Michael Locher-Tjoa, Managing Director von SAP Schweiz erklärt, worum es bei der jüngsten Cloud-Initiative von SAP geht, wer davon profitiert und was SAP damit beabsichtigt.

Warum soll sich ein Geschäftsführer eines durchschnittlichen Schweizer Unternehmens für «RISE with SAP» interessieren?

Michael Locher-Tjoa: Mit RISE with SAP bieten wir Unternehmen die Möglichkeit, ihr ERP-System prozessoptimiert jenseits des CapEx-OpEx-Modells in einem echten Cloud-Umfeld mit Abo-Gebühren zu betreiben. Die ERP-Lösung läuft dann bei einem «Hyperscaler» ihrer Wahl, einem unserer Rechenzentrums-Partner in der Schweiz. Zur Auswahl stehen die Big Three: Amazon Web Service (AWS), Microsoft mit Azure und Google mit GCP. Geregelt wird alles in einem einzigen Vertrag mit SAP.

Was heisst das konkret?

In der Cloud können Unternehmen die Applikationen direkt und sofort nutzen. Das ist der wesentliche Punkt. Ich mache Ihnen ein Beispiel: Ein Bestandskunde mit der älteren SAP ERP-Lösung ECC konnte bisher nur über Umwege in die Cloud migrieren. Nun kann er mit ECC direkt in die SAP-Cloud gehen und zu einem späteren Zeitpunkt seiner Wahl auf die aktuelle ERP-Lösung SAP S/4HANA Cloud migrieren. Natürlich kann er auch direkt auf die SAP S/4HANA Cloud umsteigen und sein ERP-System optimiert betreiben lassen.

Was hat nun unser Schweizer Unternehmen davon?

Zum einen lassen sich mit unserem neuen Ansatz die Total Cost of Ownership (TCO), also die Gesamtbetriebskosten, auch im ERP-Umfeld deutlich senken. Zum anderen müssen sich unsere Kunden nicht mehr um Updates und Aufrüstung auf neue Technologien kümmern. Sie bekommen das Neuste immer direkt aus der Cloud zur Verfügung gestellt. Die Kunden können sich dadurch schneller an neue Verhältnisse und Bedürfnisse im Markt anpassen und sich auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren, den Softwarebetrieb nehmen wir ihnen ab. Und drittens geben wir den Unternehmen die Möglichkeit, in Bereichen innovativ zu werden, die im Markt Wettbewerbsvorteile versprechen, statt bei der Software-Infrastruktur anzusetzen.

Also eine Abkehr von betriebsindividuellen Anpassungen und zurück zum Standard?

Genau. In der Vergangenheit hat man mit zusätzlichen Applikationen die Automatisierung von Geschäftsprozessen vorangetrieben. Das hatte zur Folge, dass das Gesamtsystem Dutzende, manchmal auch Hunderte von Applikationen umfasste, die in vielen Fällen nur schwer migriert werden konnten und selten genutzt wurden. Mit der neuen Business-Software SAP S/4HANA Cloud und der SAP-eigenen «Business Technology Platform» wollen wir diesem meist teuren Missstand entgegenwirken.

Michael Locher-Tjoa

Michael Locher-Tjoa (1971) leitet seit dem 1. Juli 2018 die SAP (Schweiz) AG als Managing Director. Er stellt sein Können seit 2013 in den Dienst von SAP: zuerst in Deutschland in verschiedenen Funktionen, ab Oktober 2017 als COO bei SAP Schweiz. Zuvor bekleidete er verschiedene Führungspositionen bei IBM Deutschland. Locher absolvierte das Studium der Verfahrenstechnik an der Fachhochschule Frankfurt am Main, bevor er Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Pforzheim studierte. Locher-Tjoa ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.

Michael Locher
Quelle: ZVG

Nicht jedes Unternehmen möchte alles im Umfeld von ERP, beispielsweise geschäftskritische Bereiche, zu SAP in die Cloud verschieben.

