Als ehemaliger Volleyball-Profi weiss Diana Engetschwiler, 38, wie man einen wichtigen Match vorbereitet. Dreimal hat die Baslerin den Schweizer Digitaltag geleitet – der Grossanlass zog letztes Jahr 100 000 Besucherinnen und Besucher an. Jetzt ist Engetschwiler zur Vizechefin von Digitalswitzerland aufgestiegen. Doch begonnen hat ihr Einstieg in die digitale Welt holprig.

 

Erinnern Sie sich an Ihr erstes Smartphone?

Ich habe mich lange geweigert, eins zu kaufen.

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Wirklich?

Im Gymi hatten alle eins. Aber ich dachte, dass ich das nicht brauche. Irgendwann habe ich gemerkt, dass es doch ziemlich praktisch ist.

Und seither kleben Sie am Handy? 

Na ja. Instagram musste ich löschen. 

Warum? 

Solche Apps machen ja extra süchtig. Und ich habe gemerkt, dass ich meine Zeit anders verbringen möchte. Ich lese auch wieder mehr auf Papier als früher. Und ich bin zwischendurch sehr lange offline, vor Kurzem beim Reisen zum Beispiel.

Und das klappt? 

Ja. Ich merke, dass mir solche Pausen guttun. Und als ich auf der kleinen Insel South Water Caye Marine Reserve in Belize war, gabs gar kein Internet.

Verrückt: Sie fliehen auf eine einsame Insel, um offline zu sein?

Die Digitalisierung kann überwältigend sein. Es ist wichtig, dass wir bewusst entscheiden, wie wir mit all den neuen Möglichkeiten umgehen. Das ist ein laufender und individueller Prozess. Wahrscheinlich gibt es in Zukunft einen neuen Trendberuf, bei dem man andere Menschen im Umgang mit der digitalen Welt berät.

Spätestens seit Corona sind wir doch alle ziemlich digitalisierungsmüde. 

Absolut. Wir sind soziale Wesen und sollten deshalb definitiv nicht nur digital unterwegs sein. Aber Digitalisierung heisst ja nicht nur: am Computer sitzen und lange Videocalls durchstehen. Es geht ja auch darum, Dinge für uns zu vereinfachen.

Welche Baustellen sehen Sie sonst? 

Im Jahr 2028 werden uns 35 000 Personen in der Informations- und Kommunikationstechnik fehlen. Firmen, die in die Schweiz kommen wollen, schreckt das natürlich ab. Ziehen die dann lieber nach Polen? Da kommt ganz sicher ein Nachwuchsproblem auf uns zu.

Was tun? 

Kinder, Jugendliche, Quereinsteigerinnen fördern und Berufe wie Programmierer für sie attraktiv machen.

Die Löhne in der Branche sind doch schon sehr attraktiv. 

Ja. Aber die Jobs könnten im Ansehen der Jungen noch cooler werden. Und viele Frauen gehen auf dem Weg zwischen Uni und Beruf verloren. Schaffen diese Branchen ein gutes Umfeld für Familien, können wir da garantiert noch mehr rausholen.

Welche Länder machen das besser als die Schweiz? 

Singapur investiert langfristig in Bereiche wie Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik, Nachhaltigkeit und Start-ups. Dieses kleine Land verteilt auch die Visa an Ausländer entsprechend. Und baut sich so ganz smart eine Perspektive auf.

Sie sind Vizechefin von Digitalswitzerland und haben auch dieses Jahr wieder die Digitaltage veranstaltet. Warum sind die eigentlich an 19 verschiedenen Orten? 

Wir wuchsen von drei auf 19 Standorte. Während Covid haben wir ein grosses Online-TV-Programm lanciert. Und jetzt ist es definitiv an der Zeit, wieder in die Bevölkerung zu gehen. Je mehr wir in den Dörfern und kleinen Städten der Schweiz präsent sind, desto besser. Auf dem Land tickt man anders: Die Kulturen und Herangehensweisen sind nicht dieselben wie in Zürich, Bern oder Lausanne. 

Inwiefern? 

Je ländlicher, desto mehr sind bei unseren Digitaltagen auch Kinder dabei, die ganz spielerisch mit dem Thema um-gehen. In den Städten kommen eher Jugendliche, die sich vor allem für Tiktok oder fürs Programmieren interessieren.

Hätte ein Einzelner grosser Anlass nicht mehr Strahlkraft? 

Natürlich wäre es toll, wenn es eine Art 1. August für die Digitalisierung in der Schweiz gäbe! Wir als Digitalswitzerland können nicht die komplette Digitalisierung des Landes selbst organisieren. Deshalb ist uns wichtig, in vielen verschiedenen Regionen zu sein. So nehmen wir einen grösseren Teil der Bevölkerung mit und nehmen sie auch in die Verantwortung.

Passiert das denn noch nicht? 

In den ersten drei Jahren ging es uns mit den Digitaltagen darum, ein Bewusstsein für das Thema zu schaffen.

Und jetzt?

Wollen wir die Leute aktiv involvieren: Warum nicht mal einen Kurs machen, etwas Neues ausprobieren? Sich an ein Thema heranwagen, das man noch nicht versteht?

Was ist mit Personen, die mit Digitalisierung nichts am Hut haben?

Wer wirklich noch keinen Zugang zur digitalen Welt hat, tastet sich am besten langsam ran. Vielleicht mit einer Tochter oder einem Sohn, die sich schon auskennen. So kann man zum Beispiel lernen, wie Onlinebanking funktioniert oder wie man einen Videocall macht.

Und was sagen Sie jenen, die wegen der Digitalisierung um ihren Arbeitsplatz fürchten? 

Wir haben in der Schweiz kein Problem mit Arbeitslosigkeit, sondern umgekehrt: mit Personalmangel. Wichtig ist, dass man sich weiterentwickelt, denn die Welt ändert sich. Aber das war auch vor 100 Jahren schon so.


Dieses Gespräch erschien zuerst am 2. September 2022 in der Schweizer Illustrierten.

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