Mehr als 3000 Personen demonstrieren auf dem Bundesplatz in Bern gegen eine «Zwangsbestrahlung». Sie wollen die Einführung des neuen Mobilfunkstandards 5G verhindern; sie monieren, dieser sei mit erheblichen Risiken für Gesundheit, Umwelt, Demokratie und Sicherheit verbunden.

Eine Bürgerinitiative sammelt erfolgreich Unterschriften für ein Referendum gegen das Bundesgesetz zur elektronischen Identität. Den Gesetzesgegnern missfällt, dass ein privater Anbieter die elektro nische ID vertreiben soll.

Und die Deloitte Millennial Survey unter jungen Menschen in der Schweiz zeigt: Drei Viertel der Befragten sind besorgt bezüglich der Art und Weise, wie Unternehmen personenbezogene Informationen sammeln.

Wachsender Unmut

All diese Beispiele – und es gibt viele mehr – sind ein Ausdruck der Skepsis vieler Menschen gegenüber digitalen Technologien und ihrer Anwendung – und damit auch gegenüber der wachsenden Bedeutung der digitalen Ethik. Daten in grossen Mengen sammeln, diese zueinander in Beziehung setzen und das Ganze mit einer lernenden künstlichen Intelligenz verbinden: Was bei immer mehr Menschen Beklemmung verursacht, löst in den Chefetagen von Schweizer Unternehmen nach wie vor Begeisterung aus.

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Ethik kaum auf dem Radar

Einer Umfrage von Deloitte und Swiss VR unter mehr als 400 Verwaltungsräten Schweizer Unternehmen zufolge bietet die Digitalisierung gegenwärtig die grössten Geschäftschancen. Vor drei Jahren lag der Punkt Digitalisierung in der Rangliste noch an vierter Stelle.

Viele Verwaltungsräte setzen sich mit dem Investitionsdilemma zwischen dem Druck auf die kurzfristigen Finanzergebnisse und der Notwendigkeit der Digitalisierung für langfristiges, nachhaltiges Wachstum auseinander. Das Mana gement jedoch schenkt den ethischen Fragen bezüglich der Digitalisierung kaum Zeit und Aufmerksamkeit. Gerade mal 13 Prozent der Befragten setzen sich regelmässig mit ethischen Fragen der Digitalisierung auseinander.

Arbeitsplatzabbau und Diskriminierung

Dank der Digitalisierung können Unternehmen günstigere und bessere Produkte und Dienstleistungen anbieten; sie personalisieren Produkte und setzen Preise dynamisch fest. Doch der Grossteil der Kundinnen und Kunden hat längst erkannt, dass sie dies mit ihren persönlichen Daten begleichen – und in einigen Fällen sogar höhere Preise in Kauf nehmen müssen. Daneben herrschen vielfältige weitere Befürchtungen bezüglich Digitalisierung in der Bevölkerung; Arbeitsplatzabbau, potenzielle Eingriffe in die Privatsphäre und versteckte Diskriminierungen durch Algorithmen sind nur einige davon.

Vertrauen ist einer der zentralen Werte jedes Unternehmens.
 

Dabei ist Vertrauen einer der zentralen Werte jedes Unternehmens. Unternehmen müssen also die Erwartungen digital aufgeklärter Zielgruppen genau kennen und die Relevanz ethischer Ansprüche an ihre Produkte und Dienstleistungen gut einschätzen. Fehlentscheide können nicht nur hohe Kosten verursachen, sondern auch die Unternehmensreputation nachhaltig schädigen.

Daten sammeln mit Plan

Untersuchungen zeigen, dass sehr viele Unternehmen in der Schweiz Daten erst mal sammeln und erst später entscheiden, was sie damit machen wollen. Dieses Vorgehen ist angesichts der sen sibilisierten Kundschaft, kritischer Aufsichtsbehörden und einer wachsamen Öffentlichkeit aus Medien und NGO nicht nur nicht zielführend, sondern auch riskant. Aus einer intensiven Auseinandersetzung mit ethischen Fragen der Digitalisierung gehen sowohl Unternehmen als auch Kundinnen und Kunden als Gewinner hervor. Wenn sie die Kontrolle über ihre eigenen Daten zurückerhalten und ihnen Transparenz über deren Speicherung und Verwendung gewährt wird, belohnen sie Unternehmen oft mit mehr Vertrauen und einer höheren Loya lität. Sie sind dann auch eher dazu bereit, dass ihre Daten zur Weiterentwicklung und Verbesserung der Dienstleistungen verwendet werden.

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Unternehmen in der Verantwortung

Ist ein Unternehmen erfolgreich im Vertrauensaufbau in der digitalen Welt und kann dies authentisch nach aussen kommunizieren, entsteht idealerweise eine kontinuierliche Loyalitätsschleife und einzigartige Markenpositionierung.

Unternehmen dürfen bei diesen Fragen also nicht einfach passiv bleiben. Sie müssen eine Führungsrolle darin übernehmen, auf alle positiven und negativen Aspekte der Digitalisierung aufmerksam zu machen. Sonst besteht die Gefahr, dass die Stimmung in Ablehnung kippt und die Politik technologiefeindliche Regulierungen verabschiedet. Dies wäre für ein Land wie die Schweiz besonders schlecht.

Adam Stanford, Leiter Consulting, Deloitte Schweiz, Zürich.