Es ist eine der grössten Sorgen älterer Leute: dass sie am Ende des Lebens einige Jahre in einem Pflegeheim leben müssen und dieser Aufenthalt einen Grossteil ihres bescheidenen Vermögens aufzehrt; dass sie ihr Eigenheim, in dem sie meist viele Jahre gewohnt haben, verkaufen müssen; dass ihre Kinder darum kaum mehr etwas erben. Die Sorgen sind nicht unberechtigt.

Die Kosten, die die Pflege im Alter verursacht, sind in der Tat gross und werden laufend grösser. Schon 2018 wurden schweizweit 12,9 Milliarden Franken für stationäre und 1,5 Milliarden Franken für ambulante Pflege im Alter aufgewendet. Das Gesundheitsobservatorium Obsan beziffert die Pflegekosten für 2030 auf 20 Milliarden Franken. Und für 2050 gehen Schätzungen sogar von 30 Milliarden aus.

Die Pflegebedürftigen bezahlen heute rund zwei Drittel dieser Kosten selber – ein im internationalen Vergleich hoher Betrag. Das bringt eine Mehrheit der Pflegebedürftigen an ihre finanziellen Grenzen: 52 Prozent der Heimbewohner sind auf Ergänzungsleistungen (EL) angewiesen, also auf Hilfe des Staates.

Dabei ist die Pflege im engeren, me­dizinischen Sinne weniger das Problem: An ihr beteiligen sich die Krankenkassen mit maximal 115 Franken pro Tag bei ­stationärem Aufenthalt. Die Selbstbetei­ligung der Heimbewohner beträgt 20 Prozent davon (23 Franken). Den Rest übernehmen Kanton und Gemeinde. So richtig ins Tuch gehen aber die Kosten für Betreuung und Hotellerie, die pro Monat rasch 6000 bis 8000 Franken ausmachen können. Diese Kosten müssen die Pflege­bedürftigen selber finanzieren, mit ihrem Einkommen und mit ihrem Vermögen, ­sofern vorhanden. Erst, wenn das nicht reicht, gibt es EL.

Bis zu ein Fünftel des Vermögens

Die Pflege in einem Heim, falls nötig, kann in der Schweiz niemandem verwehrt werden. Doch es gibt Bedingungen, um dafür Ergänzungsleistungen zu bekommen: Jährlich muss bis zu ein Fünftel des Vermögens, das 37'500 Franken (bei Paaren 60'000 Franken) übersteigt, zur Finanzierung des Heimes herangezogen werden.

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Im Zuge der EL-Reform, die ab nächstem Jahr gilt, werden diese Freigrenzen noch gesenkt, auf 30'000 beziehungsweise 50'000 Franken. Zudem wird eine Vermögensschwelle von 100'000 Franken bei Alleinstehenden und 200'000 Franken bei Paaren eingeführt, über der es gar ­keine Ergänzungsleistungen gibt.

Das Ersparte verschenken, etwa an die eigenen Kinder, ist keine Lösung: Schenkungen werden beim Bezug von Ergänzungsleistungen an das Vermögen angerechnet, abgesehen von einem Freibetrag von jährlich 10'000 Franken.

Wer das Geld dennoch weggibt, riskiert Kürzungen bei der EL und wird im schlimmsten Fall von der Sozialhilfe abhängig. Auch nach dem Tod sind die Ersparnisse nicht sicher: Die EL-Reform sieht vor, dass der Staat erbrachte Leistungen von den Erben zurückverlangen kann.

Obligatorische Pflegeversicherung

Versuche, die Finanzierung der Pflegekosten auf eine neue Basis zu stellen, gab es schon viele. Bis jetzt sind sie alle im Sand verlaufen. Vor allem linke Politiker, oft unterstützt von solchen der Mitte, propagieren eine obligatorische Pflegever­sicherung, die analog der ersten Säule ­organisiert ist: Ab einem bestimmten ­Alter, zum Beispiel ab fünfzig, zahlt man Prämien, die eventuell einkommens- und vermögensabhängig sind. Mit den Einkünften bezahlt die Pflegeversicherung im Umlageverfahren die ungedeckten Kosten von Pflegeheimbewohnern.

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Stefan Thurnherr ist Geschäftsleiter Pension Fund Services beim VZ Vermögenszentrun und gibt Tipps für die Vorsorge im Alter.

Quelle: VZ Vermögenszentrum

Bürgerliche Politiker favorisieren hingegen die obligatorische Äufnung eines Pflegesparkontos: Jeder spart im Kapitaldeckungsverfahren, analog der Säule 3a, für eine allfällige Pflegebedürftigkeit. Ein solcher Vorschlag ist etwa von Avenir Suisse gekommen: Der Thinktank rechnete vor, dass ab 55 Jahren monatliche Raten von 250 Franken nötig sind, um die durchschnittlichen Heimkosten für Pflege und Betreuung zu decken. Wer die Prämien nicht zahlen kann, wird solidarisch vom Staat unterstützt. Wird das angehäufte Kapital nicht gebraucht, geht es an die Erben.

