Wie wertvoll die Gesundheit für alle ist, erkennen immer mehr Unternehmen. Sie bieten ihren Mitarbeitenden gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen und vermitteln in Weiterbildungen und an Aktionstagen das nötige Knowhow. Viele bieten ihren Teams auch die Möglichkeit, sich intern oder extern Rat zu holen. Die Organisationen konzentrieren sich nicht nur auf die physische, sondern auch auf die psychische Gesundheit. Aus gutem Grund: Gemäss Seco fördert gute Arbeit das Wohlbefinden und das Selbstwertgefühl, und ungünstige Arbeitsbedingungen können sich negativ auf das Befinden auswirken und Ursachen von gesundheitlichen Beschwerden sein. Obwohl vielerorts Stress und Erschöpfung bei den Arbeitnehmenden zunehmen, gilt der Erschöpfungszustand «Burnout» gesetzlich nicht als Berufskrankheit, die von der Unfallversicherung Suva abgedeckt würde. Wie die Suva schreibt, hat das damit zu tun, dass ein Burnout meist verschiedene, auch ausserberufliche Ursachen hat.

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Lernen gegen Stress

Besser als psychische oder physische Krankheiten zu heilen, ist, sie gar nicht erst entstehen zu lassen. Die Suva hat zum Thema Prävention Workshops und Beratungsmodule für Unternehmen im Angebot. Zum Beispiel die Workshops «Anti-Stress» und «Ressourcen und Stress» für Mitarbeitende und Führungspersonen. Seit der Pandemie verzeichnet die Suva eine stark gestiegene Nachfrage. «Die Module sind derzeit sehr gut nachgefragt. Vor allem grössere und mittlere Unternehmen buchen diese Workshops», sagt Suva-Sprecherin Simone Isermann. Im Anti-Stress-Workshop lernen die Teilnehmenden Methoden, um mentalen und körperlichen Stress zu erkennen, zu analysieren und abzubauen, zum Beispiel mittels Gedanken steuern, Atemtechniken oder Ausgleichsübungen. Kostenpunkt für Mitglieder, die bei der Suva versichert sind: 800 Franken (für Nichtversicherte: 1850). Darüber hinaus sei das Interesse nach dem Beratungsangebot «Betriebliches Gesundheitsmanagement aufbauen» in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Diese massgeschneiderten Beratungen nehmen vor allem grössere und mittlere Unternehmen in Anspruch, die bereit sind, sich umfassend und nachhaltig mit dem Thema zu beschäftigen. Bei Ikea Schweiz hat das Gesundheitsmanagement strategisch Priorität, wie Sprecherin Stefanie Brehm festhält. «Wir verpflichten uns, die Resilienz und Gesundheit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – physisch ebenso wie mental

Kader sollen psychische Probleme bei Mitarbeitenden besser erkennen können.

 

Erste Hilfe

Zudem erhalten Führungskräfte und Mitarbeitende praktische Tipps an die Hand, um mehr Bewusstsein für mentale Gesundheit zu schaffen. Stefanie Brehm erwähnt eine besondere Partnerschaft: «Gemeinsam mit der Stiftung Pro Mente Sana schulen und nominieren wir in allen Abteilungen ‹Erste Hilfe›-Verantwortliche für psychische Gesundheit.» Die Kompetenz der Führungskräfte soll gestärkt werden, damit sie psychische Probleme bei Mitarbeitenden erkennen und entsprechend handeln können. Arbeitsausfälle entstehen auch durch Unfälle, die aus mangelnder körperlicher Fitness oder Unachtsamkeit geschehen. Einige Bauunternehmen lassen ihre Mitarbeitenden vor Arbeitsbeginn gemeinsam turnen, um den Körper aufzuwärmen. Andere Unternehmen schulen ihre Leute gezielt zum Thema Arbeitssicherheit. Damit diese Kurse nicht schon von vornherein ein Gähnen hervorrufen, gehen manche neue Wege. Zum Beispiel die Lausanner Firma Itao, die ihre Kursteilnehmenden ihren Gleichgewichtssinn trainieren lässt (siehe Interview unten rechts). Schon seit 2014 ist die Gesundheit der Mitarbeitenden bei Pricewaterhousecoopers (PWC) – so wie auch bei anderen Beratungshäusern (siehe Seite 34 unten) – eine strategische Priorität. Seit der Pandemie will das Unternehmen mit 15 Standorten in der Schweiz und Liechtenstein noch mehr in die mentale Gesundheit investieren und das Thema entstigmatisieren. Um die Mitarbeitenden bestmöglich zu unterstützen, hat PWC mit der ETH Zürich eine Studie durchgeführt. «Die Ergebnisse führten unter anderem zur Entwicklung passgenauer Trainingsprogramme zur psychischen Gesundheit», erklärt Miriam Baumgärtner, Senior Manager People & Organisational Development und Well-Being Leader, PWC Schweiz.

