Glück ist in den letzten Jahren in Form der Lebenszufriedenheit messbar geworden. Ökonomen haben damit herausfinden können, welche Faktoren zum Glück beitragen. Im Bereich der Wirtschaft ist die Beschäftigung von herausragender Bedeutung. Wer arbeitslos wird, ist wesentlich unglücklicher als diejenigen, die noch einen Job haben. Ein höheres Einkommen ist etwas weniger wichtig, aber es ist völlig unbestritten, dass Personen, die mehr verdienen und sich deshalb mehr leisten können, deutlich glücklicher sind als diejenigen, die nur wenig verdienen. Schliesslich wird auch Inflation als belastend empfunden. Die Menschen werden durch Preissteigerungen verunsichert, was die Lebensqualität vermindert.

Manche Politiker haben die Chance gesehen, sich mit «Glückspolitik» zu profilieren. So haben der britische Premierminister David Cameron und der ehemalige französische Präsident Nicolas Sarkozy lauthals verkündet, sie wollten das Glück der Bevölkerung erhöhen. Schon vor ihnen erklärte der König von Bhutan die Glücksmaximierung zum Staatsziel, und kürzlich zog sogar die chinesische Regierung nach (was etwas misstrauisch stimmen sollte).

Verlässliche Angaben werden unbrauchbar

Glück als Staatsaufgabe scheint auf den ersten Blick vernünftig und anstrebenswert zu sein. In diese Richtung argumentieren auch all diejenigen, die überzeugt sind, dass unser materialistisches Zeitalter überwunden werden sollte. Allerdings zeigt sich bei näherer Betrachtung, dass der Staat keineswegs das Glück der Menschen aktiv verfolgen, sondern sich im Gegenteil heraushalten sollte. Man kann sogar noch weiter gehen. Der Versuch des Staates, das Glück seiner Bewohner zu maximieren, führt zu einer Art Glücksdiktatur, welche die einzelnen Personen einengt und unglücklich macht.

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Aus zwei Gründen sollte einer Politik der Glücksmaximierung entgegengetreten werden.

Erstens werden dadurch die Erhebungen über den Glückszustand der Bevölkerung verzerrt. Die Lebenszufriedenheit wird mit Hilfe folgender Frage erfasst: «Alles in allem genommen, wie zufrieden sind Sie mit dem Leben, das Sie führen?» Die Antworten können auf einer Skala von 0 («total unzufrieden») bis 10 («total zufrieden») angegeben werden. Bisher konnte den Antworten vertraut werden. Es bestand wenig Grund, systematisch eine zu hohe oder zu niedrige Lebenszufriedenheit anzugeben.

Glückspolitik: Bürger denken strategisch

Wenn jedoch die Regierung das Glück als wichtigstes Ziel ihrer Politik verkündet, werden die Befragten strategisch antworten. Zum Beispiel wird jemand, der politisch rechts steht, nicht angeben, dass er oder sie besonders zufrieden ist, wenn die Partei in der Regierung linksorientiert ist. Umgekehrt wird ein Linker keine hohe Lebenszufriedenheit angeben, wenn er mit einer rechtsorientierten Regierung leben muss. Die bisher verlässlichen Angaben zum Glück werden dadurch unbrauchbar. Sie verkommen zu einem Manifest für oder gegen die Regierung.

Es gibt einen zweiten wichtigen Grund, warum Glückspolitik als Staatsziel zu verwerfen ist. Wenn das in der Bevölkerung erfasste Glück zum höchsten Ziel in der Politik wird, werden alle Regierungen den Glücksindikator manipulieren, denn davon hängt ihr politisches Überleben wesentlich ab. Regierungen werden alle Möglichkeiten ausnützen, den Glücksindex der Bevölkerung so gut wie nur immer möglich erscheinen zu lassen. Die Befragungen bauen auf subjektiven Einschätzungen auf, welche sich recht einfach beeinflussen lassen. Zum Beispiel können eine geringe Lebenszufriedenheit angebende Antworten mit dem Argument ausgeschlossen werden, dass sie nicht zutreffen können. Ebenso können Gruppen der Bevölkerung, die sich in der Vergangenheit als wenig zufrieden erwiesen haben, unter einem erfundenen Vorwand unberücksichtigt bleiben.

