Nach der AHV-Abstimmung – welche Herausforderungen für die Vorsorge wurden gelöst?

Zu begrüssen ist, dass das Rentenalter flexibler wurde und neu ein Teilbezug von Renten möglich ist. Die erste Säule des Schweizer Vorsorgesystems ist auch ein Stück fairer geworden: Beiträge, die nach Alter 65 einbezahlt werden, werden bei der Bestimmung der Rentenhöhe angerechnet. Auch positiv ist in meinen Augen, dass die Bevölkerung ermutigt wird, länger aktiv im Erwerbsleben zu bleiben. Dass die AHV-Reform unter dem Strich eine ausgewogene Vorlage war, wurde durch die ausserordentlich knappe Annahme bestätigt.

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Welche Herausforderungen bleiben?

Der demografische Wandel bleibt. Es wird künftig mehr Rentnerinnen und Rentner und weniger jüngere Erwerbstätige geben. Weil die AHV nach dem sogenannten Umlageverfahren aufgebaut ist, werden die Herausforderungen deshalb nicht kleiner. Die mit höchster Wahrscheinlichkeit kommenden finanziellen Probleme der AHV sind auch durch die Mehrwertsteuererhöhung und die Erhöhung des Rentenalters für Frauen nicht nachhaltig gelöst. Vielmehr wurde der Zeitpunkt, an dem die AHV in die roten Zahlen rutschen wird, rund zwei Jahre nach hinten verschoben. Das ist positiv und stärkt das Vertrauen in die erste Säule, zeigt aber auch, wie gravierend die Finanzierungslücke langfristig effektiv ist. Allerspätestens in zehn Jahren wird die Politik erneut Nägel mit Köpfen machen müssen, um die Finanzierung der AHV sicherzustellen.

Für welche Altersgruppen und beruflichen Biografien verändert sich vieles?

Durch die Mehrwertsteuererhöhung sind alle, auch AHV-Rentnerinnen und -Rentner, direkt von der Reform betroffen. Die grössten Nachteile haben aber in jedem Fall Frauen, die noch nicht im Rentenalter sind. Für die Jahrgänge 1961 bis 1969 sind Ausgleichsmassnahmen vorgesehen, welche die Auswirkungen für die «Übergangsgeneration» etwas abfedern sollen. Etwas gegen die Änderungen zu unternehmen, ist schwierig. Jüngere Frauen, die später trotz der AHV-Reform mit 64 in Rente gehen möchten, müssen die dadurch entstehende Einkommenslücke – genau gleich wie heute die Männer – aus privatem Erspartem decken. Eine frühzeitige Planung ist ratsam.

Wie muss man als Person mit konventioneller beruflicher Biografie, also immer nach der Ausbildung erwerbstätig, reagieren?

Für die meisten ändert sich unmittelbar nichts. Die Mehrwertsteuererhöhung bewirkt als Ganzes betrachtet finanziell zwar viel, die einzelnen Bürgerinnen und Bürger werden sie im Portemonnaie aber nur marginal spüren. Ich glaube, in den nächsten zehn Jahren wird es keine allgemeine Erhöhung des Rentenalters geben. Erhöht sich die Lebenserwartung aber weiter und stimmen die Prognosen zur demografischen Entwicklung, geht die Rechnung nicht auf. Schliesslich müssten dann immer weniger Arbeitstätige immer mehr Rentnerinnen und Rentner finanzieren. Wer richtig rechnet, kann bereits jetzt sagen, dass die heute Jungen mit grosser Wahrscheinlichkeit länger arbeiten müssen als bis 65.

Es gibt bei der Vorsorge viele kommerzielle Angebote – welche Vorsorgelösungen funktionieren, welche nicht?

Angebote, die vom Vertrieb stark gepusht werden, sind meist nicht erste Wahl. Sie sind zu teuer und vielfach eher kurzfristig orientiert. Um sie herum wird eine Marketingstory kreiert, die auf den zweiten Blick nicht immer hält, was sie verspricht. Durch Vertriebsprovisionen können falsche Anreize entstehen. Besser sind langfristige Strategien. Ein Portfolio, das aus breit diversifizierten und günstigen Anlagen wie etwa Exchange Traded Funds (ETF) besteht, ist in meinen Augen zielführender. Die wichtigste Regel: Ohne Risiko gibt es auch keine Rendite. Der Vorteil für Vorsorgesparer liegt darin, dass sie einen sehr langen Zeithorizont haben. Erfahrene Anlegerinnen und Anleger wissen, dass das Risiko bei Zeiträumen ab rund zehn Jahren stark abnimmt.

«Neutrale Beratung gibt es nur, wenn nichts verkauft wird.»

 

Bei «Beratungen» findet oft ein Verkaufsgespräch statt – wie sollen Interessierte das handhaben?

