Investorenlegende Sir John Templeton sagte einmal: “Bullenmärkte, aus dem Pessimismus geboren, wachsen mit der Skepsis, reifen im Optimismus und sterben durch Euphorie.“ Diese Entwicklung verlief seit dem Ende der Panik 2020 schnell. Ein Jahr nach dem Tief boomen Aktien immer noch und die Anleger sehen immer weniger, was diesen Anstieg der Märkte aus der Spur bringen könnte.

Damit haben sich Anzeichen für eine regelrechte Euphorie entwickelt. Manchen mag das nach einem Verkaufssignal aussehen. Das ist es aber nicht. Noch nicht.

In der späten Phase von Bullenmärkten ist eine freundlichere Stimmung, sogar eine frühe Euphorie, üblich. Sie befeuert gewöhnlich hohe Renditen. Geniessen Sie dies, aber lassen Sie sich zu nichts hinreissen. 

Mit der Corona Krise kam auch die Senkung der Aktienquoten

Nachdem die Ausbreitung von Covid-19 nie dagewesene wirtschaftliche Lockdowns auslöste, regierte erst einmal Panik.

Innerhalb eines Monats stürzten der SPI um 27,1 Prozent und die weltweiten Aktien um 34,2 Prozent ab. Die Werte für Konsumklima und Konjunkturerwartungen erreichten im 2. Quartal 2020 Rekordtiefs in einer Reihe, die bis ins Jahr 1972 zurückreicht.

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Das Stimmungsbarometer der Credit Suisse für die schweizerischen Anleger fiel von 7,7 im Februar 2020 auf einen zutiefst pessimistischen Wert von -45,8 nur einen Monat später.

Ken Fisher ist Chairman von Fisher Investments Europe.

In den USA, Frankreich, Spanien und Deutschland zeigten die Stimmungsbarometer abwärts. Die gemeinsame Aktienquote der globalen Fondsmanager ist im März und April auf den niedrigsten Stand seit dem Tiefpunkt der Finanzkrise 2009 gefallen.

Im Juni zeigte die ZEW-Umfrage, dass die europäischen Anleger gegenüber dem Euro Stoxx 50 höchst pessimistisch waren – selbst nach fast drei Monaten enormer Zuwächse. Die Skeptiker zweifelten den Aufwärtstrend in den Monaten nach dem Märztief weiter an.

Als im November die Aktienmärkte 43,5 Prozent über dem Tiefpunkt standen und Impfstoffnachrichten die Schlagzeilen erreichten, fingen die Experten an, ein anderes Lied zu singen.

Nun sagen die Wirtschaftsprognosen einen Boom für 2021 voraus. Die Verantwortlichen in der Schweiz prognostizieren 4 Prozent BIP-Wachstum für dieses Jahr – und das nächste.

Die schweizerischen Konsumklimaindizes haben sich erholt und die Anlegerstimmung der Credit Suisse erreichte im Februar ein Elfjahreshoch.

Auch die Prognosen der Wall Street sind für 2021 fast einheitlich positiv, wenn auch nur verhalten. Die Aktienquote der globalen Fondsmanager befand sich im März 2021 auf dem zweithöchsten Niveau seit Beginn der Aufzeichnungen in 2001. 

Optimismus ist nicht verlässlich

Bis zu einem gewissen Punkt sieht dieser Optimismus für mich rational aus. Aber es handelt sich hier nicht um einen typischen Bullenmarkt. Dass sich die Stimmung so schnell aufhellt, ist ein Beweis dafür. Im Dezember stiegen die Börsengänge grosser Namen sprunghaft. Insbesondere in den USA und China ist diese Zahl hoch. Selbst in Europa fand Anfang 2021 eine solide Emissionstätigkeit statt.

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Die Fachleute schwärmen von Leuten, die mit gefährlich konzentrierten Highflyer-Portfolios ein Vermögen aufbauen. Es gibt reichlich optimistisches Bitcoin-Gerede. Die für den Beginn eines Bullenmarkts typischen Befürchtungen und Skepsis? Sind meist verschwunden. 

Überdimensionale Korrektur

Der rasche Abschwung Anfang 2020 war technisch ein Bärenmarkt – ein von Fundamentaldaten getriebener Absturz um mehr als 20 Prozent. Wie ich jedoch im vergangenen Mai bereits geschrieben habe, verhielt er sich eher wie eine enorm überdimensionierte Korrektur.

