Warum arbeiten wir eigentlich? Darauf gibt es sicherlich nicht nur eine Antwort. Für die meiste Zeit der Menschheitsgeschichte galt: Wir arbeiten, weil wir überleben wollen. Das gilt auch heute noch in vielen Entwicklungsländern. Obwohl die Wirtschaftsentwicklung der vergangenen Jahrzehnte Milliarden Menschen ein bescheidenes Einkommen beschert hat und obwohl Hunderte von Millionen von Menschen durch die Globalisierung der Armut und dem Hunger entkommen sind, leben immer noch viele Menschen in tiefstem Elend. Sie arbeiten, um zu überleben.

Für uns reiche Menschen in den Industrienationen gilt heute eher: Wir arbeiten, weil wir besser leben wollen. Zum «besser leben» gehört nicht nur der Konsum. Arbeit erfüllt unser Leben, ist sinn- und identitätsstiftend. Erwerbsarbeit ist in unserer Gesellschaft positiv konnotiert.

Welche Mutter wagt es heute noch, nicht arbeiten gehen zu wollen? Doppelverdiener sind die Norm und nicht die Ausnahme. War früher Arbeit Mittel zum Zweck, ist Arbeit heute immer mehr zum Selbstzweck geworden.
 

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Umso erfreulicher, dass die Arbeitslosigkeit in den Industrienationen in den vergangenen Jahren stark gesunken ist. In den USA ist sie so niedrig wie zuletzt Anfang der siebziger Jahre. In der Euro-Zone liegt sie niedriger, als sie bei der Einführung des Euros war. Und auch in der Schweiz war die Arbeitslosigkeit zuletzt vor 17 Jahren so tief wie heute.

Grund zum Feiern? Ich meine ja! Natürlich wollen wir alle, die arbeiten wollen und können, gerne schnell in den Arbeitsmarkt integriert sehen. Jeder längere Zeit Arbeitslose ist einer zu viel. Trotzdem darf man sich doch freuen, wenn ein Rekordanteil der Menschen, die am Arbeitsmarkt nach Arbeit nachfragen, eine Stelle haben.

Die Arbeitslosigkeit ist in den vergangenen Jahren stark gesunken
Nun werden einige sofort an die vielen Menschen denken, die eben nicht mehr am Arbeitsmarkt auftreten, weil sie keine Chance auf Arbeit haben oder keine Arbeitslosenunterstützung mehr erhalten. Auch hier gilt: Jede unfreiwillig aus dem Arbeitsmarkt gefallene Person ist sicher eine zu viel.

Das sind berechtigte Einwände. Aber auch hier weisen die Zahlen auf eine positive Entwicklung hin. Der Anteil der Menschen, die gar nicht mehr am Arbeitsmarkt teilnehmen, sinkt mit Ausnahme der USA seit Jahren in praktisch allen Industrienationen stark.

Klaus W. Wellershoff

Klaus Wellershoff ist Ökonom und Verwaltungsratspräsident des Beratungsunternehmens Wellershoff & Partners. Er war zuvor zwölf Jahre Chefökonom des Schweizerischen Bankvereins beziehungsweise der UBS. Er unterrichtet Nationalökonomie an der Universität St. Gallen.

Nun werden einige sagen, dass dieser Rückgang aus Not erfolgt. Alleinerziehende Mütter stehen hier in der Diskussion immer sofort an erster Stelle. Und auch hier gilt, dass jeder soziale Notstand von der Gesellschaft bedacht und gelindert werden muss. Wir haben noch viel zu tun. Aber: Sollte man sich denn gar nicht mehr an den unbezweifelbar guten Zahlen freuen?

Mir scheint, wir sind ein Volk von Nörglern und Jammerern geworden, das das Gute nicht mehr zur Kenntnis nimmt. Kein Wunder, züchten wir uns Wutbürger heran und glauben immer mehr Menschen, dass die wirtschaftlichen und politischen Eliten versagen. Mir scheint das eine ungute Entwicklung. Ich feiere jetzt einen Sommer lang die tiefe Arbeitslosigkeit.

Machen Sie doch einfach mit!