Chinas  Bruttoinlandsprodukt wuchs im dritten Quartal nur um 4,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wie das Nationale Statistikamt am Montag mitteilte. Im vorangegangenen Quartal hatte es noch 7,9 Prozent betragen, während in einer «Bloomberg»-Umfrage unter Wirtschaftswissenschaftern im Durchschnitt 5 Prozent prognostiziert worden waren.

Pekings strengere Restriktionen für den Immobilienmarkt haben die Bautätigkeit gebremst und die Finanzierung des Sektors verknappt. Inzwischen greift die sich verschärfende Schuldenkrise um China Evergrande auch auf andere Bauträger über und trägt zu einem Einbruch der Grundstücksverkäufe bei. 

Auch interessant

Darüber hinaus zwangen Stromengpässe im September die Fabriken dazu, ihre Produktion zu drosseln oder ganz zu schliessen, während strenge Massnahmen zur Eindämmung sporadischer Ausbrüche des Coronavirus die Konsumentenausgaben weiter belasteten.

Das vierte Quartal wird noch schwächer

«Die Investitionsseite der Nachfrage ist recht schwach, und die Auswirkungen der Stromknappheit auf der Angebotsseite sind ebenfalls ziemlich schwerwiegend», sagte Helen Qiao, Chefökonomin für China bei der Bank of America, in einem Interview mit «Bloomberg TV». Das Wachstum im vierten Quartal werde wahrscheinlich auf 3 bis 4 Prozent sinken, fügte sie an.

Chinas Aktien-Benchmark CSI 300 verringerte seinen Verlust um 10.04 Uhr in Shanghai auf etwa 1,2 Prozent, nachdem er zuvor noch 1,7 Prozent betragen hatte. Anleihefutures machten ihre Verluste wett, wobei die Zehnjahreskontrakte um 0,4 Prozent fielen.

Keine Eile bei Chinas Regierung

Es wurde immer erwartet, dass sich das Wachstum im dritten Quartal verlangsamen würde, da die Vergleichsbasis vor einem Jahr höher war. Die Schwere der Energiekrise und der Rückgang des Immobilienmarktes haben jedoch die Ökonomen und Ökonominnen überrascht und viele dazu veranlasst, ihre BIP-Prognosen für das gesamte Jahr nach unten zu korrigieren. 

Der Gouverneur der People’s Bank of China, Yi Gang, sagte am Sonntag, der Aufschwung sei nach wie vor intakt, auch wenn sich die Wachstumsdynamik «etwas abgeschwächt» habe. Er sagte voraus, dass die Wirtschaft in diesem Jahr um etwa 8 Prozent wachsen werde.

Das ist höher als Pekings bescheidenes Jahresziel von über 6 Prozent, was darauf hindeutet, dass die Behörden es nicht eilig haben, die Konjunktur zu beleben, um den Abschwung aufzuhalten. Wirtschaftsexperten und -expertinnen erwarten gezielte fiskalische und geldpolitische Unterstützung, wobei die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Senkung des Mindestreservesatzes für Banken geringer ist. 

Hausverkäufe sind eingebrochen

Auch wenn die Arbeitslosenquote gesunken ist, «ist es eine unbestreitbare Tatsache, dass das Wachstum im dritten Quartal rapide zurückgegangen ist und nicht mit der Arbeitslosenquote übereinstimmt», sagte Raymond Yeung, Chefökonom für Greater China bei der Australia & New Zealand Banking Group. «Die Aussichten bleiben angesichts der Energieknappheit und der Beschränkungen im Immobilienbereich anfällig.» Chinas Wohneigentumsverkäufe brachen durch die Krise um Evergrande um 17 Prozent ein, berichtete «Bloomberg».

Das Ausmass des Immobilieneinbruchs und der Energieknappheit zeigte sich in den vorgelagerten Sektoren wie Stahl und Zement, die schrumpften. Die Kohleproduktion ging im September gegenüber dem Vorjahr um 0,9 Prozent zurück, während die Kohleimporte um 76 Prozent anstiegen.

«Zuversichtlich und in der Lage, unsere Ziele zu erreichen»

Die chinesische Zentralbank verzichtete am Freitag auf eine Liquiditätsspritze für das Finanzsystem und forderte gleichzeitig die Kreditgeber auf, die Kreditvergabe an den Immobiliensektor «stabil und geordnet» zu halten. Wirtschaftsexpertinnen und -experten erwarten, dass die lokalen Regierungen gegen Ende des Jahres den Verkauf von Anleihen ankurbeln werden, um Infrastrukturinvestitionen zu unterstützen.

Premierminister Li Keqiang äusserte sich in einer Rede in der vergangenen Woche zuversichtlich zur Wirtschaft und sagte, China habe sich in diesem Jahr «den Herausforderungen gestellt», unter anderem den schweren Überschwemmungen und einem «komplexen» internationalen Umfeld. «Im dritten Quartal dieses Jahres hat sich das Wachstum aufgrund verschiedener Faktoren etwas abgeschwächt, aber für das gesamte Jahr sind wir zuversichtlich und in der Lage, unsere allgemeinen Entwicklungsziele zu erreichen», hielt er fest.

(bloomberg/gku)

«Schweiz und Europa im Banne Chinas»

Mehr zum Thema China und seinen Einfluss auf die Schweiz und auf Europa erfahren Sie am diesjährigen Annual Meeting des Europa Forum Luzern. Das internationale Gipfeltreffen von Politik, Wissenschaft und Wirtschaft findet am 24./25. November im KKL statt. Programm und Tickets finden Sie unter europaforum.ch

HZ-Musterportfolios

Aktuelle Markteinschätzungen und Wissensbeiträge rund ums Investieren