Grossbritannien plant, seine Wirtschaft weitergehend von der EU abzuwenden: Dies sagte Sajid Javid, der britische Schatzkanzler, in einem Interview mit der «Financial Times»: «Es wird keine Anpassung geben, wir werden nicht einfach Regeln übernehmen, wir werden nicht Teil des Binnenmarktes sein und wir werden nicht in der Zollunion sein – und das wird bis Ende des Jahres erreicht.»

«Forget staying close to EU after Brexit, chancellor tells business», so der Titel, den die FT über das Interview setzte.

Zeitgleich meldet der «Daily Telegraph», dass Premierminister Boris Johnson schon im nächsten Monat neue Handelsgespräche mit den USA aufnehmen will. Die Londoner Regierung versucht also offenbar, das Verhandlungsteam der EU schon vor dem formellen Austritt am 31. Januar unter Druck zu setzen.

Abschreckender Zeitplan

Denn jeder Versuch, Gespräche mit Washington zu starten, bevor andererseits die Handelsgespräche mit Brüssel voll aufgenommen sind, signalisiert der EU, dass sich Grossbritannien aus der europäischen Regulierung lösen will. Dies könnte die Gespräche mit Brüssel weiter komplizieren.

Die Gespräche mit der EU stehen jetzt schon vor einem abschreckenden Zeitplan, da sich die Europäische Union wahrscheinlich erst Ende Februar auf ihr formelles Verhandlungsmandat einigen wird; die offizielle Übergangsfrist läuft am 31. Dezember ab.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte gewarnt, dass das Vereinigte Königreich in Brüssel umso mehr als Konkurrent betrachtet wird, je weiter es sich von der EU entfernt.

Die Debatte darüber, wie sehr Grossbritannien bei den Regulierungsstandards von der EU abweicht, wird eine Schlüsselrolle für den Fortgang der Gespräche spielen – ein No-Deal-Brexit könnte zu Verzögerungen an den Grenzen führen und die Kosten für Autohersteller und andere Industriebetriebe erhöhen.

Unternehmen sollen sich vorbereiten

«Es wird Auswirkungen auf die Wirtschaft geben», sagte Javid in der «Financial Times»: «Manche Geschäfte werden profitieren, andere nicht.» Der Finanzminister forderte die Unternehmen auf, ihre Strategie dem anzupassen. Er plant, mehr Projekte in Regionen ausserhalb Londons und des Südostens des Landes zu unterstützen, und er will mehr Geld in die Ausbildung der Erwerbsbevölkerung stecken.

Laut Claire Walker, der Ko-Direktorin der britischen Chamber of Commerce, muss die Regierung konkreter darlegen, wie sich die Behörden von der EU distanzieren wollen.

«Die Unsicherheit über das Ausmass der Abweichung birgt das Risiko, dass Unternehmen ihre Produktion an einen anderen Ort verlagern», sagte Walker. «Die Regierung muss diese Änderungen rechtzeitig klar kommunizieren und erhebliche Unterstützung leisten, um den Unternehmen bei der Anpassung zu helfen.»

Schatzkanzler Javid peilt nach dem EU-Austritt jährliche Wachstumsraten zwischen 2,7 und 2,8 Prozent an. Zum Vergleich: Im letzten Jahr dürfte das BIP-Wachstum gut 1,1 Prozent erreicht haben. Die Produktivität, die seit Jahren die Wirtschaft bremse, sei dabei auch ein Thema, so Javid im «Financial Times»-Interview.

(Bloomberg — rap)

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