Das müssen sie auch nicht. Mit RISE with SAP können und müssen sie sich überlegen, was im Betrieb des ERP-Systems noch zum Kerngeschäft gehört. Es ist eine gute Möglichkeit, sich zu fragen, was geschäftskritisch ist, was einen Mehrwert stiftet, damit sich ein Betrieb in Eigenregie wirtschaftlich rechnet. Ein Finanzinstitut könnte dann beispielsweise zum Schluss kommen, dass die Vermögensverwaltung zu diesen zentralen Funktionen gehört, die im Haus bleiben sollen. RISE with SAP gibt diesen Unternehmen die Möglichkeit, geschäftskritische Systeme zu ermitteln und unterschiedliche Betriebsansätze einander gegenüberzustellen. Es gibt aber auch andere Prozesse.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel im HR-Bereich. Der Prozess für die Personalabrechnung ist bei einem Finanzinstitut kaum grundsätzlich anders als bei einem Unternehmen aus einer anderen Branche. Wenn die Vermögensverwaltung im Hinblick auf den Marktauftritt und die Marge zentral für eine Bank ist, wird das die Chefin oder den Chef Tag und Nacht beschäftigen. Wie die HR-Software aussieht, wird aber kaum interessieren. Die muss einfach funktionieren, und das mindestens pünktlich einmal im Monat.

Welches Zielpublikum möchte «RISE with SAP» ansprechen?

Wir sprechen damit alle Kundensegmente an, Weltkonzerne ebenso wie Startups, Bestandskunden ebenso wie Neukunden. Der Neukundenanteil liegt im laufenden Quartal – also im ersten Quartal 2021 – bei knapp 40 Prozent. Das heisst, dass wir Marktanteile gewinnen.

Welche Kunden profitieren am meisten?

Startups und insbesondere mittelständische Unternehmen haben bei RISE with SAP besondere Vorteile, weil sie keine oder wenige Altsysteme in Betrieb haben und im Allgemeinen am nächsten beim Standard sind. Bei einem komplexen Umfeld, wie wir es bei grossen Unternehmen häufig antreffen, ermitteln wir in einer gemeinsamen Bedarfsanalyse, welche Prozesse in ein Standardmodell passen. Cloud heisst ja nichts anderes als standardisierte Services nutzen. Diesbezüglich sind Mittelständler in der Regel gut aufgestellt und können auch mit den höchsten TCO-Senkungen rechnen.

Können Sie ein Beispiele geben?

Gerade im Verlauf der Corona-Pandemie mussten viele Unternehmen plötzlich neue Vertriebswege gehen, zum Beispiel mit einem Onlineshop. In dieser Situation können sie sich kein Zweijahres-Projekt leisten. Ein solcher Shop muss innert kürzester Zeit stehen, in zwei Monaten oder gar in zwei Wochen. Das kann eine «On premise»-Lösung, also eine vor Ort installierte, schlicht nicht bieten. Ein Bestandteil von RISE with SAP ist unser Ariba-Netzwerk, ein Teil unserer E-Commerce Lösung und die Experten, um die Lösung zu diskutieren und zu präzisieren.

SAP hat immer wieder betont, mit RISE mehr Verantwortung zu übernehmen. Inwiefern?

Wir nehmen den Kunden die Last ab, mehrere Verträge abzuschliessen. In welchem Partner-Rechenzentrum sein ERP-System auch immer läuft, SAP ist der Ansprechpartner. Neben Software-Updates und Software-Wartung haben wir die gesamte Infrastruktur, um die sich die Kunden immer selbst gekümmert haben, vertraglich als Verpflichtung bei uns. Zudem profitieren Kunden im Rahmen von RISE with SAP von einem besseren Service Level.

Bei einem Systemwechsel ist die Migration immer ein grosses Thema.

Dazu muss man wissen, dass wir in letzter Zeit stark in die sogenannte Business Process Intelligence investiert haben. Dabei untersuchen Business-Architekten zusammen mit den Kunden das heutige Umfeld und definieren gemeinsam mit ihnen das Soll-Szenario. Daraus entsteht eine neue Rolle für uns. Wir können einen Plan mit den Kunden erarbeiten, wann welche Teile in die Cloud migriert werden und zu welchem Zeitpunkt wir das ERP komplett in die Cloud bewegen werden. Mit anderen Worten: Wir migrieren das ERP nicht von heute auf morgen in die Cloud. Vertraglich gesehen erfolgt dieser Schritt aber in einem Zug; die Cloud gibt uns dabei die Möglichkeit, Datenmigrationen flexibel zu gestalten.

