Wenn Menschen an Davos denken, sehen sie Podiumsdiskussionen und grosse Namen. Was ist der wichtigste Teil Ihrer Arbeit in Davos, der nie auf der Bühne erscheint?
Die wichtigste Arbeit findet hinter der Bühne statt. Ich konzentriere mich darauf, Vertrauen zwischen Menschen aufzubauen, die normalerweise nie am selben Tisch sitzen würden. In diesen stillen Gesprächen legen Führungskräfte ihre Titel ab, sprechen ehrlich und hören zu. Dort beginnen echte Verpflichtungen. Podiumsdiskussionen schaffen Sichtbarkeit, aber Vertrauen schafft Bewegung. Das ist für Frauen sogar noch wichtiger. Trotz jahrelangen Fortschritten stellen Frauen immer noch nur etwa einen Viertel der Teilnehmenden in Davos, und die Zahl weiblicher CEOs bleibt sehr niedrig. Deshalb halte ich eine gezielte Kontaktaufnahme hinter den Kulissen für unerlässlich. Repräsentation entsteht nicht zufällig. Sie entsteht, wenn Türen frühzeitig geöffnet und Frauen in die Gespräche einbezogen werden, in denen Entscheidungen getroffen werden.
Was verleiht jemandem heute wirklich Einfluss? Titel, Daten, Netzwerke oder etwas anderes?
Einfluss kommt heute von Glaubwürdigkeit und Verbindung. Ich sehe Daten als das, was die Tür öffnet, und Netzwerke als das, was hilft, die Botschaft zu verbreiten, aber Vertrauen ist das, was Menschen wirklich dazu bewegt, zu handeln. Studien zeigen durchweg, dass ein grosser Teil der Führungspositionen über Netzwerke und nicht über formelle Bewerbungen besetzt wird und dass Frauen weitaus seltener in diese Netzwerke miteinbezogen werden. Deshalb sind die Führungskräfte, die ich am einflussreichsten finde, diejenigen, die komplexe Ideen verständlich machen und Menschen zusammenbringen können, die normalerweise nicht Seite an Seite arbeiten würden. In unserer Stiftung sagen wir oft: Dein Netzwerk ist dein Vermögen: Your network is your net worth.
Wenn Sie branchen- und regionenübergreifend arbeiten, welches wiederkehrende Muster in der Karriere von Frauen haben Sie beobachtet, das andere noch unterschätzen?
Ich habe gesehen, dass es Frauen nicht an Ehrgeiz oder Fähigkeiten mangelt, sie sind oft mit Systemen konfrontiert, die nicht darauf ausgelegt sind, nicht lineare Führungspfade anzuerkennen. Viele Frauen bauen Einfluss in Teams und Netzwerken auf, bevor er sich in formalen Titeln zeigt. Diese Art von Führung wird oft übersehen, bis sie eines Tages absolut unerlässlich wird.
Zur Person
Rupa Dash ist eine US-indische Unternehmerin und CEO der World Woman Foundation. Die Organisation verfolgt das Ziel, bis 2030 weltweit eine Million Frauen in Führungspositionen zu bringen und wirtschaftliche Gleichstellung durch Mentoring sowie durch Zugang zu Kapital zu fördern. Mit Initiativen wie der World Woman Hour nutzt Dash mediale Reichweite, um weibliche Vorbilder sichtbar zu machen. Die Foundation agiert global als Netzwerk, das soziale Innovation mit wirtschaftlicher Teilhabe verknüpft.
KI entscheidet zunehmend darüber, was und wer sichtbar wird. Was beunruhigt Sie mehr: dass Frauen in Führungspositionen unterrepräsentiert sind – oder in den Daten, die diese Systeme trainieren?
