Mit ihrem Stahlgehäuse, der achteckigen Lünette, den Sechskantschrauben, dem Lederzifferblatt und dem integrierten Armband hat die Royal Oak ihren Namen in die Geschichte der Uhrmacherei eingraviert. Wie viele Ikonen wurde auch sie unter einzigartigen Bedingungen geboren.

«Alles an dieser Uhr ist besonders», betont François-Henry Bennahmias, der Generaldirektor der Marke, «denn sie wurde nicht einmal in den Räumen von Audemars Piguet geboren.» Die Idee wurde von den Händlern, vor allem in Italien, geweckt, die Innovationen, auffällige Modelle und einen sportlicheren Geist suchten. Zu dieser Zeit waren die von der Manufaktur in Le Brassus hergestellten Modelle sehr klassisch, so wie die anderer Marken auch. In der kleinen, leisen Welt der Haute Horlogerie gab es keine Exzentrik.

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Die Freiheit zum Kult erhoben

Die Legende besagt, dass der damalige Direktor von Audemars Piguet 1971 am Vorabend der Uhrenmesse in Basel den talentierten Designer Gerald Genta kontaktierte. Dieser wurde beauftragt, innerhalb kürzester Zeit ein kühnes Modell zu entwerfen, das den Erwartungen der Einzelhändler entspricht. Das von Gerald Genta entworfene Modell fiel völlig aus dem Rahmen.

Die Royal Oak schien für die damalige Zeit unwirklich zu sein, nicht nur für das Publikum, sie stiess auch intern auf starke Ablehnung, da sie mit den Traditionen brach. Es ist die Zeit, in der Quarzuhren die Märkte erobern und dunkle Wolken über der Schweizer Uhrenindustrie aufziehen. Alle Hersteller befürchten, von den japanischen Konkurrenten aufs Abstellgleis geschoben zu werden, und viele halten den Zeitpunkt für ungünstig, um Risiken einzugehen.

Aber die Einzelhändler sind von diesem «UFO» begeistert und drängen auf die Einführung. Zunächst wurden nur tausend Stück produziert, die in Italien schnell ausverkauft waren. Aber dann wurden auch die anderen Märkte nach und nach erobert.

Die Jahre nach 1968 boten einen fruchtbaren Nährboden. Die Freiheit wurde zum Kult erhoben und die Royal Oak brach mit allen Codes der Uhrmacherei. Sie setzte sich über alle Beschränkungen hinweg und wagte, was andere nicht wagen.

Während heute zahlreiche Zifferblätter mit einem Durchmesser von 44 Millimeter und mehr angeboten werden, war dies bei der Herstellung der Uhr in Le Brassus noch nicht der Fall. In den 1970er Jahren wurden die 39 Millimeter der Uhr als masslos bezeichnet. Das brachte ihr unter Uhrenliebhabern schnell den Spitznamen Jumbo ein. Dieser Name wurde im Laufe der Zeit auch von Audemars Piguet selbst übernommen.

Die 39 Millimeter der Royal Oak waren auf technische Einschränkungen zurückzuführen: Zu den 28 Millimeter des Kalibers 2121 kamen noch die acht Sechskantschrauben hinzu, die das Gehäuse durchziehen – das Herzstück dieses Modells. Für diese Schrauben musste neben dem Uhrwerk Platz gelassen werden. Die Schrauben wurden bis dahin nie gezeigt, sondern mussten sorgfältig versteckt werden. Diese Besonderheit wurde zur Signatur der Uhr – eine Kühnheit, die oft kopiert und von der Konkurrenz übernommen wurde.

Und schliesslich wurde noch ein weiteres Tabu gebrochen. Eine Uhr aus Stahl, einem Material, das normalerweise für weniger wertvolle Uhren verwendet wurde, und aus einem einteiligen Gehäuse, wurde zum Preis einer goldenen Luxusuhr verkauft: für 3650 Franken. Zum Vergleich: Eine Rolex Submariner kostete zur gleichen Zeit rund 1000 Franken. Ein unverhoffter Impuls für die neue Uhr: Wichtige Persönlichkeiten begannen, die Royal Oak an ihrem Handgelenk zu tragen, und lösten damit die heute bekannte Begeisterung aus. Zu den Vorreitern gehörte auch der Chef des Fiat-Konzerns, Giovanni Agnelli. Er trug 1974 die Royal Oak am Arm und erweiterte den Kundenkreis. Ein Wendepunkt für das Schicksal des Rebellen.

Der italienische Markt ist auch heute noch der Testmarkt für das Design der Marke. François-Henry Bennahmias glaubt, dass, wenn die Italiener mitmachen, der Erfolg auf fast allen anderen Märkten garantiert ist. Die Ikone aus Le Brassus wurde später von Sportlern, Schauspielerinnen, Models, Sängerinnen und Rappern gleichermassen adoptiert.

Der Charme wirkt weiter

Anlässlich des halben Jahrhunderts ihres Bestehens wurde die Geschichte der Uhr in Zürich, New York, Dubai und Schanghai in Ausstellungen präsentiert. Darüber hinaus wurden während des Jubiläumsjahres zahlreiche Sondermodelle der Royal Oak lanciert. Dazu gehören verschieden grosse Modelle mit Automatikaufzug für Stunden, Minuten, Sekunden und Datum, aber auch Automatikchronographen. Sie haben eines gemeinsam: Ihre ästhetischen Merkmale ähneln dem Originalzeitmesser von 1972, obwohl dezente Weiterentwicklungen am Gehäuse, Armband und Zifferblattdesign erkennbar sind.

Audemars Piguet verkaufte in der ersten Hälfte dieses Jahres mehr Uhren auf Auktionen als im gesamten Jahr 2021. Der Rebell hat nichts von seinem Charme verloren und wird die Liebhaberinnen und Liebhaber edler mechanischer Uhren wohl auch noch mindestens die nächsten fünfzig Jahre begeistern.