Während in den Konferenzsälen des World Economic Forum über Geopolitik, künstliche Intelligenz und wirtschaftliche Stabilität diskutiert wurde, rückte eine andere Dimension von Führung zunehmend in den Fokus: die innere Haltung. An der World Women Davos Agenda stand weniger die Frage im Zentrum, was Führungskräfte tun, sondern wie sie füh- ren – und aus welcher inneren Quelle heraus.

Unter dem Titel «Leading from Within» diskutierten Vertreterinnen aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Technologie darüber, warum Resilienz, Selbstführung und Authentizität zu den entscheidenden Kompetenzen der nächsten Führungsgeneration gehören.

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Sichtbarkeit braucht Substanz

Ein zentrales Thema der Diskussion war das Spannungsfeld zwischen Sichtbarkeit und innerer Stärke. Führungskräfte stehen heute unter permanentem öffentlichem Druck – in Medien, sozialen Netzwerken und Organisationen. Doch Sichtbarkeit allein schafft noch keine Wirkung.

Annabella Bassler, CFO von Ringier, brachte es auf den Punkt: Sichtbarkeit kann Macht verleihen, aber erst innere Klarheit entscheidet über den Impact. Wer den eigenen Wertekompass nicht kenne, laufe Gefahr, sich im Lärm externer Erwartungen zu verlieren. Führung bedeute deshalb, bewusst zu wählen, wo man präsent ist – und wofür man die eigene Stimme einsetzt.

Macht neu denken

Auch der Begriff Macht wurde neu verhandelt. Statt Hierarchie oder Kontrolle sind andere Definitionen in den Vordergrund gerückt. Für Tamara Raich, Gründerin von Athena 21, bedeutet Macht vor allem Stabilität: die Fähigkeit, sich selbst zu regulieren, präsent zu bleiben und Vertrauen in die eigene Entscheidungsfähigkeit zu entwickeln. Diese innere Stärke sei erlernbar – und beginne nicht im Kopf, sondern im Körper.

In einer Welt permanenter Krisen reicht fachliche Exzellenz nicht mehr aus.

 

Raich arbeitet mit körperbasierten Trainings, die mentale, emotionale und physische Aspekte verbinden. Atemtechniken, Körperwahrnehmung und bewusste Routinen helfen Führungskräften, auch unter Druck handlungsfähig zu bleiben. Die Botschaft: Wer sich selbst nicht führen kann, kann andere nicht nachhaltig führen.

Brittany Kaiser, internationale Datenrechtsaktivistin, definierte Macht wiederum als die Fähigkeit, andere zu befähigen. Nachhaltige Wirkung entstehe dann, wenn Führung nicht auf Einzelpersonen beschränkt bleibe, sondern sich multipliziere. Besonders wichtig sei es, jene einzubeziehen, die am verletzlichsten sind – ein Ansatz, der Vertrauen schaffe und langfristige Legitimität verleihe.

Authentizität statt Perfektion

Ein weiterer roter Faden der Diskussion war der Umgang mit Fehlern und Verletzlichkeit. In vielen Organisationen gilt Perfektion noch immer als Ideal. Doch dieses Bild gerät zunehmend ins Wanken.

Annabella Bassler plädierte für einen offeneren Umgang mit Fehlern – auch in Führungspositionen. Authentizität bedeute, Verantwortung zu übernehmen, statt Unfehlbarkeit zu inszenieren. Diese Haltung stärke nicht nur das Vertrauen im Team, sondern schaffe auch Raum für Lernen und Innovation.
Gerade für die nächste Generation sei dies entscheidend. Junge Führungskräfte orientierten sich weniger an Statussymbolen, sondern an Glaubwürdigkeit. Sie würden Vorbilder erwarten, die zeigen, dass Klarheit, Empathie und Konsequenz kein Widerspruch sind.

Innere Arbeit als Führungsaufgabe

Was von dieser Session in Davos bleibt, ist ein erweitertes Verständnis von Leadership. In einer Welt permanenter Krisen reicht fachliche Exzellenz nicht mehr aus. Gefragt sind Führungspersönlichkeiten, die zuhören können, sich selbst reflektieren und bewusst handeln.

Der Appell an die Teilnehmenden war entsprechend klar: Investiere in Selbstführung. Wer sich Zeit nimmt, die eigene innere Stabilität zu stärken, erhöht nicht nur die persönliche Resilienz, sondern auch die Qualität von Entscheidungen – im Unternehmen wie in der Gesellschaft.
Oder anders gesagt: Die Transformation, über die in Davos so oft gesprochen wird, beginnt nicht bei Strategiepapieren oder Technologien – sondern im Inneren der Menschen, die Verantwortung tragen.