Die Unterrepräsentation in Daten beunruhigt mich mehr als die Führungslücken. Führungslücken können im Laufe der Zeit behoben werden, aber voreingenommene oder unvollständige Daten verstärken die Ungleichheit leise für die Zukunft. Wenn Frauen in den Daten fehlen, werden ihre Stimmen und Beiträge unsichtbar, und das ist viel schwieriger zu ändern. Bei der World Woman Foundation sehen wir das in der Praxis. Deshalb arbeiten wir daran, Frauen in marginalisierten Gemeinschaften und indigenen Gemeinschaften in Fähigkeiten im Zusammenhang mit Automatisierung und neuen Technologien zu schulen. Indem wir sicherstellen, dass Frauen in die Daten einbezogen werden und Zugang zu diesen Möglichkeiten haben, stellen wir sicher, dass sie nicht zurückgelassen werden und die Zukunft gestalten können, anstatt von ihr ausgeschlossen zu werden.
Technologie bewegt sich schnell, gesellschaftlicher Wandel erfolgt hingegen oft nicht so schnell. Wo sehen Sie Frauen in der KI-Wirtschaft rascher als erwartet Boden gutmachen?
Ich sehe, dass Frauen an der Schnittstelle von Ethik, Design, Bildung und Anwendung Boden gutmachen. Sie schaffen nicht nur Technologie, sie gestalten auch die Art und Weise, wie sie verantwortungsvoll eingesetzt wird. Studien zeigen, dass Frauen weniger als 25 Prozent der Führungspositionen in der Technologiebranche und nur etwa 20 Prozent der KI-Spezialisten weltweit ausmachen, doch sie führen zunehmend Initiativen an, die Vertrauen definieren, die Akzeptanz vorantreiben und langfristige Wirkung erzielen. Dort entsteht wahre Macht.
In manchen Unternehmen haben Gleichstellungsprojekte keine Priorität mehr. Woran erkennen Sie, ob ein Engagement für die Gleichstellung der Geschlechter echt ist – insbesondere wenn der externe Druck zunimmt?
Ich weiss, dass das Engagement eines Unternehmens für die Gleichstellung der Geschlechter echt ist, wenn es sich in den Budgets, Anreizen und Nachfolgeplänen widerspiegelt. Studien zeigen, dass während Wirtschaftsabschwüngen weniger als 20 Prozent der Unternehmen strukturierte Programme für Frauen aufrechterhalten, was bedeutet, dass die meisten Initiativen scheitern, wenn sie auf die Probe gestellt werden. Wenn Gleichstellung auch bei Führungswechseln und in schwierigen Zeiten fortbesteht, ist sie echt. Wenn sie verschwindet, sobald sie unbequem wird, war es nie eine Strategie, sondern nur eine Aussage.
«Die Unterrepräsentation von Frauen in Daten beunruhigt mich mehr als die Führungslücken.»
Was ist der nützlichste Ratschlag, den Sie Frauen geben, die heute ihre Karriere voranbringen wollen?
Warte nicht auf die Bestätigung von Systemen, die nicht für dich gebaut wurden. Baue Koalitionen auf, nicht nur Lebensläufe.
Wenn Sie in fünf Jahren nach Davos zurückkehren, was müsste anders sein, damit Sie sagen können: Die Elite im Management ändert sich tatsächlich, es werden Fortschritte gemacht?
Wenn ich in fünf Jahren nach Davos zurückkehre, möchte ich Vielfalt ohne Erklärung sehen. Frauen, insbesondere aus dem Globalen Süden, sollten präsent sein, ohne als Ausnahmen vorgestellt zu werden. Der Wandel wird echt sein, wenn Macht von ein paar vertrauten Profilen zu wirklich vielfältigen Entscheidungsträgern übergeht. Dann wird der Fortschritt strukturell.
Was sind Ihrer Meinung nach die grössten Herausforderungen für den beruflichen Aufstieg von Frauen in diesem Jahr?
Die grösste Herausforderung für den beruflichen Aufstieg von Frauen in diesem Jahr ist die Unsichtbarkeit. Studien zeigen, dass Frauen bei Umstrukturierungen oder grossen organisatorischen Veränderungen immer noch 30 bis 40 Prozent seltener befördert werden als Männer, und sie werden oft aus informellen Netzwerken ausgeschlossen, in denen Schlüsselentscheidungen getroffen werden. Die Chance ist jedoch auch klar: Frauen, die diese Veränderungen frühzeitig erkennen und sich strategisch positionieren, können die Ergebnisse gestalten, anstatt von ihnen geformt zu werden.