Und der Faktor Mensch, der bei einer Migration doch immer eine wichtige Rolle spielt?

Die «Schnittstelle Mensch» haben wir in jedem Prozessschritt. Das beginnt schon bei den Endbenutzern. In der Cloud haben wir das neuste Frontend, das benutzerfreundlich ist – und das auf verschiedenartigen Geräten. Es geht uns doch darum, das Leben der Benutzer einfacher und sicherer zu machen. Wichtig ist uns zudem, dass unsere Kunden ihre Mitarbeitenden mit auf die Reise in die neue Cloud-Welt von SAP nehmen.

Mit dem Lizenz-Modell war SAP in den vergangenen Jahren erfolgreich. Warum nun dieser forcierte Wechsel zum Abo-Modell?

Zum einen kommt der Druck vom Markt, von den Kunden. Zum anderen haben wir heute aber auch die Technologie, um Standardsoftware im Abo-Modell aus der Cloud bereitzustellen und damit die TCO zu senken. Man muss sich nicht mehr über die Infrastruktur Gedanken machen, sondern kann sich auf die wichtigen eigenen Prozesse und deren Ausgestaltung fokussieren.

Befürchtet SAP mit diesem Wechsel keine Einbussen?

Es ist ganz klar: Wir opfern den Erfolg unserer Kunden nicht für eine potenzielle Margenoptimierung. RISE ist ein wichtiger Baustein unserer breiter gefassten Cloud- und Wachstumsstrategie. Die Geschäftsleitung von SAP SE hat bereits gesagt, dass die beschleunigte Umsetzung unserer Cloud-Strategie zu einem gedämpften Wachstum der Umsatzerlöse und zu einem stagnierenden oder leicht rückläufigen Betriebsergebnis in den Jahren 2021 und 2022 führen wird. Von 2023 bis 2025 rechnen wir allerdings mit einem Anstieg der Umsatzerlöse und einem zweistelligen Wachstum des Betriebsergebnisses.

Übt SAP mit RISE einen mehr oder minder sanften Zwang auf die Kunden aus, in die Cloud zu migrieren und auf das Abo-Modell umzusteigen?

Unternehmen, die eine Modernisierung der ERP-Systeme ins Auge fassen, haben nun die Wahl zwischen dem bekannten Modell des «On premise»-Betriebs und den neuen Cloud-Lösungen, die wir ihnen mit unseren Partnern anbieten. Wir nehmen damit den Kunden den Druck, jetzt ein grosses Projekt zu starten und die Migration in die Cloud abgeschlossen zu haben.

Also doch ein leichtes Pushen Richtung SAP S/4HANA?

Wie ich schon angedeutet habe: SAP sorgt dafür, dass niemand auf der Strecke bleibt. Unseren Kunden steht es frei, den Zeitpunkt, das Tempo und den Umfang ihres Umstiegs in die Cloud zu bestimmen. Wir geben ihnen die Möglichkeit, Innovationen schneller, agiler und günstiger aus der Cloud zu beziehen und bieten dazu interessante Preismodelle für die Zukunft. Wir lassen unseren Kunden die Wahl, wie sie ihre IT-Landschaft betreiben möchten, je nach ihren individuellen Rahmenbedingungen und Anforderungen – und das schliesst auch die Option einer klassischen On-Premise-Lizenzierung und -Implementierung ein.

Das reine Cloud-Zeitalter ist also noch nicht angebrochen?

Manche Kunden werden ihre Vor-Ort-Installationen behalten, und ich bin sicher, dass es noch lange Zeit hybride IT-Landschaften geben wird. Sicher ist aber auch, dass moderne ERP-Systeme nur noch als Software-as-a-Service-(SaaS)Modelle betrieben werden.

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