Als Whistleblowerin haben Sie sich mächtige Feinde gemacht. Wem würden Sie hier am WEF lieber über den Weg laufen: einem Mitarbeiter von Meta, ehemals Facebook, oder dem US-Präsidenten Donald Trump? 

Einmal bin ich hier tatsächlich ein paar wichtigen Mitarbeitern von Meta begegnet. 

Was ist passiert? 

Sie wussten ganz genau, wer ich war. Ich habe schon damals öffentlich gefordert, dass es auf Facebook keine politische Werbung mehr geben sollte, weil damit zu stark in Wahlen eingegriffen wird. Die Meta-Leute sagten mir, sie täten genug dafür, dass alles mit rechten Dingen zugehe. Doch ich weiss, dass das nicht stimmt. 

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Was ist mit Donald Trump, haben Sie ihn schon getroffen? 

Mehrmals, 2015 und 2016, als ich noch für Cambridge Analytica gearbeitet habe. 

Was war Ihr Eindruck von ihm? 

Er ist mächtig und sehr selbstbewusst. Eigenschaften, die man als Staatsoberhaupt braucht.

Ist er klüger oder weniger klug, als die Leute glauben?

Klüger, sonst wäre er nicht in dieser Position. Man wird nicht zufällig Staatsoberhaupt und auch nicht nur wegen der Hilfe eines Technologieunternehmens wie Cambridge Analytica. 

Zur Person

Brittany Kaiser hat turbulente Jahre hinter sich. 2018 wurde publik, dass die Firma Cambridge Analytica mithilfe von Millionen von Facebook-Nutzerdaten Wählerinnen und Wähler beeinflusst hatte. Etwa bei den US-Präsidentschaftswahlen oder beim Brexit. Die 39-Jährige trug als damalige Direktorin für Geschäftsentwicklung dazu bei – bis sie ihre ehemalige Firma anprangerte. Seither kämpft die Whistleblowerin dafür, dass wir im Internet nicht manipuliert werden. Die amerikanische Datenexpertin ist heute CEO von AlphaTON Capital sowie Teil des internationalen Beirats von EqualVoice.

Sie haben früher für Barack Obama gearbeitet und später für Donald Trump Wähler beeinflusst. Sind Sie eine Opportunistin? 

Ich habe für Demokraten, Republikaner, Unabhängige und Grüne gearbeitet. Also alle Seiten des politischen Spektrums. Ich arbeite gerne für Leute, von denen ich weiss, dass sie gewinnen können und dass sie den Job machen können. 

Bereuen Sie, dass Sie mit Ihrer Arbeit für Cambridge Analytica Wähler beeinflusst und Donald Trump vielleicht sogar zu seinem ersten Wahlsieg verholfen haben? 

Ich bin immer wieder anderer Meinung als er, aber in dieser Amtszeit gebe ich ihm manchmal auch recht. 

Wo denn? 

Trump hat klare Regeln und Zulassungen für die Verschlüsselung von Daten geschaffen, das ist in meinem Sinn. 

Sie kämpfen dafür, dass politische Werbung in den sozialen Medien eingeschränkt werden soll. Aber wo ziehen Sie die Grenze? Demokratische Bewegungen wie den Arabischen Frühling hat es ja auch dank den sozialen Medien gegeben.

Ehrlich gesagt: Jetzt, wo die künstliche Intelligenz so weit fortgeschritten ist, ist die Situation eine andere. 

Was meinen Sie? 

Ein Verbot politischer Werbung in den sozialen Medien würde wohl nicht mehr viel bewirken. Die künstliche Intelligenz eröffnet den Firmen heute viel mehr Möglichkeiten der Einflussnahme. 

Welche denn? 

Es ist noch viel einfacher geworden, Menschen von Dingen zu überzeugen, die nicht real sind: Bilder, Videos, Fake News – alles sieht aus wie echt. Zur Veranschaulichung: Früher führte man in einem US-Wahlkampf etwa vier Kampagnen für verschiedene Wählertypen durch. Mit Cambridge Analytica machten wir dann dank den verschiedenen Facebook-Profilen 10’000 Kampagnen pro Wahlkampf. Doch mit der KI kann nun jede einzelne Person ein Bild, ein Video oder eine vermeintliche Nachricht erhalten, die exakt auf sie zugeschnitten ist. Und die sie von einem Politiker überzeugt oder vom Wählen abhält. 

