Die Software-as-a-Service-(SaaS-)Geschäftsmodelle florieren: Die am höchsten bewerteten Softwarefirmen sind derzeit Adobe mit rund 250 und Salesforce.com mit 200 Milliarden Dollar. Mit dem Anstieg der Zinsen und dem raueren makroökonomischen Umfeld haben viele gelistete SaaS-Firmen begonnen, ihre Wachstumsambitionen zugunsten der freien Cashflows zu reduzieren, heisst es in einer Analyse von Meritech Capital, einer Risikokapitalfirma aus den USA.

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Während es vor zwei Jahren noch 17 Monate gebraucht hatte, bis die ganzen Marketing- und Overhead-Kosten bei durchschnittlichen Verträgen eingespielt werden konnten, muss man jetzt mit über 30 Monaten rechnen. Und es ist zunehmend anspruchsvoller, weitere Kundinnen zu gewinnen, und die SaaS-Unternehmen halten auch ihre eigenen Ausgaben strikt unter Kontrolle. Belohnt wird das mit einer besseren Bewertung: Die liegt sowohl bei den gelisteten als auch bei vielen ungelisteten Firmen deutlich höher, wenn nachhaltige Gewinne erzielt werden.

 

Geheime Datenräume

Für viele Startups sowie ihre ersten Firmenkundinnen sind SaaS-Geschäftsmodelle aus einem weiteren Grund unverzichtbar: Hier können die Kundinnen und Kunden erst einmal ausprobieren, bevor sie etwas kaufen. Es sind keine weiteren Hardware- und Software-Installationen bei der Kundschaft erforderlich, Verträge lassen sich rasch und kostengünstig abschliessen, und wenn der Bedarf rasch steigt, ist das für die Beteiligten kein Problem – Kapazitäten sind in den Cloud-Rechenzentren der grossen Hyperscaler ausreichend vorhanden.

Decentriq mit Sitz in Zürich beispielsweise beschäftigt sich mit der «gesetzeskonformen Nutzung selbst der sensibelsten Daten» in sogenannten Datenreinräumen. «Wir haben eine Plattform gebaut, die es ermöglicht, sensitive Daten gemeinsam in einer sicheren Umgebung zu analysieren – ohne dass diese zu irgendeinem Zeitpunkt einsehbar sind», erklärt eine Sprecherin des Unternehmens. Das erfordere eine hohe Kompetenz in Kryptografie und Produktentwicklung.

Decentriq ist eine Cloud-basierte Plattform. Darauf nimmt die Firma eine spezialisierte Cloud-Infrastruktur in Anspruch, die auf durchgehender Verschlüsselung aufbaut – Confidential Computing. Über die sichere Infrastruktur hinaus ist es für das Unternehmen besonders wichtig, dass die Lösung möglichst einfach in die tagtägliche Arbeit der Kunden passt. Deswegen hat man beim Design der Schnittstellen dafür gesorgt, dass sie mit existierenden Softwarelösungen kompatibel sind.

Bei der Datenkollaboration gibt es gewisse Use-Cases, bei denen Decentriq KI einsetzt. Zum Beispiel bei einem Produkt namens «Lookalike Clean Rooms» werden im Werbe- und Medienbereich First-Party-Daten als Basis genommen, um ein möglichst effektives Targeting mittels KI zu generieren. Aufgrund von Confidential Computing liefert man dabei einen maximalen Schutz sensibler Daten. In dieser Form seien die datenschutzkonformen «Lookalikes» eine Neuheit.

 

Der Kundschaft voraus

Planradar mit Sitz in Wien hat eine digitale Plattform «für den gesamten Gebäudelebenszyklus» entwickelt. Hierzu gehören Baubesprechungsunterlagen, Baustellenberichte, Mängel- und Wartungslisten. «Die grösste Herausforderung ist mitunter, Akzeptanz und Bewusstsein für die Vorteile der Digitalisierung bei den Unternehmen in der Bau- und Immobilienbranche zu schaffen», sagt Rudi Pistora, Director West Europe bei Planradar. «Wir haben unsere Kundinnen und Kunden zum Stand der Digitalisierung befragt, und 77 Prozent gaben an, dass die Einführung neuer Technologien in ihrem Team oder Unternehmen schwierig ist.»

Die Kompatibilität mit Drittsoftware ist laut Pistora für viele Unternehmen ein entscheidendes Kriterium bei der Auswahl ihrer Partner. Aus diesem Grund habe man bereits letztes Jahr Planradar Connect veröffentlicht. Es ermöglicht der Kundschaft, Planradar mit über 200 anderen Anwendungen ohne Programmieraufwand zu integrieren, darunter Sharepoint oder Outlook. KI stecke in der Bau- und Immobilienbranche noch in den Kinderschuhen.

