Der E-Commerce, der Online-Handel und die digitalen Shops wachsen ungebremst weiter: Die «Onlinehändlerbefragung» der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) verzeichnete 2020 gegenüber 2019 einen Sprung von 30 Prozent. Und für das laufende Jahr wird ein weiterer Zuwachs von gegen 20 Prozent erwartet. Der Online-Shop hat sich als wichtigster Vertriebskanal etabliert – vor weiteren Kommunikations- und Vertriebskanälen.

Wenn die Bestellung von den Endkundinnen und Endkunden abgeschlossen ist, fängt die Arbeit in den kleineren und grösseren, dezentralen und zentralen Lagern in der Schweiz und/oder im benachbarten Ausland an: Die Waren werden «gepickt», verpackt, und dann geht die Reise los. Die ersten Meter dieser Reise legen die Päckli meistens auf Rollen von Transportanlagen zurück. Und das sind weit mehr als nur rotierende Teile – denn mit dem Boom verändern sich auch die typischen Bestellwaren und Bestellvolumen.

Grössere Flexibilität, grössere Volumen

«Schnellere Lieferzeiten sind ein entscheidendes Wettbewerbskriterium unter den Anbietern in E-Commerce und Omnichannel», sagt Martin Regnet, Kommunikationschef bei Interroll. Das Unternehmen mit Sitz in Sant’Antonino unweit von Bellinzona gilt unter Analystinnen und Analysten als weltweit mitführend im Bereich interne Logistik und Automation.

«Gefragt sind deshalb ein höherer Durchsatz und eine Beschleunigung beim Materialfluss», sagt Regnet. «Durch individualisierte Produkte und neue Produktkategorien (zum Beispiel Lebensmittel) erhöht sich die Varianz an Verpackungsformaten und -beschaffenheiten (etwa Polybags). Dies führt zu neuen Anforderungen an Materialflusssysteme.»

Die Fördertechnik wird smarter und erlaubt laut Regnet eine zunehmende Integration von Lösungen in umfassende IT-Umgebungen und Lieferketten. Bei den Themen Materialflusssteuerung, Energieeffizienz und Predictive Maintenance gibt es derzeit viele Innovationen. «Seitens Interroll wollen wir der steigenden Komplexität mit Einfachheit in der Anwendung für die Akteure im Markt begegnen», so Regnet. «Standardisierte digitale sowie physische Schnittstellen in modularen Plattformen sind Beispiele dafür.»

Solche Schnittstellen werden auch darum immer wichtiger, weil einzelne Hersteller, Zulieferer und Logistiker nicht isoliert vor sich hinarbeiten. Neben der Integration der IT-Systeme wird auch das Zusammenspiel der physischen Elemente, der internen Logistik- und Förderanlagen mit den externen Elementen, den Transportmitteln, immer wichtiger.

«Die Intralogistik muss die Volatilität der Fördermengen, zum Beispiel zu den Spitzenzeiten in der Black-Friday-Woche, bewältigen können», erklärt Regnet. Das bedeutet grössere Flexibilität bei schnell wechselnden Anforderungen. Aus den Erfahrungen der aktuellen Effekte in Lieferketten werden die Kapazitäten neu bewertet. «Bei begrenzten Expansionsmöglichkeiten wird die optimale Nutzung bereits vorhandener Standorte in der Lieferkette ebenfalls wichtiger», so Regnet weiter. «Trends wie zunehmende Interaktion der Robotik mit Fördertechnik oder Mischpalettierung für schnellere, passgenauere Lieferzyklen werden wichtiger.»

Übergabe an andere Systeme

Die Innovationen bei der Lagerlogistik und der Automation erfolgen nicht im luftleeren Raum: Auch bei der Herstellung von Produkten gibt es mit modernen neuen Technologien Alternativen. So lassen sich über 3D-Printverfahren Ersatzteile dezentral und gegebenenfalls in unmittelbarer Nähe der User herstellen.

Bei Interroll rechnet man aber nicht mit raschen Veränderungen bei den jetzt etablierten Liefer- und Logistikketten. «Stand heute erwarten wir hier ausserhalb von Nischen und der Produktion von Ersatzteilen mittel- bis langfristig bei den Warenströmen keine nennenswerten Effekte», so Regnet. «Der Grund: Die additiven Herstellungsverfahren in hinreichender Qualität benötigen entsprechend aufwendiges Equipment, welches daher dann wieder zentral aufgestellt ist. Just-in-Sequence beziehungsweise On-Demand-Produktion führt zu vermehrtem Einsatz von intelligenten Förderlösungen.»

Fördertechnik ersetzt Pufferlager

Veränderungen gibt es indes auf einer anderen Ebene, so Regnet: «Die grössere Flexibilität und ein grösseres Spektrum an Fördergütern müssen im Warenfluss abgebildet werden und die Fördertechnik ersetzt Pufferlager.»

Es gibt hier noch zahlreiche weitere Innovationsbereiche, mit denen zukünftig die Logistik im Hintergrund arbeiten wird. «Ziel von Interroll ist, auch bei der Übergabe des Förderguts in anderen Technologiesystemen wie beispielsweise Robotik, Drohnen oder automatisierten Kleinteilelagern optimale Lösungen für die Kunden bereitzustellen.»

Vertikaler Wald: Das Grün des Bosco Verticale in Mailand produziert Sauerstoff, nimmt CO2 aus der Luft auf und isoliert.

Just-in-Sequence und/oder On-Demand-Produktion führt zu vermehrtem Einsatz von intelligenten Förderlösungen.