«KI eröffnet Firmen heute viel mehr Möglichkeiten der Einflussnahme.»

 

Fallen Sie als Expertin eigentlich auch auf KI-Inhalte herein? 

Auf jeden Fall. Ständig.

Was kann man tun, um den versteckten Werbungen von Wahlkampffirmen nicht auf den Leim zu gehen? 

Man sollte seine Nachrichten nicht in den sozialen Medien beziehen, sondern von veritablen Nachrichtenorganisationen. Was vielen nicht bewusst ist: Wenn Medien Falschinformationen veröffentlichen, dann sind sie rechtlich dafür verantwortlich und strafbar. Bei Nachrichten in den sozialen Medien ist niemand verantwortlich – jeder erzählt, was er will. 

Weitere Tipps? 

Man sollte die allgemeinen Datenschutzbestimmungen lesen, bevor man eine App herunterlädt. 

Oje …

Ich weiss, die sind immer so lang! Aber es ist essenziell, damit man versteht, wie viele der eigenen Daten erfasst werden und wie sie verwendet werden. Wenn Sie dann die App nutzen, verstehen Sie, dass das, was Sie sehen, gezielt darauf zugeschnitten ist, was Sie interessieren, erschrecken oder begeistern könnte. 

Sie kommen seit über zehn Jahren ans WEF. Wie funktioniert das Networking hier? 

Ein Beispiel: Diese Woche kommt der ehemalige kanadische Premierminister Justin Trudeau zu mir zum Abendessen. Kanada möchte bei Datenschutz, Privatsphäre und Verschlüsselung vorwärtsmachen, deshalb tauschen wir uns regelmässig aus. Solche Treffen bringen viel.

«Man sollte Nachrichten nicht via Social Media beziehen.»

 

Das WEF wird auch heftig kritisiert. Sie selbst haben einmal gesagt, dass Firmen wie Meta von Geldgier getrieben sind. 

Auf jeden Fall, und Mark Zuckerberg muss mit diesem Ruf leben. Er wird einfach als ein weiterer reicher Typ in Erinnerung bleiben, den niemand mag. Kein schönes Vermächtnis.

Was ist die Alternative zum Geschäftsmodell von Meta-Chef Mark Zuckerberg? 

Wir müssen Menschen für ihre Daten bezahlen. Im Moment geben wir unsere Daten einfach her – und alle anderen profitieren davon, nur nicht wir selbst. 

Wie soll das mit dieser Bezahlung gehen? 

Die Idee ist, dass wir alle Daten, die wir im Internet hinterlassen, selbst einsehen und bereinigen können. Der Vorteil für die Unternehmen: Die Daten sind dann genauer als bisher. Der Vorteil für uns: Kontrolle darüber, was wir preisgeben wollen, und Geld als Gegenwert. 

Wie weit ist dieses Projekt fortgeschritten? 

In vier Monaten startet diese Technologie in Brasilien. Dort wird sie landesweit über die Sozialversicherungsbehörde eingeführt. Jeder Brasilianer und jede Brasilianerin wird dann ein sogenanntes Datensparkonto haben und damit Geld verdienen. Ich glaube, das wird auch in anderen Ländern schnell Schule machen. 

Warum arbeiten Sie mit EqualVoice zusammen, der Ringier-Plattform für die gleichberechtigte Sichtbarkeit von Frauen und Männern? 

Frauen sind unterrepräsentiert, seit es Medien gibt. Aber – und das ist einmal eine positive Nachricht – dank der KI können wir dieses Problem besser analysieren und anpacken. 

Sie kommen seit Jahren in die Schweiz. Wie steht die Schweiz punkto Datenschutz im Vergleich zu anderen Ländern da? 

Sie ist beim Datenschutz der Goldstandard und in vielen dieser Themen führend. Andere Länder mussten sich anstrengen, um zu euch aufzuschliessen.