«Hotels haben gegenüber Rückversicherungen einen grossen Vorteil», meinte ein Besucher des Rückversicherungs-Branchentreffens im deutschen Baden-­Baden im Oktober lakonisch. «Hotels können problemlos höhere Preise durchsetzen, wenn eine grosse Veranstaltung an einem Ort mit begrenzter Kapazität stattfindet.»

Im globalen Geschäft der Rückversicherungen sind die Kapazitäten aufgrund der Tiefzinsen und der Geldschwemme nicht knapp – im Gegenteil. Die Erneuerungsrunde zu Jahresbeginn brachte genauso wie die weiteren Runden Anfang April und Anfang Juli lediglich in denjenigen Bereichen höhere Preise, in denen es in den Vorjahren grössere Belastungen gegeben hatte. Das betraf Hurrikan-Schäden in den USA und Taifun-Belastungen in ­Japan. Mit den diesjährigen Stürmen wie «Dorian», «Faxai» und «Hagibis» zeichnet sich bereits das dritte teure Schadenjahr ab. Alleine für die Stürme rechnen die Bonitäts­experten von Standard & Poor’s (S&P) mit versicherten Schäden im niedrigen zweistelligen Milliardenbereich. Hinzu kommen die wieder wütenden Feuer in Kalifornien. Die Branche wird dadurch indes nicht vital geschwächt.

Weiterer Preisrückgang in Sicht

Laut S&P-Vertretern kann die Branche Schäden bis zu ­einem Volumen von 30 Milliarden Dollar einigermassen problemlos verkraften. Das ist jedoch weit unter dem ­Niveau, auf dem man in der Branche höhere Preise durchsetzen kann. Allgemein gelten 100 Milliarden Dollar als die Schwelle, ab der die Versicherten und Versicherer so stark betroffen wären, dass sich höhere Preise ergeben würden, weil einfach niemand so einen grossen Schaden tragen mag.

Die Risiken verschieben sich im Zuge der Entwicklung der Industrie Richtung Digitali­sierung.

Während am Treffen in Monte Carlo Anfang September jeweils vor allem über Preise und Interessen gesprochen wurde, gab es in Baden-Baden konkrete Preisdiskussionen. Und da zeichnet sich für europäische Risiken ein weiterer Rückgang ab. Beim Broker Aon erwartet man alleine für den deutschen Markt einen Rückgang von 2,5 Prozent. Bei E+S Rück, dem deutschen Bereich der Hannover Rück, erwartet man indes eine Erholung auf dem Heimmarkt. Treiber seien die neuen Risiken sowie die Stürme «Dragi», «Eberhard» und «Jorn», die Deutschland im März und im Juni 2019 getroffen hatten. Solche Stürme würden die Nachfrage nach Schutz erhöhen. E+S sieht zudem auch Erholungspotenzial, weil es bei den Erstversicherungen in Deutschland eine günstige Marktentwicklung gegeben hatte.

Reif für Industrie 4.0?

Die Herausforderungen für die Rückversicherungen liegen aber nicht mehr nur bei den Preisen. Auch die Beziehung zwischen versicherten Firmen und ihren Risikoträgern steht auf dem Prüfstand, wie an den Diskussionen in ­Baden-Baden deutlich wurde. Erst- und Rückversicherungen stehen demnach vor der Herausforderung, den Versicherten das Gefühl zu geben, dass man ihre eigenen Risiken versteht. Diese Risiken verschieben sich im Zuge der Entwicklung der Industrie Richtung Digitalisierung – und die Underwriter müssten diese Risiken im ganzen Prozess benennen, verstehen und handhabbar machen können, so einige Podiumsteilnehmer. James Nash vom Broker Guy Carpenter beispielsweise wies darauf hin, dass und wie dramatisch schnell die Natur des Underwritings durch die Technologie auf beiden Seiten verändert wird. Gleichzeitig ergäben sich für die Versicherungsbranche «riesige Möglichkeiten». Denn die Daten, die neuerdings in Maschinen und automatisierten Fabriken anfallen, erlaubten auch neue Grundlagen für die Berechnung von Risiken. Zu den neuen Risiken zählen zunehmend intangible Objekte wie Rechte, Patente und Verträge.

Allerdings müssten die Versicherungen auch ihre Hausaufgaben erledigen, wie Ian Branagan, Chief Risk Officer bei Renaissance Re, ausführte. Die Rückversicherungen hätten eine eigene Fertigungskette, die von Ineffizienzen, hohen Kosten, Mehrfacharbeit und schwacher Integration geprägt sei. Moderne Technologien könnten dazu beitragen, Prozesse effizienter zu gestalten und diese zu vereinfachen. Das betrifft auch die Distribution. Industrielle Disruptionen sind, so ein Sprecher, sehr «rücksichtslos mit Incumbents, wenn diese sich nicht mit den Veränderungen auseinandersetzen».