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Wie Regierungen Statistiken schönen

Ein solcher Manipulationsvorwurf mag manchem Leser zynisch erscheinen. In der politischen Wirklichkeit werden jedoch von vielen Regierungen die wirtschaftlichen Daten systematisch und massiv manipuliert. So werden etwa ausgesteuerte Langzeitarbeitslose nicht mehr gezählt, was die Arbeitslosenquote stark verfälscht. Die veröffentlichte Inflationsrate wird tief gehalten, damit der Inflationsausgleich nicht entrichtet werden muss. So gibt zum Beispiel die argentinische Regierung die Inflationsrate mit 12 Prozent pro Jahr an, die tatsächliche bewegt sich aber in der Grössenordnung von 30 Prozent.

Auch die Höhe des Sozialprodukts und das entsprechende Wirtschaftswachstum werden häufig von Regierungen geschönt. So hat die italienische Regierung vor einigen Jahren einfach die Schattenwirtschaft ins offizielle Sozialprodukt integriert – und schwupps war das ProKopf-Einkommen Italiens höher als dasjenige des Vereinigten Königreichs, was damals innerhalb der Europäischen Union einige Vorteile brachte. Dass die Staatsschulden massiv geschönt werden, ist ebenfalls wohlbekannt. Der Glücksindikator ist jedoch noch einfacher zu manipulieren als die erwähnten wirtschaftlichen Daten, weil er auf subjektiven Angaben aus der Bevölkerung beruht.

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Eine derartige Manipulation des Glücksmas­ses lässt sich vermeiden, wenn eine von der Regierung unabhängige Behörde – zum Beispiel ein statistisches Amt – mit dessen Konstruktion beauftragt würde. In den meisten Ländern der Welt ist jedoch eine solche Behörde undenkbar. Das Beispiel der Zentralbanken, die eine von der Regierung unabhängige Geldpolitik betreiben sollten, zeigt uns, dass die Unabhängigkeit mehr Wunsch als Realität ist. Kaum eine Zen­tralbank hat sich in der jetzigen Finanz- und Wirtschaftskrise als unabhängig erwiesen – ganz im Gegenteil.

Dezentrale politische Entscheidungen fördern das Glück

Glücksmaximierung als Staatsaufgabe ist somit zu verwerfen. Sie kann sogar das Glück der Bevölkerung beeinträchtigen, weil die Regierung für sich in Anspruch nimmt, zu wissen, was die Menschen glücklich macht. Dies hat sich bereits im Nachgang zur Französischen Revolution als verhängnisvoll erwiesen.

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Kann der Staat etwas für das Glück seiner Bevölkerung tun? Viel, nämlich die grund­legenden Bedingungen sichern, damit die Menschen nach ihrer eigenen Fasson glücklich werden können. Dazu gehören vor allem gute politische Institutionen, welche die Rechts­sicherheit garantieren und den Bürgerinnen und Bürgern eine demokratische Mitsprache ermöglichen. Auch dezentrale politische Entscheidungen, also der Föderalismus, sind glücksfördernd. Darüber hinaus ist es wichtig, eine gut funktionierende Infrastruktur zur ­Verfügung zu stellen. Schliesslich sollten alle Menschen, die arbeiten wollen, auch einen entsprechenden Job finden können. Diese Voraussetzungen sind in den verschiedenen Ländern ganz unterschiedlich erfüllt.

In der Schweiz bestehen gute politische und wirtschaftliche Bedingungen und deshalb steht unser Land regelmässig mit an der Spitze derjenigen Länder, welche die glücklichsten Einwohner haben. Noch glücklicher sind nur die Dänen, die ebenfalls über einen gut funktionierenden demokratischen Staat und eine prosperierende Wirtschaft verfügen.

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Bruno S. Frey ist Distinguished Professor for Behavioural Science an der Warwick Business School, University of Warwick, Gastprofessor an der Zeppelin Universität und Research Director von CREMA – Center for Research in Economics, Management and the Arts.