Nur 55 Prozent des Schweizer Frischgemüses stammen aus der Schweiz. Der Rest muss importiert werden. Nicht nur die langen Transportwege führen dazu, dass die Landwirtschaft zu fast einem Viertel zu den globalen CO₂-Emissionen beiträgt.

Begleitet von der Diskussion rund um den Einsatz von Pestiziden, durch welche Felder und Trinkwasser zunehmend kontaminiert werden, ist die Suche nach Fortschritt und Entwicklung in der Landwirtschaft nicht nur Option, sondern Notwendigkeit. Neben der Digitalisierung von Abläufen und Prozessen in bestehenden Betrieben gibt es aber auch Jungunternehmen, welche die Landwirtschaft von Grund auf neu denken.

Science-Fiction oder DIE Lösung?

Eines dieser Startups ist Growcer aus Basel. Das Startup hat mit Migros und Coop bereits zwei wichtige Händler in der Schweiz als Kunden gewinnen können. Das Team, bestehend aus Ingenieuren, Biologen, Soft- und Hardwareentwicklern, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Herausforderungen anzugehen und für Fortschritt in der Landwirtschaft zu sorgen. Dabei ist der Weg lang und steinig – denn Growcer will genau da ansetzen, wo am meisten CO₂ durch den Transport und Verderb entsteht: bei den Importen. Die Schweiz kann nämlich nur die Hälfte des jährlichen Bedarfs an Frischgemüse durch die lokale Produktion abdecken – der Rest wird importiert.

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Günstiger als Importware

Growcer sieht dabei Vertical Farming als eine Schlüsseltechnologie, um den Fortschritt voranzutreiben und vor allem den Wasser-, Pestizid- und Flächenbedarf in der Landwirtschaft sowie Transportwege durch lokale Produktion deutlich zu reduzieren. Bei Growcer werden in einem kontrollierten Klima Kräuter, Blattgemüse und sogar Erdbeeren von Robotern über mehrere Ebenen gestapelt. Bis zu 15 Ebenen hoch kann die Anlage des Startups das ganze Jahr über gleichbleibende Menge und Qualität bei konstanten Kosten kultivieren.

Digitale Innovation steckt dabei nicht nur in der Automatisierung und Klimatisierung der Farm, sondern vor allem in der Software, die Roboter, Sensoren, Licht und Wasser perfekt orchestriert: «Wir wissen genau, wie lange die Pflanzen in welchem Spektrum beleuchtet werden müssen, welche Klimabedingungen sie am Tag und in der Nacht bevorzugen und wann welcher Roboter die richtige Box zum Ernten bringen muss. All das erlaubt es uns, durch den Einsatz von Software Ressourcen zu sparen – vom Wasser bis hin zu der Anzahl Roboter in der Farm», sagt Marcel Florian, Gründer und CEO von Growcer.

Die Probleme liegen vor allem in den operativen Kosten.

 

Das Startup hat sich keinen einfachen Markt ausgesucht. Denn die Produktionskosten sind im Ausland günstiger und in Ländern wie Spanien und Italien ist auch im Winter die Produktion im Gewächshaus mit geringerem Energieaufwand möglich. Die Arbeitsbedingungen, die Verschmutzung des Grundwassers und der Felder sowie der enorme Plastikmüll von 30 000 Tonnen im Jahr an der spanischen Küste kosten die Umwelt allerdings weitaus mehr als der Preis, den wir heute dafür bezahlen. Zudem verderben von der Ernte bis in den Verkauf vor allem während des Transports fast 30 Prozent der Ware. Dass das auf Dauer nicht nachhaltig funktionieren kann, liegt auf der Hand – und doch: Am Ende entscheidet meistens der Preis.

«Wir haben eine klare Strategie, mit unseren Produkten den Preis aus dem Ausland in der Schweiz zu unterbieten. Auch wenn das heute nur primär bei Kräutern und einigen Blattgemüse funktioniert – lokale Produktion, frischere und bessere Qualität zu einem günstigeren Preis als der Import lassen viele Händler auf uns aufmerksam werden. Zudem werden durch weiteren technologischen Fortschritt immer mehr Produkte auf Dauer günstiger lokal produziert werden können», sagt Florian. Die Herausforderungen liegen dabei vor allem in den operativen Kosten der vertikalen Farmen. Den hohen Anteil an manueller Arbeit hat das Unternehmen bereits durch die Automatisierung mit Robotern deutlich reduzieren können. Beim Vertical Farming wird heute jedoch noch viel Strom benötigt, um LED zu betreiben und das Klima zu regulieren.

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Sonne statt LED

Growcer hat ein klares Ziel, dies zu ändern: «Wir halten LED langfristig für nicht zielführend – auch wenn sie als effizient gelten. Jede unserer Farmen wird immer mit Strom aus erneuerbaren Quellen versorgt. Eine gute Solaranlage hat einen Effizienzgrad von 25 bis 35 Prozent, um aus Sonnenlicht Strom zu gewinnen. Dieser Strom wird dann genutzt, um mit einem Effizienzgrad von 40 bis 50 Prozent Licht zu generieren. Das bedeutet, dass am Ende 10 Prozent des Sonnenlichts in nutzbares Licht umgewandelt wird und das bei extremen Anschaffungskosten für die LED. Auf dieser Basis wird Vertical Farming niemals aus der Nische kommen», sagt Marcel Florian selbstkritisch und fügt an: «Digitale Innovationen werden es uns erlauben, Sonnenlicht direkt in der Farm auf mehreren Ebenen zu nutzen und dabei weitaus effizienter und günstiger zu funktionieren, als das bei LED der Fall ist.»

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Nach dem Testbetrieb der Farm im Güterbahnhof Wolf in Basel baut Growcer nun eine zweite Farm im aargauischen Spreitenbach. Die Farm ist bereits vollautomatisch – von der Aussaat bis zur Ernte. Zudem werden neuste Entwicklungen getestet, die den Energieverbrauch weiter reduzieren. Dort wird sich zeigen, ob technologischer Fortschritt ausreicht, die massiven Herausforderungen unserer Zeit in den Griff zu bekommen.

Simon Koch, CEO, Swiss Startup Factory, Zürich.