Bertschi-Café in Birsfelden BL war die erste Schweizer Kaffeerösterei, die einen Lizenzvertrag mit Fairtrade Max Havelaar abschloss – ein Novum in den frühen 1990er Jahren. Das über achtzigjährige Traditionshaus setzt seither auf Produkte, die nach strengen sozialen und ökologischen Kriterien produziert und fair gehandelt werden. Seinen gesamten Rohkaffee importiert es direkt von demokratisch geführten Kooperativen in Anbauländern wie Brasilien, Honduras oder Tansania.

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Für Katja Schmittner, Business Development Manager Fairtrade-Kaffee bei Fairtrade Max Havelaar, ein Glücksfall: «Nachdem wir vor dreissig Jahren Migros und Coop mit ins Boot holen konnten, gab es erfreulicherweise auch einzelne Röstereien und Trader, die bei Fairtrade mitmachten.»

Im Laufe der Jahre habe man zudem einige Anbieter von Spezialitätenkaffee gewinnen können – viele davon werden am Swiss Coffee Festival zu finden sein, das vom 7. bis 9. Oktober in Zürich stattfindet. Es seien diese kleinen Spezialisten, die den Produzenten eine Plattform böten, die hohe Qualität ihres Kaffees unter Beweis zu stellen. Natürlich handle es sich dabei um eine Nische mit sehr kleinen Volumina. Für Fairtrade Max Havelaar sei sie dennoch interessant, weil dadurch Kaffee aus nachhaltigem Handel auch bei anspruchsvollen Konsumenten und Konsumentinnen etabliert werden könne.

Grosse Player müssen noch überzeugt werden

Wie Katja Schmittner erklärt, habe man die Vision, dass Fairtrade langfristig zum «New Normal» und fairer Handel als selbstverständlich betrachtet werde. Um dies zu erreichen, sei jedoch noch ein ganzes Stück Arbeit notwendig. In Zukunft sei es vor allem wichtig, die grossen Player ganz vom fairen Handel zu überzeugen – dies, obschon sich die aktuellen Zahlen sehen lassen können: Im Jahresbericht zu 2021 schliesst der Fairtrade-Kaffee mit einem Umsatz von rund 88,8 Millionen Franken und einem Marktanteil von 15 Prozent als drittstärkste Produktkategorie im Schweizer Detailhandel ab.

Dabei zeigen Migros und Coop nach wie vor ein grosses Engagement. Letzterer führt seine Eigenmarken fast ausschliesslich mit dem Fairtrade-Label und investiert darüber hinaus in verschiedene Projekte. Auch Kapselhersteller bekennen sich inzwischen zum fairen Handel: Laut Schmittner gehört der Beginn der Partnerschaft mit Nespresso, das seit 2017 Fairtrade-zertifizierten Kaffee anbietet, zu einem wichtigen Meilenstein in der Geschichte von Fairtrade Max Havelaar. Nun gehe es darum, weitere grosse internationale Brands für sich zu gewinnen und jene, mit denen man bereits zusammenarbeite, von einer Vollumstellung auf Fairtrade-zertifizierte Produkte zu überzeugen. Parallel dazu wird der Nischenmarkt bearbeitet. Auch heute bekennen sich immer wieder kleine Röstereien zu Bohnen aus nachhaltigem und sozialverträglichem Anbau. Darunter die Seehallen Kaffeerösterei in Horgen mit der Marke Onesto, die an den Fairtrade-Awards 2022 als «Newcomer» ausgezeichnet wurde und zu 100 Prozent Kaffee aus fairem Handel anbietet.

Eine maximale Marktdurchdringung zu erreichen, gehört nicht zu den einzigen Herausforderungen, mit denen Fairtrade konfrontiert ist. Insbesondere im Bereich Kaffee gilt es, diverse Hürden zu meistern. Eine davon hängt mit dem volatilen Preis von Arabica-Kaffee zusammen, der an der New Yorker Börse gehandelt wird. Gemäss Katja Schmittner sind Produzenten in den vergangenen drei Dekaden mit einer Preisspanne von über 2 Dollar bis 42 Cent pro Pfund Kaffee konfrontiert gewesen. Um den Mitgliedern der Kooperativen eine gerechte Bezahlung zu ermöglichen, die auch die nachhaltige Produktion deckt, legte Fairtrade einen Mindestpreis fest. Dieser liegt momentan bei 1,4 Dollar pro Pfund Kaffee und wird anhand von Rechnungen über eine unabhängige Auditierungsstelle kontrolliert. Neben diesem Mindesteinkommen erhalten die Kooperativen eine Fairtrade-Prämie. Im Bereich Kaffee muss ein Viertel davon für Produktivitäts- und Qualitätsverbesserungen eingesetzt werden. In welche Projekte investiert werden soll, wird in einem demokratischen Prozess entschieden.

Klimawandel für Kaffeebauern das grösste Problem

Der Mindestpreis und die Prämie sind wichtige Instrumente, um die Bauernfamilien aus der Armut zu holen. Jedoch genügen sie nicht immer. Aus diesem Grund hat Fairtrade Max Havelaar kürzlich mit weiteren Partnern ein Modell für ein existenzsicherndes Einkommen lanciert: Mit «Living Income» erhalten Kaffeefarmerinnen und -farmer einen Betrag, der die Lebenshaltungs- und unvorhergesehenen Kosten einer Familie deckt. Dieser ganzheitliche Ansatz wird mit Workshops und Online-Schulungen unterstützt. Seit Anfang 2022 existiert beispielsweise die Fairtrade Coffee School, die unterschiedliche Trainings anbietet. Etwa dazu, wie man Preisschwankungen abfedert, den Marktzugang verbessert, sich an Messen präsentiert, den Webauftritt optimiert oder die Diversifizierung vorantreibt – etwa mit dem Anbau von Gemüse, das auf dem lokalen Markt verkauft werden kann. Dabei haben Mitglieder der rund 640 Kooperativen zudem die Möglichkeit, sich mit anderen Kaffeefarmern auszutauschen und von deren Erfahrungen zu profitieren. Das ist auch im Zusammenhang mit der zurzeit grössten Herausforderung für die Kaffeekooperativen relevant – dem Klimawandel. «Die Kleinbauern spüren diesen unmittelbar und brauchen dringend Unterstützung, um sich entsprechend anzupassen», sagt Katja Schmittner. In den vergangenen Jahren habe man immer wieder mit Ernteausfällen aufgrund von extremen Wetterereignissen zu kämpfen gehabt, was wiederum zu Schwankungen beim Weltmarktpreis geführt habe. Zudem würden Kaffeepflanzen infolge der Erderwärmung nicht mehr auf einer bestimmten Höhe gedeihen und unter steigender Trockenheit leiden. Der Austausch zwischen den einzelnen Produzentennetzwerken trage dazu bei, Lösungsansätze zu finden.

Auf globaler Ebene wird ausserdem der Umweltschutz gefördert: «Es geht im Fairtrade-System immer darum, auch nachhaltig zu produzieren», erklärt Schmittner. Dies geschehe durch unterschiedliche landwirtschaftliche Praktiken, um den Wasserverbrauch und den CO2-Fussabdruck zu reduzieren. Darüber hinaus gebe es Verbotslisten, die den Gebrauch von bestimmten Pestiziden untersagten. «Bei Fairtrade gehen ökologische Massnahmen mit den sozialen Massnahmen stets Hand in Hand.»

Alles zum Thema Fairtrade Max Havelaar und fairer Handel hier in diesem Special: