Online-Handel versus stationärer Handel. Wer ist in Sachen Nachhaltigkeit besser? Es macht einen Unterschied, ob ich mit dem Auto in die Innenstadt fahre oder mit dem Velo. Und es ist auch nicht das Gleiche, ob ich ab und zu mal eine unpassende Jeans zurückschicke oder jede zweite Sendung. Und es kommt darauf an, ob ich grössere Sammelbestellungen mache oder jedes Teil einzeln bestelle. Auf jeden Fall hat der oder die Einzelne einen riesigen Einfluss auf die CO2-Bilanz. Friday for Future und die Corona-Krise bringen aber zudem Bewegung in die Unternehmen, der Öko-Trend erreicht auch den E-Commerce.

Gerade viele junge Konsumentinnen und Konsumenten sind am Thema Nachhaltigkeit interessiert. «Bei Gesprächen für unseren aktuellen E-Commerce-Report stellten wir fest, dass der Wertewandel in den Geschäftsleitungen von Online-Händlern angekommen ist», sagt Ralf Wölfle, Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Basel.

Konkret: «Zweitverkäufe von Produkten gewinnen stärker an Bedeutung als offiziell wahrgenommen», so Wölfle. Dass das unter dem Radar laufe, liege nicht zuletzt daran, dass die über C2C-Marktplätze, Kleinanzeigen-Plattformen und Social Media zustande kommenden Warenbewegungen statistisch ungenügend erfasst würden. «Die Möglichkeit, bei Galaxus erworbene Produkte dort auch wieder weiterzuverkaufen, zeigt aber, dass dieses Marktsegment auch von Neuwarenanbietern ausgelotet wird», so Wölfle.

Anzeige

Ebenso machen Jelmoli und Modissa Versuche in diese Richtung. Im Moment sind sie zwar noch primär stationär ausgerichtet. Klar ist aber: Die Geschäfte sollen unter keinen Umständen zu Brockenstuben werden – und da werden die Unternehmen nicht dauerhaft auf die grossen Vorteile des Internets bei der Vermittlung von Einzelstücken verzichten.

 

Mehrfach nutzen: Personal Commerce

Auch Ricardo will den Austausch gebrauchter Waren aus dem Flohmarkt-Image herausholen. «Es gibt eine Entwicklung in Richtung mehr Bewusstsein für die Umwelt, weniger Konsum und mehrfacher Nutzung von Dingen», stellt CEO Francesco Vass fest. Dazu gehöre der Austausch von Dingen auf einer persönlicheren Ebene. «Wir nennen das Personal Commerce», sagt er. Der C2C-Austausch solle professionalisiert und vertrauenswürdiger werden, es entwickle sich eine Parallelwelt zur konventionellen Konsumgüterdistribution.

Digitec Galaxus geht noch einen anderen Weg. Wie bei Swiss kann ein Kunde beim Kauf eines TV-Gerätes oder eines Smartphones die bei der Herstellung und beim Transport entstandenen CO2-Emissionen kompensieren. Bei einem iPhone 11 zum Preis von 766 Franken macht das 3.55 Franken. Hinzu kommen noch individuelle Kompensationskosten für die Lieferung an die Wohnadresse.

Nur bescheidene 3.55 Franken sind es, weil Apple selber und zwei Dutzend seiner Lieferanten all ihre Standorte weltweit mit 100 Prozent sauberer Energie betreiben. Gemäss einer Galaxus-Umfrage sind zwei Drittel der Kunden und Kundinnen bereit, 1 bis 5 Prozent des Kaufpreises zusätzlich für den Klimaaufpreis zu bezahlen. Bei den unter 25-Jährigen seien es gar 80 Prozent.

Vorbild ist wieder einmal Farmy

Als einer der Ersten hatte Zalando auf die globalen Klimaproteste reagiert. Seine Versandtaschen bestehen bereits zu 80 Prozent aus rezykliertem Kunststoff. Bis 2023 will der Konzern Einwegplastik komplett abschaffen. Für die Produkte selber hat Zalando eine Nachhaltigkeitskennzeichnung eingeführt. Es gibt sogar extra eine Unterseite für nachhaltige Mode. Amazon will bis 2030 rund 50 Prozent aller Pakete klimaneutral verschicken. Und wie? Der Online-Riese setzt auf Elektrolieferfahrzeuge, rezyklierbare Verpackungen und erneuerbare Energien. Mit der kostenlosen App Wardrobe können Kundinnen und Kunden gebrauchte Artikel ganz einfach kaufen und verkaufen.

Anzeige

Es gibt zudem Unternehmen, deren Online-Geschäftsmodell bereits von A bis Z auf Nachhaltigkeit aufgebaut ist. Als Leuchtturmprojekt bezeichnet Wölfle Farmy. Es hat sich seit 2014 vom Online-Hofladen zum bewussten Einkaufsportal entwickelt. «Frischer und nachhaltiger als im Supermarkt – direkt vom Produzenten zu Ihnen nach Hause» verspricht das Unternehmen auf seiner Website.

Sprecher Florian Laudahn nennt die Trümpfe: «Wir bieten beste Qualität. Viele unserer Produzenten stellen ihre Produkte biologisch her, die Zertifizierung ist immer klar angegeben.» Was auffällt: Alle Produzenten sind beschrieben und ausgewiesen.

Neben regionalen Bauern und Kleinproduzenten sind auch einige ausländische Hersteller dabei. «Insbesondere bei Produkten und Produzenten aus Übersee gelten in Bezug auf Qualität und Fair Trade besonders strenge Regeln», betont Laudahn. Hinzu kommt, dass die Produktionsstätten so nah wie möglich an den Farmy-Hubs in Zürich-Altstetten und Lausanne-Ecublens liegen.

Anzeige

Und bewusst bezahlt Farmy die Produzenten für ihr mit Liebe und Sorgfalt betriebenes Handwerk mit fairen Preisen. Noch ein Plus: «Gerade im Vorratskammerbereich arbeiten wir auch mit grösseren Unternehmen zusammen, um unseren Kundinnen und Kunden einen lückenlosen Wocheneinkauf zu ermöglichen. Hierbei werden nur Produkte, die durch Kleinproduzenten nicht abgedeckt werden, von nächstgrösseren Unternehmen bezogen.»

Mit der App Wardrobe können Amazon-Kunden gebrauchte Artikel einfach kaufen und verkaufen.