Beratung und Verkauf sind zwei völlig verschiedene Disziplinen. Ich glaube, eine wirklich neutrale Beratung kann es nur geben, wenn nichts verkauft werden muss. Aus diesem Grund beraten wir seit über 15 Jahren im reinen Stundenaufwand und geben alle Vertriebsprovisionen an unsere Kundinnen und Kunden weiter. Ein Beratungsunternehmen kann sich durch dieses transparente Vorgehen Interessenkonflikten entziehen. Ich würde jedem und jeder empfehlen, sich von einem provisionsfreien Honorarberater Rat zu holen. Die Pensionierung ist ein zu wichtiges Ereignis, um auf eine Beraterin oder einen Berater zu vertrauen, die oder der bei der Empfehlung auch eigene Interessen berücksichtigen könnte.

Der Honorarberater

Florian Schubiger begann seine Karriere mit einer Banklehre bei der UBS mit anschliessenden Funktionen unter anderem in der Kreditabteilung, im Anlagegeschäft und im Private Banking. Dann wechselte er zum VZ Vermögenszentrum, in die Abteilung Finanzberatung und Vermögensverwaltung. Schubiger studierte Betriebsökonomie an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW), wo er heute Lehrbeauftragter im Master-Studiengang Financial Consulting ist. Er ist Mitgründer der Vermögenspartner AG, die 2007 gegründet wurde und Kundinnen und Kunden im reinen Honoraraufwand neutral und ohne Provisionen berät. Vermögenspartner besitzt eine Finma-Lizenz als unabhängiger Vermögensverwalter. 2019 gründete Vermögenspartner die Online-Hypothekenplattform Hypotheke.ch mit Schubiger als Geschäftsführer.

Firma: Vermögenspartner

Alter: 42

Welches sind die neutralen Stellen, die weiterhelfen?

Für allgemeine Fragen zur AHV oder für eine Rentenvorausberechnung sollte man sich direkt an die zuständige AHV-Ausgleichskasse wenden. Das ist in aller Regel kostenlos. Wer eine umfassende Vorsorge- oder Pensionierungsberatung sucht, muss sich an ein privates Beratungsunternehmen wenden. Ich rate, sich vom Unternehmen vor einer Beratung bestätigen zu lassen, dass im Hintergrund fliessende Provisionen transparent ausgewiesen werden. Es ist sinnvoll, mehr als ein Gespräch mit unterschiedlichen Unternehmen zu führen. Ein Erstgespräch ist aller Regel auch bei einem Honorarberater kostenlos.

Und, als Ausblick auch vor dem Hintergrund der Demografie und der Inflation, worauf sollte man sich im Hinblick auf die Vorsorge einstellen?

Die erste Säule, die AHV, wird weiterhin stark bleiben. Das ist politisch und von der Bevölkerung so gewollt. Sie hat bewusst einen solidarischen Charakter und dient zur Umverteilung – insbesondere von Reich zu Arm. Das ist sinnvoll. Dazu gehört auch, dass die AHV-Rente seit Jahrzehnten stärker steigt als die Inflation. Leistungskürzungen sind in meinen Augen auch langfristig nicht zu erwarten.

Und die zweite Säule?

Die macht mir mehr Sorgen. Die Umwandlungssätze gehen seit Jahren zurück, und es bleibt immer weniger für die angehenden Rentnerinnen und Rentner übrig. Kann auf Kapitalanlagen keine vernünftige Rendite erzielt werden, gesunden sich viele Pensionskassen, indem sie die Renten nicht der Inflation anpassen. Das ist gesetzlich erlaubt. In die Röhre schauen die Versicherten. Weil sich die zweite Säule über das Kapitaldeckungsverfahren finanziert, ist Umverteilung nicht gewollt. Trotzdem findet sie massiv statt, beispielsweise durch einen hohen gesetzlichen Mindestumwandlungssatz im BVG-Obligatorium und viel tiefere Umwandlungssätze im überobligatorischen Bereich. Diese Art von Umverteilung ist intransparent, und zu Recht wehren sich viele Versicherte und Politiker mit Händen und Füssen dagegen. Eine Reform der zweiten Säule ist schwieriger, weil sie deutlich komplexer ist als die erste Säule. Komplizierte Abstimmungen werden an der Urne regelmässig versenkt.

Was tun?

Den Leistungseinbruch in der zweiten Säule müssen alle durch privates Sparen kompensieren. Freiwillige Einkäufe in die zweite Säule können Lücken schliessen. Auch die Säule 3a kann ein sinnvolles Vorsorgeinstrument sein. Wer langfristig eine ansprechende Rendite erzielen will, wird auch in Zukunft an Aktien nicht vorbeikommen. Wer heute zur jüngeren Generation gehört und privat nicht vorsorgt, wird im Alter seinen Lebensstandard nach unten anpassen müssen.