Die Aktien verhalten sich daher eher so, als ob 2021 das Jahr 12 des Bullenmarkts ist, der 2009 einsetzte, und nicht ein neuer Zyklus. Das lässt vermuten, dass die von den Experten wegen ihres historischen Abschneidens zu Beginn eines Zyklus gehypten Value-Aktien ins Straucheln geraten werden. Stattdessen sind die typischerweise spät führenden Werte begünstigt: Wachstumsaktien mit hohen Margen, wie die von Technologiefirmen. 

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Die steigende Stimmung ist ein Kennzeichen später Bullenmärkte, sie legt nahe, dass sich wahrscheinlich bald eine Euphorie breit machen wird.

Der zunehmende Optimismus allein ist kein Verkaufssignal. Gerade jetzt, da die Aktien auf eine Rückkehr zur wirtschaftlichen Normalität und einen ruhigen legislativen Hintergrund hoffen, scheint das angemessen.  Logischerweise zahlen optimistische Anleger mehr für zukünftige Gewinne, daher drängen sich positive Ausnahmejahre eher in späteren Bullenmärkten.

Betrachten wir wegen seiner langen Geschichte den amerikanischen S&P 500 in Dollar. Seit dem Tiefststand im 2. Weltkrieg gab es 11 Bärenmärkte (unter Ausschluss von 2009-2020, um die Besonderheit der Pandemie zu umgehen).

Wir teilen ihre Lebensdauer in Sechstel auf und bilden Durchschnitte. Das erste Sechstel ist mit 40 Prozent durchschnittlicher Jahresrendite das stärkste. Das letzte Sechstel, in dem ich uns gerade sehe, ist mit 24 Prozent das zweitstärkste. Ein zu früher Verkauf ist in Zeiten wie diesen gewöhnlich kostspielig. Selbst das Eintreten der Euphorie ist kein sofortiges Verkaufssignal. Wenn sie sich erst einmal entwickelt, hält die Euphorie normalerweise noch monatelang, manchmal sogar Jahre an, bevor die Aktienmärkte ihren Höchstwert erreichen.

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Das ist im Allgemeinen nicht problematisch, solange es die Anleger nicht blind gegenüber zeitnahen Negativentwicklungen macht, durch die hochfliegende Erwartungen unerreichbar werden. 

Die fallenden Märkte beginnen

Ausserdem müssen die Hochpunkte in Bullenmärkten nicht punktgenau bestimmt werden. Abgesehen von 2020 beginnen fallende Märkte – insbesondere grosse, lang anhaltende – typischerweise mit einem Wimmern, nicht mit einem Knall. Sie schlagen allmählich um, mit im Schnitt etwa zwei Prozent Rückgang pro Monat. Die grossen Abschwünge finden in Bärenmärkten erst spät statt.

Etwa zwei Drittel des gesamten prozentualen Rückgangs finden typischerweise im letzten Drittel eines Bärenmarkts statt. Daher folge ich einer Dreimonatsregel: Verkaufen Sie nie, wenn Sie nicht drei Monate vorher höhere Kurse gesehen haben. Achten Sie auf die Geschwindigkeit der Rückgänge.

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Verliefen sie relativ glimpflich? Können Sie ein grosses, fundamentales Problem ausmachen, das nur wenige sehen – eines das nicht eingepreist ist? Wenn dem so ist, könnte es sich um einen Bärenmarkt handeln, und die Märkte sind immer noch nicht weit vom Gipfel entfernt. Wenn die Aktien jedoch ohne eingepreiste Ursache schnell abstürzen, handelt es sich vermutlich um eine gewöhnliche Korrektur. Durch einen Verkauf wird die schnelle Umkehrung verpasst. Halten Sie still. 

 Enjoy it while it lasts

Während sich also der Optimismus aufbaut, bleiben Sie ruhig und geniessen Sie das vermutlich grossartige Jahr. Aber lassen Sie sich auch nicht von Ihren Emotionen mitreissen, egal wie hoch die Renditen sind. Die Gier wächst – ein deutliches Zeichen dafür, dass wir in diesem Bullenmarkt schon weiter sind als sich die meisten ausmalen.  

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