Als Vorzeigebeispiel in der Branche gilt übrigens Lloyd’s of London. Der älteste und wichtigste Rückversicherungsmarkt der Welt gilt inzwischen als technologisch führend – trotz der auf den ersten Blick traditionellen Methoden und Abläufe. Lloyd’s-Syndikatsteilnehmer treiben diese Innovationen voran, ohne allerdings die traditionellen Strukturen über Bord zu werfen.

Rekombination als Chance

Gemäss Laurent Rousseau, dem stellvertretenden Chef von Scor, gibt es Versicherungsgesellschaften, die sich lediglich auf die Transaktionselemente im Versicherungs­geschäft konzentrieren. Diese kämen indes unter Druck, weil dabei das vertiefte Verständnis für die Risiken fehle – obwohl gerade solche Geschäftsmodelle unter dem Druck von Kunden entstünden, die ihrerseits eine Entbündelung von Dienstleistungen und Expertise vorantrieben (und begrüssten). Möglicherweise liege hier, so Rousseau, auch eine Chance, wenn bestimmte bisher zusammen verkaufte Dienste und Erfahrungswissen zukünftig entbündelt angeboten würden – und sich dabei das Wissen in einer neuen Form rekombiniere.

Die Natur des Underwritings wird durch die Technologie auf beiden Seiten dramatisch schnell verändert.

Ein Beispiel einer solchen Rekombination kommt von E+S. Dort verweist man auf die ersten Erfahrungen, die man derzeit im Rahmen von Pilotversuchen bei Tele­matik-Lösungen für Privatfahrzeuge sammelt. Die bisherigen ­Erfahrungen sind gemischt: Man müsse, so einige Sprecher, dringend die Preise im Motorfahrzeug- und im ­Industriesegment nach oben anpassen. Grund sind die ­immer weiter steigenden Preise für Ersatzteile. Wenn diese steigen, verengt sich auch die Marge – und dann schlägt sich das in einer schwachen Profitabilität der ganzen Linie nieder. Das gilt vor allem für die in diesem Bereich weit verbreiteten proportionalen Verträge. Der Wettbewerb findet derzeit vor allem bei den Neukunden statt. Bei den bestehenden Kunden hat die Branche mehr Spielraum für Anpassungen nach oben. Auch die Telematik-Verträge, von denen man sich in der Branche viel erhofft hatte, ­kommen nicht so recht vom Fleck. Das Potenzial liegt hier bei 5 Prozent des Marktes, man positioniert solche Angebote zunehmend für junge Lenker.

Ebenfalls unter Druck ist das im Allgemeinen wenig ­beachtete Geschäft mit Brandversicherungen in der Industrie. Sensoren und Brandmelder haben zwar hier vielerorts zu einer rascheren Reaktion der Feuerwehren geführt. Aber grosso modo gilt diese Linie bei vielen Versicherungen in Deutschland als nicht profitabel. Weiterhin als Wachstumshoffnung in Europa gelten hingegen laut ­Munich Re die Cyberversicherungen. In den USA sei man zwar weiter, Europa hole aber rasch auf. In Europa liegt das Prämienvolumen laut Schätzungen bei unter einer Milliarde Dollar, weniger als halb so hoch wie in den USA.

Flucht in die Qualität

Gemäss den Analysten von Morgan Stanley genügen ­höhere Preise per se nicht, um die Rückversicherungen zu unterstützen. Grosse Ereignisse wie die seit Ende Oktober wütenden Brände in Kalifornien würden die Schäden auch in die Höhe treiben. Zudem sind die ILS-Investoren und Cat-Bond-Käufer nach verlustreichen Vorjahren sorgfältiger bei der Auswahl ihrer Käufe geworden. Es gibt hier eine Tendenz zur «Flucht in die Qualität».

Ein Anstieg der Prämien, so die Analysten, kann oft nicht mit den noch rascher steigenden Kosten der Schäden mithalten. Solche zusätzlichen Ausgaben werden teilweise durch Auszahlungen aus den Reserven gedeckt. Und das wiederum gefällt den Geldgebern bzw. den Aktionären, die sich teilweise an die hohen Kapitalrückzahlungen in der Branche gewöhnt hatten, nicht.

Nicht in jeder Hinsicht konnten die Hotels in Baden-Baden übrigens höhere Preise durchsetzen. Bei der Gastronomie, wo eine grössere Auswahl besteht, profitierten sichtbar die Lokale mit vernünftigem Preis-Leistungs-Verhältnis.