzichtet der Journalist gerne, zumal diese nicht einmal von Aeschi selbst, sondern von der «Medienkoordinatorin» und stellvertretenden SVP-Generalsekretärin Silvia Bär zu ­einem positiven Puzzle gefügt werden. Der Favorit im Rennen um den frei ­gewordenen Sitz in der Landesregierung versteckt sich hinter Wortmauern.

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Selbst die Kollegen blicken nicht ganz dahinter. In der Fraktion trägt der Wirbelwind mit der schmächtigen Figur den Übernamen «Ritalin». Was ihn aber nur zum Teil kennzeichnet. Hyperaktiv ist Aeschi, der erst seit vier Jahren im Rat sitzt, aber ein Aufmerksamkeitsdefizit hat er nicht. Trotz seiner fahrig scheinenden Art habe der Strebsame, der sieben Sachen zugleich zu erledigen scheint, alle Dossiers mustergültig im Griff. Und wenn er eine Sache vertrete, dann äusserst ­dezidiert, aber immer sachlich-argumentativ, nie polternd, wird weiter gelobt.

Politische Frühförderung

Die Oberen der Partei haben sein Talent und seinen Willen früh erkannt. Als Neuling durfte er vor vier Jahren nicht nur in der ­Finanzkommission Einsitz nehmen, er konnte auch bereits als Ersatzmann für den häufig abwesenden Peter Spuhler in der wichtigen Kommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK) mittun.

Nach Spuhlers Rücktritt vertauschte er die beiden Rollen. Seit 2012 fungiert der Newcomer als Frontmann der SVP-Fraktion in Wirtschafts-, Fiskal- und Finanzfragen, stets auf Draht, stets à jour. Mit 55 Motionen, Anfragen und Interpellationen hat er sich den (allerdings zweifelhaften) Titel eines Vorstoss-Königs erschrieben.

Viel gereist, gut gebildet

72 Länder habe er bereits besucht, kann man über ihn lesen. Das macht zwei Staaten pro Lebensjahr. Schon als 16-jähriger Gymnasiast besuchte er ein Jahr lang die Lisle Senior High School in Chicago, nach der Matura studierte er zuerst an den Universitäten in Malaysia und Tel Aviv, dann an der HSG St. Gallen (lic. oec.) und in Harvard (Master in Public Administration).

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Er spricht Französisch, Englisch und etwas Spanisch. Ein Mann von Welt, Unternehmensberater, Wirtschaftsliberaler, der mit Eifer für die SVP politisiert. Gerät er in ­Widersprüche, etwa bei der Begrenzung der Zuwanderung, bei der Beurteilung der Bilateralen oder bei ordnungspolitischen Fragen, dann rattert er wie ein Glaubensbekenntnis die Parteiparole runter: Im Zweifel für die SVP.

Zuger SVP im Allzeithoch

Sein Erweckungserlebnis habe er als 13-Jähriger am 6. Dezember 1992 gehabt, am historischen Tag, als die Schweizer Nein sagten zum EWR. Aeschi stammt aus einem CVP-Haus. Sein Vater Siegfried, Steuerberater mit eigener Firma, ist noch immer in der Baarer Ortspartei aktiv, auch als Mitglied einer Kommission; die Mutter ist der SVP beigetreten. Sohn Thomas präsidierte die wachsende lokale politische Konkurrenz zur von jeher dominierenden CVP.

Seit Anfang Jahr leitet er nun die kantonale Partei, welche er im Oktober zum ­All­zeithoch mit über 30 Prozent Wähleranteil führte. Er selbst erzielte das beste ­Ergebnis aller Kandidaten im Kanton.

Präsenz bei allen «Hundsverlocheten»

Das ist erstaunlich, denn in der Bewältigung der «Zuger Sexaffäre», als er seine schützende Hand über seinen Vorgänger Markus Hürlimann hielt, wirkte er alles andere als souverän; ein Kantonsrat trat sogar mit Ge­töse aus der Partei aus.

Möglich gemacht hatte den Wahlerfolg Aeschis Dauerpräsenz bei ­allen «Hundsverlocheten», wie Zuger spötteln. Bei nicht weniger als 27 Ver­einen und Clubs zeichnet er als Mitglied, Gönner, Präsident oder Revisor: Beim Boccia­club, bei der Feldmusik Allen­win­den, der Feldmusik Baar, der IG Freiheit, bei Pro Allenwinden, der Offiziersgesellschaft, dem Gewerbeverband und so fort. Von seinem Privatleben ist nur bekannt, dass der Ledige keines hat. Man hört im Kanton den Ratschlag: «Eine Frau täte ihm gut, dem Rastlosen.»

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In der Führung noch nicht krisenfest

Das Bild verstärkt sich: In der Sache und im Einsatz untadelig bis vorbildlich; in der Führung und im nationalen Scheinwerferlicht (noch) nicht krisenfest, dauerpräsent, aber als Mensch nicht fassbar, ein akribischer Technokrat, ein nicht warmherziger Politiker, entschlossen ­wirkend und im Innern doch zögerlich.

Bevor er kandidierte, holte er sich von fast überall her Tipps, Meinungen und Einschätzungen über Chancen und Risiken ein. Viele rieten ihm ab, auch Parteifreunde, empfahlen ihm, doch ruhig zuzuwarten, seine Zeit werde schon noch kommen. Schliesslich liess er sich von den wirtschaftsnahen Kreisen pushen: Das Zeitfenster sei optimal.

Optimales Zeitfenster

Nun steht er, zusammen mit dem Waadtländer Weinbauern Guy Parmelin und dem Tessiner Staatsrat Norman Gobbi, im Schlussgang. Welche Rolle er in den Strategiespielen der Parteileitung spielt, ist unklar. Für viele ist er der Kronfavorit. Fraktionschef Adrian Amstutz ­erklärte hingegen, man bevorzuge einen Vertreter aus der lateinischen Schweiz. Aeschi selbst repetierte in einem Radiointerview artig bis eigenartig diese ­De­vise: Er werde sich für die Wahl eines Welschen oder Tessiners einsetzen. Partei­treue auch zum eigenen Nachteil? Ein kleines Ablenkungsmanöver? Oder Angst vor dem eigenen Mut? Ist es ihm gar nicht ernst, wie erste Kommentatoren hoffen? Das Zeitfenster sei optimal.

Einen Tag später ruft Aeschi doch ­zurück. Entschuldigt sich für seine ab­rupte Reaktion und erklärt die Interview-­Äusserung, welche er «aus Loyalität zur ­Partei» so gemacht habe: Jede der drei Kandidaturen sei gut, jede habe ihre ­speziellen Vorteile, jede Wahl würde der SVP nützen. Also auch seine.

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