Die Vererbung sei wichtig, sagt Jérôme Cosandey, der den Vorschlag für Avenir Suisse ausgearbeitet hat. «So haben die Leute im Falle einer Pflegebedürftigkeit den Anreiz, ein Setting zu wählen, das möglichst günstig ist.» Ein Teil der Pflegeheimkosten liessen sich in der Tat durch bessere Vorbereitung verhindern – das findet auch Stefan Thurnherr, Vorsorgeexperte beim VZ Vermögenszentrum. «Viele reagieren viel zu spät und müssen dann oft verzugslos in ein Heim.» Es sei jedoch sinnvoll, dafür zu sorgen, dass man möglichst lange mit Spitex-Unterstützung zu Hause leben könne, etwa durch den Bezug einer rollstuhlgängigen Alterswohnung.

Status quo zementiert

Der Bundesrat hat 2016 in einer Stellungnahme zur Langzeitpflege die Einführung einer obligatorischen Pflegever­sicherung zwar als denkbar bezeichnet – allerdings nur halbherzig. In erster Linie, so schrieb die Regierung, setze man «auf Präventionsmassnahmen, um das Auftreten von Pflegebedürftigkeit zu verhindern oder möglichst lange hinauszuzögern».

Mit der EL-Reform hat der Bund den Status quo letztes Jahr sogar noch zementiert und den Vermögensverzehr verstärkt. Der Heimaufenthalt, der das Vermögen wegschmelzen lässt wie Butter an der Sonne, bleibt somit das Schreckgespenst vieler Rentnerinnen und Rentner.

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Tipps Vorsorge für eine Pflegebedürftigkeit

Empfehlenswert:

▶︎ Für Pflegebedürftigkeit sparen: Ein spezielles Pflegekonto einrichten, auf das man monatlich oder jährlich einzahlt. Das Geld in Aktien und Anleihen anlegen ist empfehlenswert, etwa über Fonds. Der Abschluss einer (reinen) Rentenversicherung kann von Vorteil sein. Diese garantiert im Alter auch ohne Pflege ein Zusatzeinkommen.

▶︎ Bevorzugte Wohnform definieren: Wer rechtzeitig in eine rollstuhlgängige Alterswohnung umzieht, wo Leistungen wie Pflege und Haushalt dazugekauft werden können, kann länger in den eigenen vier Wänden bleiben. Auch die Verpflichtung einer Privatpflegerin kann einen Heimeintritt verhindern. Achtung: Auf seriöse Anbieter achten.

▶︎ Anspruch auf Hilflosenentschädigung und EL abklären: Die AHV bezahlt Hilflosenentschädigung, wenn Hilfe bei alltäglichen Lebensverrichtungen benötigt wird. Ergänzungsleistungen (EL) gibt es, wenn Einkommen und Vermögen nicht ausreichen, um die Pflege (inklusive Betreuung und Hotellerie) zu finanzieren.

▶︎ Liegenschaft an Kinder verkaufen: Der Verkauf von Wohneigentum unter Einräumung eines lebenslangen Wohnrechts kann sich lohnen. Damit reduziert sich der Wert der übertragenen Liegenschaft massiv. So wird das Vermögen vermindert, das für Ergänzungsleistungen massgebend ist. Grundstückgewinn steuern beachten.

▶︎ Erbe neu regeln: Erbberechtigung des pflegebedürftigen Ehepartners auf den Pflichtteil reduzieren. Beim Tod des nicht pflegebedürftigen Partners fliesst so weniger Geld an den pflegebedürftigen Partner. Auf diese Weise wird ein kleinerer Teil des Gesamterbes des Paares an das Vermögen des Pflegebedürftigen angerechnet, was dessen Berechtigung für Ergänzungsleistungen erhöht.

Nicht empfehlenswert:

▶︎ Private Pflegeversicherung abschliessen: Pflegeversicherungen sind teuer und bezahlen meist nur einen Teil der anfallenden Kosten. In der Regel besteht eine lange Wartefrist. Wer ohne Pflegeversicherung Anspruch auf Ergänzungsleistungen hätte, vermindert mit den Versicherungsleistungen nur die EL-Zahlungen. Personen mit grossem Vermögen können die Pflege sowieso selber finanzieren.

▶︎ Zu viel Kapital verschenken: Wer sein Vermögen an seine Kinder oder andere Personen verschenkt, dem wird es bei einer Pflegebedürftigkeit trotzdem angerechnet. Dadurch gibt es weniger Ergänzungsleistungen. Bei Schenkungen gilt eine jährliche Freigrenze von nur 10'000 Franken. Wer mehr herausgegeben hat und nichts mehr hat für Pflege- und Heimkosten, muss eventuell zum Sozialamt gehen.

In diese Tipps flossen Angaben von Stefan Thurnherr vom VZ Vermögenszentrum ein.