Die Rolle Europas in der Welt ist der «unbequeme Teil» der Reise, auf die der frühere Aussen- und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel das Publikum beim Luzerner Europa Forum mitnimmt. Jahrhundertelang war Europa das Gravitationszentrum der Welt, dessen Rolle in der liberalen Weltordnung nach dem Zweiten Weltkrieg sich veränderte. Daraus entstanden ist auch die Europäische Union.

Heute gibt es erneut eine Verschiebung der Machtzentren in Richtung Asien. Chinas Aufstieg hat von der Globalisierung profitiert. Im Pazifik sei das neue Gravitationszentrum der Welt entstanden. Doch Europa habe das erst sehr spät gemerkt. Gleichzeitig verschieben sich in den USA die Prioritäten, die Skepsis an der bisherigen Weltordnung wächst und somit auch an der Rolle der Europäischen Union.

«Die Chinesen machen es schlauer»

Nicht nur die USA, auch etwa Russland und China teilen diesen Blick auf Europa. «Nur machen es die Chinesen schlauer», sagt der SPD-Politiker: Sie versuchen den Europäern zu helfen, wenn es klemmt. So kauften sie in der Griechenland-Krise Häfen, um dem griechischen Staat unter die Arme zu greifen. Oder bauen Infrastruktur in einigen europäischen Ländern auf.

Die Angst der Schweizer, ihre Souveränität als Mitglied der EU zu verlieren, begegnet Gabriel damit, dass in der EU ein kleines Land wie Malta mit 400’000 Einwohnern genauso viel zu sagen hat wie das 80-Millionen-Land Deutschland. Gerade das mache die Europäische Union aus. Gleichzeitig belächle der Rest der Welt die innereuropäischen Differenzen.

«Europa wird von aussen getestet. Ich würde mir wünschen, dass Europa eine Ein-Europa-Poltik macht.» Im Rest der Welt denken viele, Europa sei wie die Schweiz, erklärt Gabriel: Reich, aber politisch hat keiner hat Angst vor ihnen.

«Jetzt sind wir Veganer»

«Wir gelten als die letzten Vegetarier in einer Welt der Fleischfresser. Europas Antwort: Jetzt wir sind Veganer.» Das gelte umso mehr, wenn Grossbritannien aus der EU austritt. Gabriel sagt, er fürchte nicht die ökonomischen Folgen, politisch sei der Schaden immens, denn mit Grossbritannien als Nuklearmacht büsse die Europäische Union international Respekt ein.

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«Ich glaube, wir Europäer werden nur souverän in der Welt sein, wenn wir in der Aussen- und Finanzpolitik miteinander kooperieren. Sonst steuern wir auf eine G2-Welt aus China und den USA zu.» Um in dieser Welt weiter mitzureden, müsse sich Europa stärker verbünden.

Doch derzeit laufe die EU eher Gefahr, sich zu spalten. Europa müsse selbstbewusst und gemeinsam auftreten, um nicht zum Opfer anderer Regionen und Länder in der Welt zu werden. Das gelte auch und umso mehr für die kleine Schweiz. Zumal die EU und die Schweiz in Zukunft vor denselben Herausforderungen stehen.