Ob Vanguard, Fidelity oder Blackrock – die grossen US-Asset-Management-Firmen haben in den vergangenen Jahren alle eigene digitale Plattformen aufgebaut. Diese grossen Firmen konkurrenzieren damit nicht nur die von den Grossbanken betriebenen Plattformen sowie die von kleineren Fintechs aufgebauten Angebote. Sie verschaffen den grossen US-Asset-Manager auch direkte Kontakte zu den Endkunden.

Und diese Kundinnen und Kunden werden mit günstigeren Gebühren bei der Stange gehalten, um zu verhindern, dass sie abwandern. Null-Gebühren-Standard-ETF sind hier die Regel – und selbst die Kosten für die teuersten US-Themen- und Nachhaltigkeits-ETF bewegen sich auf dem Niveau schweizerischer Billigangebote, wie die Preis- und Leistungsübersichten von Moneyland zeigen.

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Gebühren gehen gegen null

Digitale Vermögensverwaltungen etablieren sich in den USA als beliebter Direktvermarktungsweg von Asset-Management-Unternehmen. Auch wenn die Grossbanken stark am Aufholen sind – Vanguard Personal Advisor Services und Schwab Digitally Advised Assets erreichen dreistellige beziehungsweise hohe zweistellige Milliardenvolumen an verwalteten Vermögen. Andere Anbieter lassen ihren Investorinnen und Investoren viel Spielraum für die Ausgestaltung eigener Depots. Neben der gängigen Mischung von 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Obligationen, die in der ersten Jahreshälfte praktisch bei allen Anbietern und Anlegern die Depots zerschossen hatte, liess sich der Schaden begrenzen, indem man beispielsweise den Anteil der Energiebranche (Öl- und Gasfirmen) rechtzeitig erhöht hatte.

Der Wettbewerb der Plattformen dreht sich indes weniger um solche Fragen – hier liegen auch die besten Investoren und Analysten immer wieder mal falsch. Auch bei den Gebühren zeigt man sich zurückhaltend. Es hat sich längst herumgesprochen, dass und wie stark hohe Gebühren gerade den langfristigen Vermögensaufbau behindern können. Auch ESG-Fonds und ETF mit unterschiedlichen Schwerpunkten gehören inzwischen zum guten Standardangebot. Man kämpft stattdessen mit ausgeklügelten Features und Anlagethemen um die Gunst von Retailinvestoren.

Einmal mit einem Menschen sprechen

Wie beispielsweise Zugriff auf persönliche Beratung. Vanguard, ein genossenschaftlich organisiertes Asset-Management-Unternehmen, hatte traditionell den Anlegerinnen und Anlegern immer die Möglichkeit gelassen, gelegentlich mit einem menschlichen Berater zu sprechen. Die meisten US-Anbieter lassen solche persönlichen Beratungsgespräche zu – in der Schweiz sind sie eher die Ausnahme mit Vertretern wie Descartes Finance, Digifolio (BLKB), Postfinance, Selma Finance oder Volt/Vontobel.

Wealthfront, das Unternehmen, das die UBS kaufen wollte, hatte sich dagegen laut eigenen Angaben auf technische Support-Leistungen beschränkt – der ganze Rest der Interaktion sollte immer digital erfolgen. Wealthfront galt (und gilt) laut den Analysten von Condor Capital, einem Robo-Advisor-Analyseunternehmen, als eines der innovativsten unabhängigen Unternehmen. Als harter Konkurrent gilt Sofi, an dem sich die UBS bereits vor Jahren ebenfalls mit einem kleinen Anteil beteiligt hatte. Sofi kombiniert das digitale Depot inzwischen mit einem konventionellen Bankkonto und angeschlossenen Kredit- und Debitkarten. Auch Immobilienfinanzierungen sind hier möglich, genauso wie Kryptowährungsanlagen.

Mit individueller Lohnabrechnung

Immer ausgeklügelter werden die Tools, mit denen Interessentinnen und Interessenten nicht nur den Vermögensaufbau, sondern auch gleich noch ihre beruflichen Karrieren – soweit möglich – planen können. Bei Fidelity Go beispielsweise können Investorinnen und Investoren ihre ersten 10 000 Dollar praktisch gratis investieren. Personal Capital und Wealthfront haben ihre Planungstools so vor die Bezahl- und Datenschranken verlegt, dass Interessierte sich hier einen umfassenden Überblick verschaffen können, bevor sie dann «richtig» anlegen.

Mit der anziehenden Inflation ist ein weiteres Tool zum Ausdifferenzierungsmerkmal geworden: Die sogenannten Self-Driving-Money-Funktionen steuern für die Investorinnen und Investoren die halb- oder vollautomatischen Überweisungen von überschüssigem Bargeld auf das Depot (und umgekehrt). Die langfristigen Ziele sollen auch durch kurzfristige Schwankungen nicht umgestossen oder gefährdet werden.

Die Plattform von Charles Schwab optimiert darüber hinaus auch die Rückzüge so, dass das angesparte Geld nach einer Pensionierung – steueroptimiert – möglichst lange reicht. Das System generiert im Pensions-Modus auch eine Art «Lohnabrechnung» mit allen gewohnten Positionen und Abzügen.

Von der Vielfalt dieser Features ist man in der Schweiz recht weit entfernt. Auch die besten Systeme gelangen indes an Grenzen: Jeder ersparte Dollar lässt sich nur einmal ausgeben.