Gesundheit und Leistung

Um die körperliche Gesundheit zu fördern, bietet PWC verschiedene Tools wie etwa Ernährungs-Webinare, Vergünstigungen bei Fitnesscentern oder gesunde Snacks an. Ebenfalls bewährt haben sich Meetings während eines Spaziergangs, die gemeinsam vor Ort oder virtuell durchgeführt werden. «Es geht nicht darum, zwischen Gesundheit und Leistung zu wählen, sondern beides zu vereinen», sagt Baumgärtner. Zentral sei eine Kultur der nachhaltigen Leistungsfähigkeit, in der die Führungskräfte eine gesunde Balance zwischen Hochleistung und Regeneration ermöglichen und vorleben. Die Zürcher IT-Dienstleisterin Ergon mit 360 Mitarbeitenden setzt ihr Gesundheitsmanagement ganz pragmatisch um. «Die Grundbedürfnisse Autonomie, Kompetenzerleben und Zugehörigkeit beeinflussen, wie zufrieden und engagiert Mitarbeitende sind und wie wohl sie sich fühlen», sagt CEO Gabriela Keller. Diese Bedürfnisse seien in der ErgonKultur stark verankert. Diese Art der Zusammenarbeit ermögliche, das umzusetzen, was Gesundheitsmanagement erfordert: Prävention, Früherkennung und Reintegration. Bei Stress, Überforderung oder Depression kooperiert Ergon mit dem Unterstützungsangebot eines externen spezialisierten Dienstleisters für Gesundheitsthemen. Gabriela Keller sieht Gesundheitsmanagement als die Aufgabe des ganzen Teams: «Alle tragen dazu bei, dass die Firmenwerte gelebt werden.» Dazu gehört eine wertschätzende, offene und Feedback-orientierte Zusammenarbeit. Den Erfolg der Massnahmen misst Ergon etwa anhand von Zufriedenheit, Fluktuation und Absenzen. Über die kontinuierlich tiefe Fluktuation von unter 5 Prozent freut sich Gabriela Keller. Doch sie will auch nicht stehen bleiben, sondern fortlaufend daran arbeiten, Weiterbildungsangebote im Gesundheitsmanagement zu stärken und innerhalb des Unternehmens für das Thema zu sensibilisieren.

«Die Aufmerksamkeit der Mitarbeitenden verbessern»

Fabio Pasquali CEO, Itao, Lausanne

Was sind die grössten Versäumnisse der Arbeitgeber, wenn es um Gesundheitsprävention und Arbeitssicherheit geht?

Gesundheit und Sicherheit haben im Gegensatz zur Leistung nie die Priorität bei den Unternehmen. Viele machen nur, was sie müssen: Präventionsmassnahmen gegen Feuer und einen Defibrillator für Herzpatienten. Aber wenn die Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter einen Unfall haben, bedeutet dies einen Kostenfaktor, weil sie nicht arbeiten können.

Was kann ich in Ihren Präventionskursen lernen?

Wir wollen die Aufmerksamkeit der Mitarbeitenden verbessern. Erstens stellen wir die Verbindung zwischen Unaufmerksamkeit und Unfällen her. Und zweitens die Verbindung zwischen Gleichgewicht und Aufmerksamkeit.

Es geht also auch um die Prävention von Freizeitunfällen?

Ja, Unaufmerksamkeit geschieht auch, wenn Sie auf der Strasse gehen oder zu Hause im Garten arbeiten. Die Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter stürzen oder rutschen aus, weil sie nicht achtgeben oder zwei Dinge gleichzeitig tun. Unfallpräventionskurse sind oft langweilig.

Was machen Sie anders?

Wir zeigen den Teilnehmenden, wie sie die Aufmerksamkeit und das Gleichgewicht im Alltag verbessern können. Dies tun wir mit kleinen Sachen, die jeder kann. Viele haben Spass daran, wenn wir sie ermuntern, auf einem Bein die Socken und Schuhe anzuziehen, die Hände zu waschen oder Zähne zu putzen. Wer das Gleichgewicht verliert, realisiert, dass die Konzentration nachgelassen hat. Dies lässt sich auch auf die Arbeit übertragen.

Sie lassen die Leute auch auf der Slackline üben. Ist das Unfallprävention?

Wir glauben, dass wir die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit dieser Art von Aufmerksamkeitsübungen etwas in Richtung Meditation bringen. Die Übungen haben auch eine Wirkung auf das Mentale und helfen, Stress zu reduzieren. Andere Unternehmen bieten ihren Leuten Massagen, Meditationskurse oder Yoga an. Es bringt aber nicht viel, wenn daran nur drei Personen teilnehmen. Wir möchten die Leute in den Kursen auch motivieren, ihren eigenen Sinn zu finden, warum sie gesund bleiben möchten: Etwa für ihre Kinder – das ist zum Beispiel meine ganz persönliche Motivation.

INTERVIEW: SUSANNE WAGNER

Itao führt in der ganzen Schweiz Teambildungsanlässe und Unfallpräventionskurse durch.