«Die Einstiegshürden in unser Geschäft sind aufgrund der komplexen Technologie hinter dem Scanbot SDK sehr hoch», sagt Maximilian Stratmann, Chief Revenues Officer bei Scanbot SDK mit Sitz in Bonn (D). Die Firma entwickelt Scan-Software für mobile Endgeräte. Das Scanbot SDK wurde laut Stratmann über viele Jahre entwickelt und durch das Feedback von Millionen Nutzerinnen und Nutzern verfeinert. Es würde enorm viel Zeit, Kosten und technisches Know-how erfordern, eine vergleichbare Software zu entwickeln. Denn für eine optimale Scanqualität, die weit über die Qualität einfacher Fotos hinausgeht, seien einige Feinheiten zu beachten. So müssten beispielsweise auch zerknitterte oder kontrastarme Dokumente zuverlässig gescannt und Daten aus verschmutzten Ausweisen fehlerfrei extrahiert werden können. «Computer-Vision-Algorithmen helfen dabei – zum Beispiel bei der Erkennung von Dokumentenkanten», so Stratmann. «Algorithmen haben aber immer ihre Grenzen, wenn bestimmte Bedingungen nicht erfüllt sind. Deshalb arbeiten wir zusätzlich mit Machine-Learning-Modellen. Sie generalisieren zumeist besser.»

Software as a Service geht nicht ohne Datencenter

Sämtliche Software-as-a-Service-Unternehmen (SAAS) benötigen Rechenzentren (RZ) beziehungsweise Datencenter (DC). Gemäss Schätzungen gibt es davon in der Schweiz zwischen 2000 und 3000, wobei oft aber nur die ganz grossen der sogenannten Hyperscaler wie Amazon Web Services, Microsoft und Google erwähnt werden.

In der Schweiz gibt es die Swiss Datacenter Efficiency Association (Sdea), welche die Schweiz zu einem attraktiven Standort für grüne Rechenzentren machen will. Der Verband hat weltweit das erste Label entwickelt, das Transparenz schafft bezüglich Energieeffizienz und Klimaauswirkungen des gesamtem Rechenzentrumsbetriebs (bereits Sdea-zertifiziert sind HPE, SIX, Swisscom). Dabei berücksichtigt man nicht nur die veraltete Branchenkennzahl PUE, sondern auch die effiziente Nutzung der gesamten IT-Infrastruktur, die Nutzung der Abwärme und die CO2-Emissionen des verwendeten Stroms.

Laut Babak Falsafi, Präsident der Sdea, sollten Startups «nachhaltige» Cloud-Anbieter bevorzugen, die erneuerbare Energiequellen priorisieren, energieeffiziente Rechenzentren haben, die Abwärme des Rechenzentrums wiederverwenden, die Serverauslastung maximieren und transparente Nachhaltigkeitsberichte führen.

Startups könnten aber auch selbst einen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit leisten, indem sie ihre Daten effizient verarbeiten, austauschen und speichern. Das bedeutet, dass sie den gesamten IT-Ressourcenverbrauch reduzieren müssten, um ihre Bedürfnisse zu erfüllen.

In der Schweiz gibt es laut Falsafi etwa neunzig Rechenzentren mit Colocation-Angeboten. Etwa die Hälfte davon wurde nach 2010 in Betrieb genommen, was gemäss Sdea zeigt, dass sich die Schweiz erfolgreich als attraktiver Standort für Rechenzentren etabliert hat – unter anderem wegen der politischen Stabilität, der sicheren Stromversorgung, der guten Konnektivität und des guten Rufs für technische Innovation.

In Zukunft würden laut Falsafi die Emissionen vor allem durch die Verwendung von Large Language Models (LLM, die Algorithmen hinter der generativen KI) entstehen. Da die Nutzung von LLMs exponentiell ansteigt, sei zwar der CO2-Ausstoss bei jeder einzelnen Abfrage vernachlässigbar, aber der Gesamt-CO₂-Ausstoss werde massiv ansteigen, da der Rechenbedarf in den letzten zehn Jahren im Durchschnitt um das Sechsfache pro Jahr gestiegen ist. (mn)

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Dieser Artikel ist im Rahmen der NOAH-Konferenz entstanden, eine digitale und physische Plattform für digitale Champions und Marktführer im Bereich Nachhaltigkeit.