Politik ist sein tägliches Brot. Elliot Hentov leitet das Politik-Forschungsteam bei State Street Global Advisors, der drittgrössten Vermögensverwaltung der Welt. Der Deutsch-Amerikaner versucht für seinen Arbeitgeber herauszufinden, wie sich politische Entwicklungen auf die Wirtschaft und die Finanzmärkte auswirken. Und derzeit stehen gewichtige Vorgänge im Raum: Das Coronavirus hat die Welt noch immer fest im Griff. In den USA entscheiden die Wähler bald über den nächsten Präsidenten. Und in Europa ist der Zusammenhalt der EU einmal mehr infrage gestellt. Viel Arbeit also für Elliot Hentov und sein Team.

Bezüglich Corona ist er überzeugt, dass das Schlimmste überstanden ist. «In den grossen Volkswirtschaften wird es keinen zweiten Lockdown geben, auch dort nicht, wo das Virus nicht gut gemanagt ist», begründet der Politik- und Wirtschaftswissenschafter seinen Optimismus. Zudem steige die Fähigkeit der Staaten, mit Corona umzugehen. Das Gesundheitssystem passe sich laufend an. «Es werden immer weniger Spitalaufenthalte nötig, und diese dauern immer weniger lang», so Hentov.

Was die wirtschaftlichen Massnahmen gegen die Pandemie angeht, ist er des Lobes voll. «Die Politik hat unglaublich gut gehandelt.» Die geld- und fiskalpolitischen Interventionen der Staaten hätten eine noch tiefere wirtschaftliche Depression verhindert. «Die Antwort war so gut, dass wir in Ländern wie den USA die paradoxe Situation haben, dass das Haushaltseinkommen im zweiten Quartal wegen der Transferzahlungen sogar noch gestiegen ist.»

Keine Sorge wegen Inflation

Die Staaten haben wegen Corona insgesamt Billionen an Dollar in die Wirtschaft gepumpt. Grosse Gefahren für die Volkswirtschaften sieht Elliot Hentov deswegen aber nicht. Sicher habe man Rahmenbedingungen geschaffen, die inflationär sein können. «Es gibt aber einen Überhang an Kapazität und Produktion, und der muss erst einmal abgearbeitet werden.» Zumindest für 2020 und 2021 mache er sich keine Sorgen, was eine allfällige Inflation angeht.

Auch die Staatsverschuldung, die wegen der Corona-Massnahmen enorm gestiegen ist, bereitet Hentov keine Bauchschmerzen. Denn das Zinsniveau sei derzeit extrem tief und bleibe es wohl auf absehbare Zeit. «Ich kann mir kaum vorstellen, dass es innerhalb von drei oder fünf Jahren namhafte Zinssteigerungen geben wird.»

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Die Finanzmärkte haben sich nach ihrem Corona-bedingten Absturz im März bereits weitgehend erholt, obwohl die Realwirtschaft weiter am Boden liegt. Das Verhältnis zwischen den Aktienkursen und den künftigen Unternehmensgewinnen sei darum auf einem historischen Hoch, stellt Elliot Hentov fest. «Aber ein Teil des Marktes ist extrem beflügelt, namentlich Technologie- und Pharmaaktien.» Der gute Lauf an den Börsen sei wesentlich dadurch bedingt, dass andere lukrative Investmentmöglichkeiten als Aktien weitgehend fehlten. Die Zinsen seien ja bei null Prozent.

Langfristige Anlagen kaum in Gefahr

Ein erneuter Absturz an den Börsen sei höchstens dann zu befürchten, wenn es wirklich neue schlechte Nachrichten gebe, so Hentov. «Das könnten Mutationen des Coronavirus sein oder die Aussicht, dass keiner der Kandidaten für einen Impfstoff geeignet ist.» Für Anleger gebe es jetzt aber keine Notwendigkeit, Änderungen im Portfolio vorzunehmen, namentlich nicht, wenn man langfristig investiert sei.

Bei der wichtigsten Wahlentscheidung des Jahres, derjenigen in den USA, sind die Würfel für Elliot Hentov bereits gefallen. «Präsident Donald Trump hat eine extrem niedrige Chance, dass er wiedergewählt wird.» Der Rückstand von 8 bis 10 Prozent in den Wahlumfragen sei kaum mehr aufzuholen. Es sei fast sicher, dass der Demokrat Joe Biden ins Weisse Haus einziehe.

Historisch gesehen wachse die amerikanische Wirtschaft unter demokratischen Präsidenten besser als unter republikanischen, sagt Hentov. Wie sich aber eine Wahl von Biden konkret auf die Wirtschaft auswirke, hänge wesentlich davon ab, ob er auch im Kongress eine demokratische Mehrheit habe. Sicher müsse man damit rechnen, dass die Unternehmenssteuern etwas hochgehen. «Aber das ist verkraftbar» meint Hentov.

Was das regulatorische Umfeld angehe, könne es für diejenigen Teile der Wirtschaft, die energieintensiv sind und das Klima belasten, schwieriger werden. Umgekehrt rechnet der Politikforscher, dass es unter einem Präsidenten Biden Impulse geben wird, um das Haushaltseinkommen zu stärken. «Das dürfte in gewissen Bereichen die Nachfrage ankurbeln.»

Kleines Wachstum als Problem

Ziemlich optimistisch zeigt sich Hentov, was die Entwicklung von Europa angeht. Trotz den Wirren um den Brexit und Corona stehe die Europäische Union heute besser da als noch vor sechs Monaten. Langfristig sei es entscheidend, ob es gelinge, das Wirtschaftswachstum in Europa zu steigern. «Wenn Volkswirtschaften wie Italien auf Dauer nur ein halbes bis ein ganzes Prozent Wachstum haben, ist das ein Problem.»

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Prosperiere die Wirtschaft aber besser, würden sich Schwierigkeiten der EU wie die Staatsverschuldung, der Brexit oder der mangelnde Zusammenhalt zwischen Nord- und Südstaaten von selber auflösen.

Mehr Sorgen bereitet Elliot Hentov der schwelende Handelskrieg zwischen den USA und China. Die beiden Länder selber würden durch den Streit zwar relativ wenig beeinträchtigt. Schwieriger sei die Lage aber für Schwellenländer, die nicht in die Märkte der USA, Europas oder Chinas integriert sind. «Für die Türkei, Südafrika oder auch für südamerikanische Staaten dürfte es schwierig werden, angesichts der Weltwirtschaft, die vom Handelskrieg gezeichnet ist, die alten Wachstumsraten wieder zu erreichen.»

Trotz allen Problemen: Hentov ist überzeugt, dass die Finanzmärkte auch künftig prosperieren und Aktien eine lohnenswerte Investition bleiben. «Möglicherweise werden die Renditen allerdings etwas geringer ausfallen als im vergangenen Jahrzehnt.»